Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1844
- Issue
- 39 (28.9.1844)
- Date
- 1844-09-28
- Page
- Seite 155 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/8620046-8637379-8640865--601-8620524- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Hebräisch sprechen sie nach chinesischer Aussprache (Pingchang-Kiu-je) aus. Ein Blatt hinter dem Buche Bereschit ^Pieleschitze) ist ein berücksichtigenswerlher Beweis davon. Das Sidd ur oder Gebetsformelbuch der chinesischen Juden führt den Namen Li-pai, und besteht aus fünfzig oder zwei und fünfzig Büchern, deren Größe man daraus entmuthen kann, daß jede pentateuchische Sidra bei ihnen ein Buch ausmacht. Das erste Buch hat die Aufschrift סוכה תביר, Es enthalt Gebete für die einzelnen Sabbate und Feiertage des ganzen Jahrescyklus. Nach dem Berichte der Missionare sind diese Gebete größtentheils aus Schriftvorzüglich Psalmenstellen musirt. Gozani hörte ihren fynagogalen Gesang, und vergleicht ihn dem der italienischen Juden. Bei dem Vorlesen der pentateuchischen Lektion ist der Lesende, am Mose-Katheder stehend, mit einem blauen Hute und einem baumwollenen Talit darüber bedeckt; ihm zu Seite steht ein Berichtiger, und diesem zur Seite wieder ein solcher. Der Rabbi tragt eine rothseidene Schärpe, die von der rechten Schulter aus unter den linken Arm geschlagen, vorn in einen Knoten zusammengeschürzt ist. Sonst tragen sie in der Synagoge keine Feierkleider; ja im heißen Sommer sind sie nackt, wie in ihrem Hause, so auch in der Synagoge, blos mit einem Lendengurt leicht bedeckt. Beim Gebet kehren sie sich nach Westen; sie halten gesetzmäßig Sabbat, und am achten Tage die Beschneidung. Des Hebräischen sind sie unkundig; sie entschuldigen es damit, daß sie ihre Sprachlehrbücher (Tou-King-puen) verloren, und seit zwei Jahrhunderten keinen Glaubensgenossen aus Si-yu gesehen. Ihre Gelehrten bekennen sich geradezu zur Religion des Con-fu-tsee. Ihre Poesie ist untergegangen, seit sie ihre Literatur, vorzüglich bei der großen Ueberschwemmung im elften Jahre Png-stsong's 1446, verloren haben. Skizzen einer Reife durch das Großherzogthum Posen im Jahre 1843. (Beschluß.) Die Stellung des neuen Rabbinen in der Provinz Posen ist eine höchst prekäre; von der einen Seite wird eine für all' die häufigen Gewissensfragen nöthige talmudische Gelehrsamkeit, verbunden mit der rigerofesten Obserfanzfrömmigkeit, von der andern klassiche Bildung, Beaufsichtigung der Schulen, ultd überhaupt ein reges Wachen über die Bedürfnisse der Zeit erfordert. Wenn hiernach die beiden bis jetzt augcstellten Nabbiilen sich noch keine allgemeine Anerkennung zu erwerben gewußt, so liegt das, wenn man gerecht sein will, an der Schwierigkeit der Aufgabe, wonach von dem andern doppelt so viel als vom alten Rabbiner verlangt wird. Der erste studirte Rabbine, der irr die Provinz Posen kam, war Dr. Hirschfeld, Rabbiner in Wollstein. Er selbst ist in Jnowraezlav geboren, von wo sein Vater nach Bromberg und dann nach Berlin zog. Hier besuchte Hirschfeld die Universität, verweilte nach erlangtem Doktortitel eine Zeitlang in Altona, wo er das Rabbinatsdiplom erhielt, und lebte dann noch eiilige Jahre in Berlin, beschäftigt mit der Herausgebe seiner ,,halachische Exegese." Im Jahre 1841 wurde er zum Rabbiner in Wollstein gewählt, welche Stelle er noch bekleidet. Ueber sein Wirken in seiner Genreinde selbst kann ich nichts Bestimmtes sagen, da ich nicht nach Wollstein gekonnnen bin; doch hatte ich Gelegenheit, ihn in Posen selbst predigen zu hören. Sein Rednertalent läßt Manches zu wünschen übrig; wenigstens glaube ich, daß der Wunsch, die heutige Predigt der alten Derascha möglichst zu nähern, ein Wunsch, der in einer Uebcrgangspcriodc, wie die jetzige, und besonders in diesen Gegenden wohl gegründet erscheint, nicht die so häufige und im Munde des gebildeten Redners besonders verletzende öftere Vernachläßignng der Gesetze der deutschen Sprache, so wie das Verzichten auf eine logische Anordnung des Vortrages rechtfertigen kann. Hirschfeld ist Schwiegersohn des Posener Rabbiner, Eiger, Sohnes des weltberühmten Akiba Eiger, zu dessen Schülern gehört zu haben auch ich mich rühme. Die Vcrbindüng hat nicht wenig Aufsehen erregt, und die Verschwägerung eines so angesehenen, früher als fanatisch orthodox bekannten Rabbinen mit einem ,,Doktor" hat vielleicht eincn vortheilhaften Einfluß auf die Stellung dieser ,,Doktoren" überhaupt geäußert, während sie freilich von den starren Alten mit betrüblichem Achselzucken ausgenommen wurde. Durch Vermittelung dieses seines Schwiegervaters, dessen Sohn Schwiegerenkel des verstorbenen Londoner Rabbiners war, ist Hirschfeld zum Nachfolger dieses Rabbinen vorgeschlagen worden, ohne daß sich bis jetzt ein Resultat dieser Erwerbung, gezeigt. Hirschfeld hat auch, schon während seiner Anwesenheit in Wöllstein den Traktat Maecot mit lateinischen Scholien herausgegeben. — Der zweite studirte Nabbiner im Herzogthum Posen ist Dr. Gebhardt,, Rabbiner in Vreschen, angestellt sein Ostern 1842. Gcbhadrt, ebenfalls aus dem Herzogthum selbst (den Namen des Städtchens, der mir angegeben wurde, habe ich vergessen,) hat seine Vorbildung auf der Universität zu Berlin erhalten. Gebhardt verbindet mit einem äußerst ansprechenden Aeußern ein ausgezeichnetes Rednertalent, obgleich, wie man mir sagt (denn ich habe ihn nur gesehen, nicht gehört) der Prediger zuweilen in den Deklamator aufgeht. Seine Stellung in Vreschen ist ihm durchaus nicht angemessen, da der fanatische Haß gegen alle Bildung hier noch tiefe Wurzeln gefaßt hat, und durch die Geringschätzung des minder talmudisch Gelehrten noch mehr Nahrung bekommt. Gebhard hat mit großer Mäßigung und Klugheit den vielen oft in's Pöbelhafte übergehenden Anfeindungen zu -begegnen gewußt, ja sogar bis auf die Kleidung den alten Rabbiner nachgeahmt, und sich aus allen Kräften bestrebt, durch eine Werkheiligkeit, wie man sie nicht bei alten B a r t rabbinern antrifft, den Ruf eines liberaleren Jugendlebens zu überdecken, ohne daß ihm dies bei der starrsinnigen Opponirung seiner Gegner gegen sein Princip, nicht gegen ihn gelungen ist. An-