Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1844
- Issue
- 42 (19.10.1844)
- Date
- 1844-10-19
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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166 zu klagen. Bei genauerer Prüfung zeigt sich die Sachlage als eine ganz andere. Vergleichen wir die Stellung des israelitischen Frauenzimmers gegen das griechische, Beider zu der Blüthezeit der bürgerlichen Verfassungen beider Nationen: so können wir nicht anders, als der Stellung des israelitischen den Vorzug einraumen. Was dem israelitischen Frauenzimmer dazumal im Verhältnisse ׳zum Manne abging, bestand größtentheils im eigentlichen Erbrechte. Indem nämlich die Vertheilung der Ländereien nach der männlichen Bevölkerung vorgenommen ward, die Frauen aber nur unter bestimmten Vorkommnissen mit zur Theilung gingen, so war, da das Volk ein ackerbauendes war, der eigentliche Besitz an das männliche Geschlecht geknüpft, und die Familiennamen und Familien- Häupter waren ausschließlich diesem Geschlecht« angehörig. Sonst aber waren in allen höheren geistigen Beziehungen die Frauen den Männern gleichgestellt; in den griechischen Staaten dagegen waren auf die Gynäceen beschrankt, und nur Frauen von zweideutigem Rufe konnten sich dem Zwange ihres Geschlechts durch das größere Opfer ihrer Züchtigkeit entziehen. Das Frauenzimmer in Israel hatte seinen gleichen unbestrittenen Antheil an den höchsten Angelegenheiten seines Volkes in Politik und Religion: in dem hochgebildeten Griechenland introducirte es nur in unsauberer Parodie in die Agora der spottenden Lustspieldichters Aristophanes. Die altisraelitische Mschichte feiert die Namen der Heldinnen Debora und Jaal, sie feiert die Namen der Prophetinnen Miriam und Hulda, während noch heute im hochgebildeten Europa ein nichtswürdiger Handwerksneid die Schriftstellerei der Frauen mit Spitznamen verunglimpft und die Würdigen, die sich dem edlen Berufe redender Künste weihen, mit der Bezeichnung von ״Blaustrumpf" — (die sich noch dazu vom freiesten und stolzesten Volke Europa's herschreibt) — verächtlich zu machen beabsichtigt. Was ferner die Polygamie betrifft, so möchte diese sowohl dort, wie überall, von dem Naturgesetze gleichzähliger Geburten im Allgemeinen sehr beschränkt gewesen sein und nur in jenen Regionen gewaltet haben, wo sie — noch Heu- Ligen Tages nur unter etwas anderem Namen angetroffen wird. Die Ehe war heilig, und ihr Bruch mit der Todesstrafe belegt, wenngleich der Begriff des Ehebruchs bei strenger Monogamie verschieden von dem Brauche des Orients und dem zufolge erweitert werden mußte. So war die Stellung der Frauen in Israel in öffentlichen Angelegenheiten keinesweges eine gedrückte, sondern der heut zu Tage in der gebildeten Welt herrschenden so ziemlich zu vergleichen. War sie aber in Beziehung zum öffentlichen Leben eine freie zu nennen, so war ihre Stellung in der Familie noch eine höhere, hier war sie eine heilige. Wer daran zweifelt, der lese manche Erzählungen, die uns in die Familienverhaltnisse des alten Israelitenthums 'einführen, besonders die Geschichte der frommen Hannah, der Mutter Samuel's; der lese den wunderbaren Feiergesang des glorreichen Königs selbst auf die fromme Hausfrau, der eine ׳Schilderung und eine Sehnsucht nach jener ״kostbaren Perle" darbietet, die ihm, selbst unter seiner Frauenschaar, nur als Fernes, als Wünschenswerthes vorschweben konnte. Denn daß er selbst unter seinen Tausenden die Eine nicht zu sinden im Stande war, kam begreiflich eben daher, daß er unter seinen Tausenden zu suchen hatte. So war es in den Zeiten der Selbstständigkeit und des Glückes in Israel, in den Zeiten des Heldenthums und der Prophetenbegeisterung. ,Wie aber ward es erst in den Tagen der Noth, des Dcangsals, in den schweren, langen Leidenstagen des Judenthums? War in den Tagen der Herrlichkeit das Weib der Nagel des Zeltes, (das Heft desselben,) so ward es in den Tagen der Schmach die Stütze des Hauses, der Schutzengel der Familie. Denn es trifft das Elend der Erniedrigung vorzüglich und geradezu die Männer des Volkes, während die Frauen nur in der zweiten Linie, mittelbar, durch das Leiden der Männer betheiligt werden. Der Männer Sache ist es unmittelbar, daß das Vaterland und der Heerd vor Gewalt und Schmach geschützt werde; wird er es nicht, so fällt auf ihr Haupt aller Vorwurf, während dem die Frauen noch in ihrer ganzen Würde dem übecmüthigen Sieger und Feinde gegenüber stehen, und wohl trifft sie das Gefühl des Mitleids und Bedauerns, aber nicht der Verachtung. Dies aber ist gerade ein Zeitpunkt, wo das Heldenthum des weiblichen Geschlechts" in seiner ganzen Fülle sich zu entwickeln bestimmt ist. Jetzt wird sie die Stütze dessen, der vorhin ihr selbst zum Vertreter, zum Horte gesetzt war. Hier steigert sich nicht selten m der schwächeren Natur die Kraft des, Geistes M zum Wunderbaren; nicht blos in momentanen Ausbrüchen, sondern auch in so nachhaltiger Energie und so unerschöpflicher Ausdauer, daß die kräftigeren Naturen darüber erstaunen und der Ohnmacht den Sieg gerne zugestehen. Wahrend im Gefolge der Unterjochung und der gelähmten Federkraft eines politischen Lebens der Muth der Männer in Feigheit und in ein Gemisch von Schlauheit und Trotz, oder in ohnmächtiges Harren und Hoffen sich verlor: blieb im Innern des Hauses ein Schatz aufbewahrt, ward an der Stille des Heerdes eine Flamme genährt, die ein Centralfeuer des gesammten Volkslebens blieb, und von diesem Mittelpunkte aus belebend und bekräftigend sich nach.dem Umkreise hin wieder ausbreitete und so dem verwüstenden Schaden der Unterdrückung und der Verzagtheit mit Erfolg entgegenwirkte. Preis der heiligen Zucht und dem frommen Walten der Mütter in Israel! Diesem, und nur diesem verdankt ein spateres, verfallenes Geschlecht jenen hohen si'ttlichen Halt, der uns selbst in den Augen unserer erbittersten Erbfeinde Achtung, wo nicht Beivunderung, erwirbt, und eine noch schönere Zukunft verheißt, wenn sie ־*— was sich mit Zuversicht erwarten läßt — in derselben Bahn ohne Wanken foctschreiten. Es war ihre Lehre und i h r Beispiel, die gewaltig auf die Nachkommenschaft jenen unvertilgbaren tiefen Eindruck machten, der in allen Lebensbedrängnissen Muth und Ausdauer, in seinen Verlockungen sittliches Selbstgefühl und Sicherheit verlieh. So ward das Vestafeuer reiner Sittlichkeit in Israel treu erhalten, und dies ist die