Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1844
- Issue
- 43 (26.10.1844)
- Date
- 1844-10-26
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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m Das jüdische Familienleben. I. Die Mütter. (Beschluß.) Wie rührend erlebten wir oft das Walten der Frauen mitten in der Familie! Wenn der Hausvater den langen, mühseligen Tag entweder mit Waaren belastet umhergewandeck war, oder sich mit seinem Trödelhandel Tag für Tag abgearbeitet hatte, und dann mit dem Spalabende nach seinem Hause zurückgekehct war, dann empfing ihn seine treue Hausfrau, theilte in Liebe seine kargen Freuden wie seinen innern Kummer über vorfallende oder drohende Verluste; tröstete und beruhigte; rieth oder half, und versöhnte ihn stets mit den nimmer fehlenden Kränkungen einer übelgesinnten Maste. Kam nun gar der Tag der Ruhe, so ward auch die ärmlichste Hütte in eine festliche Wohnung verwandelt, so daß der tiefgebeugte, von Kummer und Sorgen niedergedrückte Hausvater wenigstens einmal die Woche in einen lebensfrohen und freien Mann sich umgestalten konnte. Dazu wirkte vor Allem die stille Sitte der Frauen und Jungfrauen. Diese zierten das Gemach, deckten mit weißem Drillich den Tisch und rüsteten das Mahl. Dann ward alle Sorge und alle Mühe entlasten; denn ein überirdischer Geist war eingezogen und halte von den Fittichen der Seele den schweren Staub der Erde, der sich lahmend darauf gelagert, abgewischt. Der Gedanke an Gott, an den Heiligen Israels, wandelte durch das festliche Haus und waltete in seiner Mitten. Dieses'seelenvolle Stillleben jüdischer Familien, wie es bereits früher besonders geschildert worden, war begreiflich nur den Mit genosten in seiner ganzen Vedeutfamkeit verständlich, und erscheint wohl Manchem, der sich von der alten Art des elterlichen Hauses entfernt hat, wie ein fernes dahingegangenes, jetzt mit wehmuthsvollem Nachblicke aus weiter Ferne dämmerndes Zauberland, voll kindlicher Traume der Unschuld und der Sitteneinfalt. Mancher andere sieht dahin zurück, wie der Fremdling, ohne den Geist, der drinnen webte, zu empfinden, und betrachtet mit Spott und aberwitzigem Mitleid die verschwundene Sitte der Vater. Wir mögen das erste nicht preisen um das zweite, zu tadeln, denn das geistige Leben soll weder das eine, noch das andere: es soll weder mit Spott noch mit Schmerz eine Vergangenheit verachten oder zurückwünschen, wohl aber, sie mit Pietät und Gerechtigkeit würdigend, eine noch mehr veredelte Zukunft vorbereiten und herbeiführen helfen. Doch muß anerkannt werden, daß dem Fortschritte zur besseren Zukunft, der Rückblick und das Festwurzeln in einer ruhmwürdigen Vergangenheit als sicheres Mittel zu Grunde gelegt werden müsse. Wie können wir gute Vater werden, s o wir nicht gute Söhne waren? Das, was wir von unfern Nachkommen erwarten, müssen wir selbst zuvor an unfern Vorfahren geübt haben. Und wie viel Anlaß wir haben, mit Ehrfurcht und Liebe ihr Andenken zu feiern, haben wi-r vielfach schon gesehen. Wir sahen dies an unfern Vätern und noch mehr an unfern Müttern. Der Leser wird mir's zu Gute halten, wenn ich bei diesem Kapitel länger, als wohl billig ist, verweile. Auch ich habe eine Schuld der Pietät, wie Viele mit mir, abzutragen, und wollte diese Worte mit auf das Andenken der'Meinigen, der frühe von der Erde Geschiedenen, gesprochen haben; 'denn auch meine Mutter war in dieser Beziehung eine israelitische Mutter im vollen Sinne des Wortes und ward früh ihren unmündigen Kindern beides, Vater und Mutter zugleich. Verfiel nun gar die Familie in Armuth und Elend, so wußte die treffliche Mutter auch da noch Rath zu schaffen, indem sie in der Regel selbst dies oder jenes Gewerbe ergriff, ihren schwachen, kranken Mann und ihre Kinder mit Anstand zu ernähren. Nicht selten wurde sie gleich anfangs genöthigt, den Erwerb und die äußerlichen Angelegenheiten zu besorgen. Dies lag aber wiederum an der schon erwähnten damaligen Erziebungsweile. Es war nämlich allgemeiner Brauch, daß ein zu höherem Reichrhume gelangter Vater seine Söhne in den heiligen Schriften und namentlich im Talmud unterrichten ließ. Dieser Unterricht war eines Theils für die Begabteren unter den Söhnen schädlich, weil er ihre ganze geistige Kraft in Anspruch nahm und das für Unzählige spitzfindige Controversen, in welchen die jugendliche Seele herumgejagt wird, durch welche ihnen fürs praktische Leben ein übertriebener Witz mitgetheilt, die schlichte Tüchtigkeit aber und der gerade Verstand entzogen ward. Es entsprang aus dieser Quelle, jenes Nationalleid vorlauter Superklugheit, das erst nach und nach wieder überwunden werden konnte; andererseits ward dies Studium wirklich anziehend und zugleich erschöpfend, und machte zum gewerbthatigen Leben in der Regel unfähig. Daher kam es, daß dermminder Fähigen die Wirksamkeit nach außen anheim siel; der Fähigere aber dafür einer Thätigkeit, die der Erhaltung der Familie so nothwendig war, entzogen wurde. Und hier war es denn meistens wieder dir tüchtige Hausfrau, welche die Pflicht der Männer übernehmen mußte und freudig übernahm. Ich selbst war Zeuge, mit welcher Hingebung ׳und Bereitwilligkeit dies geschehen konnte. Eine ganze Gallerie hoher weiblicher Charaktere׳ könnte an dieser Stelle aufgeführt werden : Hoher Begeisterung und unerschrockenen Muthes, planvoller Klugheit und entsagender Aufopferung. Der ehrwürdige Hausvater, damit er seine Studien ungestört fortsitzen könnte, ward gebüthet und von allen Seiten geschont. Er erfuhr kaum die Noch, und wußte nicht um die schwere Last seiner liebevollen frommen Hausfrau. Diese war nur besorgt, ihm ein harmlos ruhiges Leben zu bereiten und Alles zu entfernen, was seine Studien und seinen stillen, gottgefälligen Wandel hätte unterbrechen können. So war das Leben und Streben der edlen. Mütter in Israel. (Schluß des ersten Aufsatzes.)