Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1844
- Issue
- 33 (17.8.1844)
- Date
- 1844-08-17
- Page
- Seite 131 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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131 und Klagegesänge für diesen unsem Trauertag verfaßt, die Jahr für Jahr an diesem Tage in den jüdischen Gemeinden gesungen werden mögen. Ihr Frommen, die ihr von Gottesfurcht durchdrungen seid, die ihr euch Israeliten nennet, schenket dieser traurigen Kunde euer Augenmerk und bestimmt für dieselbe diesen Tag der Trauer, damit sich Gott unserer annehmen möge; denn noch, wahrend ich diefes niederschreibe, ist die Hand des Drängers ausgestreckt; noch streifen Kosakenpulks umher, wohlgerüstet und trefflich bewaffnet, zum Kriege wie zur Vernichtung der Juden wohl bereit. Mit den Tataren vereint ist kein Jude seines Lebens sicher, wenn sie ihn irgendwo antreffen; es gilt unserer gänzliehen Vernichtung. — — Laßt uns an Gott denken, zu ihm unsere Blicke richten; er wird das in Strömen vergoffene Blut seines Volkes, seiner Frommen und Gesetzlehrer rachen, die als Blutzeugen ihres Glaubens ihr Leben hingegeben. Das Jahr 1648 war ein großer Opfertag, wo nicht die Priester die Opfernden waren, sondern an welchem man die Priester, Leviten und Israeliten geopfert. Das Jahr 1649 ist das Jahr der großen Glaubenshelden und Blutzeugen; in demselben am 7. Monate waren die großen Niedermetzelungen durch vereinte Banden von Tataren und Kosaken. Ich glaubte, daß dies Jahr 1649 schon ein Tag der Ruhe sein wird, aber es war trauriger als sein Vorgänger. Unvergeßlich sind uns diese beiden Jahre, in welchen wir so lief alle Strafgerichte Gottes empfunden. — (Jahcb. s. slaw. Liter-, Kunst u. Wissenschaft.) Religiöses und sociales Leben der Juden in Lemberg. *) (Eingesandt.) Vielleicht giebts in ganz Galizien keinen so reinen Schlag von Juden als in Lemberg, die aber nicht allein auf ihre Verwandten und nächste Umgebung, sondern durch ihren persönlichen Charakter, ihre streng religiösen Gesinnungen ohne Beimischung von Heuchelei oder Verstellung, und eben so sehr durch ihre materielle Macht, da sie die Reichsten der Gemeinde, auf einen großen Theil der Bevölkerung den gewichtigsten Einfluß ausüben. Ihnen gegenüber stehen die sogenannten Aufgeklärten, die aus verschiedenartigen Elementen zusammengewürfelt, auch aus verschiedenartigen Motiven an der begonnenen Bewegung, an dem seit 1840 bestehenden religiös-socialen Kampfe mehr oder weniger Antheil nehmen. Eine Abtheilung dieses Jlluminatenheeres besteht aus Aerzten und Advokaten, ehrenwerthen Männern, die aber von Juden und Judenthume, vom jüdischen Kultus und jüdischen Nitualgesetzen gar keinen Begriff haben und nur von der Eitelkeit sich leiten lassen, von der Negierung als Ne- *) Aus einer unter der Presse sich befindenden Schrift: ״Gaüzischoüdische Zustände" mit Erlaubniß des Hrn. Berf. entnommen. D. R. former ihrer Glaubensgenossen betrachtet und in schlecht untecrichteten ausländischen Zeitungsorganen mit dem ausschweifendsten Lobe überschüttet zu werden. Die zweite Abtheilung, die eigentliche Heecesmacht, die mit Sack und Pack, mit Cympern und Trompeten eingezogen und sich mit dem stolzen Bewußtsein brüstet, ihren Glaubensgenossen als Sterne erster Größe voranzuleuchten, besteht leider, ich muß es ge- *stehen, so weh es mir auch lhut, aus jener Klasse von Leuten, denen die gesammte galizische Judenschafr fast einzig u. allein ihre Ausnahmsstellung, ihre Beeinträchtigungen und politischen Beschränkungen zu verdanken hat. Diese Klasse besteht nicht aus Kaufleuten, die wie die Brvdyer Juden durch einen großartigen Welthandel eine ehrenhafte Stellung unter ihren christlichen Brüdern einnehmen. Eben so wenig besteht sie aus fleißigen Erwerbsleuten, die wie der größte Theil der orthodoxen Juden Lembergs aus deren Anhang die innere Industrie durch den Umsatz inländischer Manufaktur- und Fabrikerzeugnisse sowohl en gros wie en detail bedeutend heben, indem sie die Hauptstadt Lemberg durch ihre merkantilen Spekulationen zum Stapelplatze österreichischer Manufakturate für Galizien gemacht, wohin nun aus den meisten Kreisen dieses Königreiches die Krämer und größer» Handelsleute herbeiströmen, um sich dort mit dem nöthigen Waarenbedars nur gegen Abzug einer kleinen Provision fast so billig wie auf den Fabriksplätzen selbst zu versehen. Aber diese sogenannten Reformer bestehen aus einem Heere von Wucherern, jenen schrecklichen Vampyren, die noch fürchterlrcher und grausenhafter als diese fabelhaften Blutsauger, da sie ihre gewählten Opfer jahrelang martern und ohne ihnen das Leben zu rauben, sie kümmerlich fortvegetiren lassen, um immerfort für ihre niederträchtige Geldgier neue Nahrung zu bekommen. Besonders ist die Masse der subalternen Beamten fast durchgängig diesen Wucherern unterthan. Bei ihren kleinen Gehalten kommen diese Beamten natürlich bei der kleinsten Abweisung von der gewöhnlichen Lebensweise oft in Geldverlegenheit, und da sie nichts als Hypotheke anzubieten haben, so sehen sie sich gezwungen ihre Kassenanweisungen auf den monatlichen Gehalt zu verpfänden, so daß nun ihre jüdischen Gläubiger diese Gehalte selbst einkassiren und bann natürlich nach Belieben mit den Beamten theilen. Eine zweite Art des Wuchers ist die sogenannte Verleihung oder Verpfändung auf Kompromiß. Kein einziger Gläubiger verlangt nämlich von seinem Schuldner einen Wechsel oder Schuldscheine, da im NichtzahlungsfaUe nach den österreichischen Gesetzen erst ein sich in die Länge ziehender Civilprozeß daraus erwächst, Tratten aber, worauf bei Protest Exekution erfolgt, nur von gremirten Kaufleuten, nicht aber von Beamten und privatisirenden Personen ausgestellt werden dürfen- Da haben sie nun den Kompromiß oder das schiedsrichterliche Urcheil an die Stelle des Schuld/ scheins gesetzt. Es wird nämlich eine Urkunde ausgestellt, worin die Parteien, als ob sie schon früher irgend welche Geldstreitigkeiten gehabt, sich dem Urtheile eines freiwillig gewählten Schiedsrichters überlassen, so daß im Falle der