Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1844
- Issue
- 45 (9.11.1844)
- Date
- 1844-11-09
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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178 Erlöset waren nun die Sklavenbande, Nachdem sie durch Jahrhunderte gewährt; Ln öder Wüsten unfruchtbarem Sande - Hat Gott sein Volk dann mächtiglich genährt. Da wollt' es Durchzug durch des Bruders Lande. Doch selbst der Bruder hat ihm dies verwehrt; Bis endlich es mit kampfgewohnter Hand Errang das längstverheiß'ne Heimathsland. Im steten Kampf mit mächtigen Nationen, Erklimmt es schnell der Völkergröße Ziel; Und war auch mancher Träger seiner Kronen, Zuweilen böser Leidenschaften Spiel — So fanden viel Beherrscher seiner Thronen, Auch im Gesetz ein schützendes Asyl; — Doch inn'rer Kampf zerriß der Einheit Band Und hin war Größe, Volksthum, Macht und Land. Wer schildert wohl die tausendfachen Qualen, Die Mord und Rachedurst von da geübt; Wer wagt's die blut'gen Scenen wohl zu malen, Wo ist die Feder, die sie wiedergiebt? — Erloschen waren ihrer Größe Strahlen, Sie hat des Feindes Uebermacht getrübt? Und was der Herr noch wunversam erhält Irrt ohne Heimath in die weite Welt. Doch hat Verzweiflung nicht den Sieg errungen, Im Kampfe mit der heil'gen Religion; Den Wen'gen ist der große Wurf gelungen, Zu tragen duldsam der Barbaren Hohn, Die Harfe, welche sonst so hell geklungen Hing nun am Bachgesträuch kn Babylon; Dort hat um Zion Israel geweint, Doch hat mit Trauer — Hoffnung sich vereint. Ja, Hoffnung! schwaches Häuflein der Hebräer, Denn Gott bleibt seinem Worte ewig treu; Ein Antiochus findet Makkabäer, Ein j«der Haman seinen Mardechai; — Nur tilg' aus deiner Mitt' die Pharisäer Daß dir bald neu erblüh' des Lebens Mai; Wo Gottvertrauen deinen Muth beseelt Da wird die inn're Lebenskraft gestählt. (Beschluß folgt.) Des Juden Vaterland *). Als im vorigen Jahre die rheinischen Stände über die Emancipation der Juden deliberirten, trat einer jener braven Männer auf, ich glaube, es war ein Geistlicher, und wies geschichtlich nach, daß schon in den römischen Zeiten Juden an den Ufern des Rheins gewohnt haben, daß sie nicht Fremd- Urige, sondern Eingeborne seien und als solche betrachtet wer¬ *) Vergl. ״die Juden in Rußland." Hamburg, 1844. ,8. Hoffmann und Kampe." Die Red. den müßten, daß ihnen also dieselben Rechte zukommen, als den übrigen Theilen der Bevölkerung. — Ich gestehe Ihnen, so sehr ich auch den Eifer dieses Mannes schätze und anerkenne, so schien es mir doch sonderbar, daß er einen solchen Nachweis für nöthig hielt. Also immer noch der alte Vorwurf: die Juden sind Fremdlinge im Lande, sind nichts weiter als eine geduldete Nation! rief ich unwillkürlich aus. Daß seit Jahrhunderten die Juden im Lande — leiden und dulden, sehr oft die härtesten Grausamkeiten, Druck und Verfolgung zu ertragen hatten, ist denn das kein Beweis, das sie schon lange genug im Lande wohnen und nicht erst seit gestern und vorgestern hieher gekommen sind? Und weil sie eine andere Religion bekennen, sind sie deshalb Fremdlinge? Sind Jahrhunderte nicht hinreichend, sie zu Einwohnern und Bürgern des Landes zu machen? Und welche Erinnerungen knüpfen sich an diese vergangenen Jahr- Hunderte! Ausrottungen, Erpressungen, Bedrückung und Verfolgung, leider mehr als eine Bartholomäusnacht! — Und wenn nun ein Theil der Einwohner des Landes so lange geduldet und gelitten hat, — sollen sie da noch Fremdlinge sein, sind sie nicht durch ihre Leiden zu Bürgern des Staates geworden? Ist nicht der Staat verpflichtet, das an ihnen wieder gut zu machen, was der Fanatismus früherer Jahrhunderte ihnen Uebles zugefügt? — Sie finden meine Logik vielleicht sonderbar; aber ich denke, daß es so Recht wäre, daß der Staat auszugleichen habe, was noch lücken- Haft ist, daß er also auch tilgen solle die Schulden der früheren Zeit und die Juden als Bürger anerkennen, da sie sonst nur immer die Gedrückten waren, und die Sonne des Rechts ihnen bisher nicht leuchtete; den Regierungen liegt es ob, darzuthun, daß ein Unterschied herrscht zwischen den vergangenen Jahrhunderten und dem unsrigen, daß wir in Humanität und Erkenntniß fortgeschritten sind und das Urtheil des späteren Geschichtsschreibers nicht zu fürchten haben, damit die Geschichte unser Jahrhundert nicht einst mit Schmach bedecken wird! So las ich letzlich in einer Schrift über die Juden in Oesterreich, wie der Verfasser derselben aus den Leichensteinen des Prager Judcn-Kirchhofs den Beweis liefert, daß die Juden früher im Lande waren, als die christlichen Einwohner desselben, und in einer Zeitschrift (der Grenzbote) ward der wohlgemeinte Rath gegeben, doch ja überall gehörig nachzuforschen, ob nicht dergleichen Merkwürdigkeiten sich auch anderweitig finden, ob sich dadurch nicht etwa Herausstellen werde, daß die Juden in diesem oder jenem Lande schon seit so und so viel Jahrhunderten wohnen u. s. w. — Sie wissen es, wie sehr ich jeden neuen Gedanken, aus dem die Nothwendigkeit und die Verpflichtung der Emancipation der Juden hervorgeht, lobe; aber hier kann ich unmöglich beistimmen. Wenn die Juden erst nöthig haben, zu beweisen, daß sie seit anderthalb Jahrtausenden in Deutschland wohnen, und darauf ihr Recht gründen wollten, so würde das Akccht durch diesen Nachweis allerdings vollständig begründet sein; aber ich sollte doch meinen, daß es vollkommen überflüssig wäre, zu solchen Mitteln seine Zuflucht zu neh-