Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1844
- Issue
- 33 (17.8.1844)
- Date
- 1844-08-17
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Das fliegende Blatt. Lon Dr. Julius Fürst. (Bes chluß.) Nach diesen Reden begann die Niedermetzelung, weder Alter noch Geschlecht wurde verschont; , ungeheuere Reichthümer wurden erbeutet, daß das Silber fast auf den Straßen lag. Denn die reichsten Juden der Ukraine haben sich gerade hierher geflüchtet, und so sind die Ursprunglichen Einwohner, wie die neuen Ankömmlinge umgekommen. Von hier aus theilten sich die Kosaken in viele Pulks und verbreiten sich über unser ganzes Land, zerstörten unsere Platze und rissen allenthalben unsere Synagogen nieder. In Czernigow büßten zweitausend Juden mit ihrem Leben; in Chartardow (?) zwölfhundert; ,'außer den vielen Juden, die zu Hunderten auf den Landstraßen umgebracht wurden, oder die vor Hunger und Durst gestorben oder von den Feinden in den Flüssen ertrankt wurden; außer den Jungfrauen und Weibern, die sie zu Tausenden in ihr Land gefangen fortgeschleppt. Auch die in der Ukraine einheimischen Kosaken verbreiteten sich über das ganze Land, richteten in der Ukraine, in Podolien und Wolynien große Verwüstungen an und wir wissen nicht mehr, wohin wir flüchten sollen. Auch die GcanzenLithauens haben sie überschritten und mit ihnen der Schrecken und der Mord; auf den Bergen liegen unsere Brüder erschlagen, denn schneller als die Adler des Himmels sind unsere Verfolger. Die Stadt Pawolocz haben sie fast ganz geschleift und unser Herz wurde darob verzagt; die Stad Parabisch wurde so ausgeplündert, daß in der Umgegend nicht einmal Nahrungsmittel blieben; in Weiß-Feld (Biele pole) wurden wir in Trauer gehüllt; in Bar wurden dreitausend Juden hingemordet, unsere Synagogen zerstört und unsereGesetzrollen zerrissen und entweihet. In Konftantinow verloren fünfzehnhundert Juden ihr Leben; in Polonne, einer sehr festen Stadt, wohin sich auch fc£)tviele Juden, namentlich vornehme und reiche geflüchtet, wurden zehntausend Juden umgebracht; in Oftrog wurden alle vorgegefundenen Juden umgebracht, die Stadt selbst verwüstet und die Judengemeinden des ganzen Kreises, mehr als dreibundert an der Zahl, wurden Vernichtet. Ein trauriges Geschick hatten die Judengemeinden in Nahul, Szebecschzyn und Tomaschow, wo sie im Monat Tischri 1649 zu Tausenden hingeschlachtet wurden. Aus den Synagogen nämlich wurden die Gesetzrollen geholt, aus ihnen große Teppiche gemacht, auf welchen dann die Juden Truppweise hingeschlachtet wurden; in das große Quellbad der Juden wurden fünfzehnhundert Kinder lebendig mit Erde überschüttet. In der Stadt Wladoi geschah ein Gleiches; die Stimme der Klage und die Schauertöne des Jammers wurden weithin vernommen; in den großen Judengemeinden zu Brzesc Litewski und Pinsk, so wie in den zahlreichen jüdischen Gemeinden derganzen Provinz, gab es kaum eine, die nicht hart betroffen worden wäre. Die Anzahl der gemordeten Juden in den zwei Jahren 1648—49 betragt über 100,000, und dabei sind nur diejenigen mitgerechnet, deren Tod durch die Kosaken man mit Bestimmtheit erfahren hat; denn die Uebrigen, welche durch grenzenlose Leiden auf der Flucht oder in der Fremde gestorben, konnten kaum gezahlt werden; in den weit entfernten Gemeinden gab es kaum ein Haus, worin nicht ein Unglücklichec Emigrant gestorben; kaum war man im Stande, Särge und Leichenkleider für so viele Märtyrer zu besorgen. Alle Fluchorakel, acht und neunzig an Zahl, die im Gesetz; buche gegen die Uebertreter der göttlichen Gebote ausgesprochen wurden, sind an den Juden der Ukraine, Wolyniens, Podoliens, Lithauens u. s. w. in Erfüllung gegangen, ja noch so manches harte Strafgericht, daß nicht verheißen war. In der galizischen Stadt Lemberg, die doch außerhalb des Bereiches dieser Begebenheiten lag, ereilte die Juden ein trauriges Geschick; sie wurde um jene Zeit hart bedrängt und belagert, die Hauser in der Umgebung der Veste wurden zerstört, und durch pestartige Krankheiten und durch Hungersnolh starben Tausende von Juden. Unter den Verftorbenen waren die berühmtesten Männer Israels, die durch ihre Gclehrsamkeit berühmt, großen jüdischen Akademien vorstanden; von solcher Art war der gelehrte Rabbi Joschia, Rabbiner in Krakau, ausgezeichnet durch seinen Scharfsinn in der jüdischen Theologie und als Autorität ein Vater Jsraels; der berühmte Rabbi Naftali, Rabbiner in Lublin, der unerschöpflich im jüdisch-theologischen Wissen; der gelehrte, jugendliche Rabbi Salomo, Rabbiner in Stanow, Sohn des berühmten Natan Schapira. Dergleichen hochgelehrte und berühmte Männer waren viele, die ich kaum aufzuzeichnen vermag. Der Rest der Juden, der sich vor der blutdürstigen Kosakenhorde geflüchtet, blieb in schrecklicher Armuth und Dürftigkeit zurück; die sonst so reichen, im höchsten Wohlstände erzogenen Glaubensbrüder sähe ich in Jammer und Elend answandern und bettelnd in die weite Ferne ziehen; in Lumpen gehüllt, abgehärmt und hungernd die Hand nach Brod ausstreckend. Sie wandern ihre Füße wund und richten ihre Blicke nach allen Gegenden, wo Brüder wohnen, um durch das Mitgefühl der Glaubensgenossen Hülfe und Milderung der Leiden zu erwarten; denn Israel, der Glaubenswächter, übet Milde und ist wohlthatig; Israel ist mildsinnig, von mildsinnigen Ahnen hecstammend. Ich sähe sie gebeugt und zerknirscht in inbrünstigem Gebet vor Gott, die Brust schlagend und Erbarmen erflehend. — Das ist die traurige Kunde, die mich veranlaßt, für mich und meine Zeitgenossen, für unsere Kinder und Kindeskinder, einen strengen Fasttag, einen Tag der Trauer und der Klage festzusetzen; dieser Fasttag sei am 20. Siwün, an welchem Tage zuerst die Gesetzrollen vernichtet wurden, an welchem doch einst das Gesetz uns gegeben worden war. An diesem Tage haben die Verfolgungen begonnen, und an diesem Tage war es auch, an welchem die Verfolgungen des Jahres 11/1 begonnen; er wird nie mit einem Sabbat zusammenfallen. Ich habe Büßlieder