Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1844
- Issue
- 34 (24.8.1844)
- Date
- 1844-08-24
- Page
- Seite 135 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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135 Die blutigen Jahre 1663 bis 1666 für die Juden im großen persischen Reiche. *) Von Dr. Julius Fürst. Die Spuren der jüdischen Geschichte sind mit Thronen bezeichnet; der Geschichtsforscher, welcher den versteckten Quellen nachspürt, die in unbekannte Gegenden führen, wird in der jüdischen Geschichte oft nur von blutigen Pfaden dahin geleitet. Was wißen wir von den Juden des großen persischen Reiches im 17. Jahrhundert, welche Geschichtsbücher bringen uns Kunde von ihnen, und welche Urkunden haben sich uns aus jener Zeit über sie erhalten? Unsere Chronisten sind stumm, und wenn sie auch redeten, so würden sie nicht den geringsten Sinn für geschichtliche Eröffnung verrathen; denn unsere Vorfahren in der Zerstreuung waren stets der Geschichte abhold, weil sie nur das Widerspiel der Geschichte erblickten, eine Kette von Leiden aber keine Thätigkeit. Die erste Kunde, die wir über die Juden jenes Reiches im 17. Jahrhundert erhalten, ist eine traurige; es ist die.Erzählung von einer vierjährigen, furchtbaren Judenverfolgung in den persischen Provinzen Adscherbidschan oder Tebcis, Gh 1lan, Masenderan, Irak, Adschemi oder Jspahan u. a. und wäre nicht gegenwärtig im jüdischen Leben und in der jüdischen Wissenschaft der Sinn für historische Forschung und Darstellung lebendig und rege, so würde man gewiß dergleichen Erzählungen noch länger im Staube der Bergessenheit ruhen lassen. Auf Seite 91 der erwähnten Schrift beginnt die erwähnte Geschichte mit der Ueberschrift: ״die Historie von der jüngst geschehenen gänzlichen Ausrottung und Verbannung der Juden aus dem Kaiserthum Persia," welche Erzählung Jo- Hann Jakob Schudt in seinem ״Oompeadium kistoriae Judaicae (Frkf. a. M. 1700. 8.)“ ausgezogen und mitgetheilt und woraus die Hauptfäden der hier folgenden Erzählung genommen sind. Es war um das Jahr 1660, als die Kunde von den *) Im Jahre 1669 erschien in 8. eine aus dem Englischen ms Deutsche übersetzte Schrift, welche den Titel führt: ״Historia de tribus hujus seculi famosis Impostoribus, d. i.: Beschreibung der drei unlängst berufenen Betrüger, nämlich des Padre Ottomanno, Mahomed Bej oder JohannMichael Cigala u. Sabbarai Zebi u.s. w. nebst einer kurzen Erzählung der gründlichen Ursachen und Veranlassung des jetzigen Krieges zwischen den Türken und Persianern; wobei angefügt, warum die Juden aus dem persianischen Reiche gänzlich ausgerottet werden.'' Der Verfasser der ursprünglich englischen Schrift hat sich nicht genannt, und ich würde dieser Relation theils des Umstandes wegen, daß die Erzäblung keinen Vertreter hätte, theils durch die Angabe desAnonymus selbst im Vorworte zu seiner Schrift, daß er jene Geschichte von zwei Reisenden gehört und nach ihrer Aussage die Erzählung nietergeschrieben habe, gewiß keinen Glauben geschenkt haben, wenn nicht die eigentlichen Lhatsachen noch aus vielen andern Quellen bestätigt erschienen. Wunderthaten Sabbtai Aebi's *), von seinem Amte die Juden aus muhammedanischec u. christlicher Knechtschaft zu erlösen, nach Persien gelangte. Boten wurden nämlich aus der Türkei gesandt an alle Gemeinden in der Zerstreuung**), um die Juden für Sabbatai aufzuregen und ein jüdisches Reich vorzubereiten; Propheten standen allenthalben auf und bestätigten das Sabbatäische Messiasthum und in diesem Sinne, erzählt unser Autor, kamen auch Briefe nach Persien, welche bei dem damaligen persischen König Schah Abbäs, wie überhaupt bei den Großen des Landes Besorgnisse und Verdruß erregten. Schah Abbas Ben Schah Ssofi, aus dem Gefchlechte der Ssofi stammend und Urenkel Abbas des Großen, der 1500 die Herrschaft seiner Dynastie begründete, kam 1642 zur Regierung, und grausam wie sein Uhrahnherr Schah Abbas Behadiir Chan, der Wollust und dem Weine ergeben, wie die meisten Tyrannen Asiens, mußte es ihm nur eine Spielerei erscheinen, sein blutdürstiges Gemüth gegen die unglücklichen Juden seines großen Landes walten zu lassen. Persien hatte damals noch -eine bedeutendere Ausdehnung und eine große politische Macht; Schah Abbas fügte seinem Reiche 1648 noch Kandahar hinzu und durch fortdauernde, glückliche Kriege glanzte Persiens Ruhm bis in die fernsten Gegenden. In diesem großen Reiche lebten, wie in der Türkei, sehr viele Juden; die Provinzen Tebris, Ghilan, Masenderan, Jspahan u. s. w. hatten große und zahlreiche Gemeinden» die mit denen in der Türkei in beständigem Verkehre standen und dieser Verkehr zog auch die Juden Persiens mit in den Strudel der Sabbataischen phantastischen Aufregungen. Die prahlerischen Verheißungen Sabbatai Zebi's und seiner An- Hänger nahm der grausame Wüstling Schah Abbas zum Vorwände, um den Anhängern des Islam das gräßliche Schauspiel einer blutigen Judenverfolgung zu bieten, welche Verfolgung denjPersern um so eher zusagte, als die fanatische Unduldsamkeit schon seit Jahrhunderten vorher dort ihre Wohnung ausgefchlagen und in keinem Lande die Juden so gehaßt und verachtet wurden. Schah Ab bas versammelte um das Jahr 1662 seine Rathe und Minister, machte sie auf den neuen Messias und seine aufregende Sendboten aufmerksam und suchte die Nothwendigkeit einer gänzlichen Ausrottung und Vertilgung der Juden aus dem großen perfischen Reiche nachzuweisen. (Fortsetzung folgt.) *)Sabbatai Zebi wurde in Smyrna 1625geboren; 1643 erhielt er den Titel Chacham und war bereits als Lalmudist und Kabbalist berühmt. Im Jahre 1648, in demselben verhängnißvollen Jahre (ח"ךן)/ in welchem 100,000 in der Ukraine, in Podolien, Walackien u. s. w. durch den Aufstand des Bogdan Chmielnizki ihr Leben einbüßten, erklärte er sich zum Messias oderErlöser, und daß er berufen fei, die Knechtschaft der Juden unter den christlichen und muhammedanischen Völkern zu vernichten. Vom Jahre 1648 an bis zum 24. September 1666, an welchem er zum Islam übergegangen, hat er die Juden Palästina's) Egyptens, Syriens, der ganzen Türkei und Persiens, als'die nächsten, furchtbar aufgeregt und die mannigfachsten Besorgnisse bei den Regierungen geweckt. Er starb den 10. Sept. 1676. S. Lorat Ha-Kenaot von Jakob Emden, daselbst.