Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1844
- Issue
- 26 (29.6.1844)
- Date
- 1844-06-29
- Page
- Seite 103 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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102 in von den Juden gesagt wird, ist so allgemein gehalten, daß es sich auf alle nichtemancipirte Juden beziehen kann. Doch ist die Gesinnung des Verfassers eine gute und muß man ihm dafür Dank wissen. Als Probe geben wir folgenden Auszug: Es gab eine Zeit in Deutschland, wo es eines ernsten Beweises bedurfte, daß der Eintritt in Zünfte nicht schände, und erst, nachdem Tausende mit gleichen Ansprüchen zur bürgerlichen Wohlfahrt und gleichen Fähigkeiten dahingeschieden waren, gelang allmalig eine Gleichstellung der zusammenwohnenden Menschen,-und im neunzehnten Jahrhundert will man nicht zugestehen, daß Abstammung aus irgend einem Lande oder Volke und die Verehrung eines von den allgemeinen Begriffen verschiedenen übersinnlichen Wesens, an den entferntesten Nachkommen nicht gerä cht werden dürfe!? Die Regierungen der Gegenwart haben alles Erdenkliche für das materielle Wohl der Staatsbürger geleistet; es herrscht eine vorzügliche öffentliche Ordnung, die Polizei ist wohl eingerichtet, die Finanzen werden sorgsam verwaltet, niemals war das Pcivateigenthum sicherer, 'nie die Freiheit der Staatsbürger unangetasteter, nie eine höhere Gleichheit vor dem Gesetze; — für Jene ist Alles gethan, und man kann mit Recht behaupten, unsere Zeit ist das non plus ultra aller Vollkommenheit, allein die Vorurtheile der Vergangenheit gegen den Israeliten sind selbst in diesem goldnen Zeitalter noch immer nicht besiegt. Der Jude wird, des Regierungs-Schutzes ungeachtet, verachtet, bedrückt, ja nicht einmal dem tempo rären Staatsbürger gleichgestellt; und warum ist die ^it noch nicht gekommen, da man in Europa nicht mehr fragen wird, wer Jude oder Christ sei? Leider hat sich mit der Macht des Vorurtheils die Macht der Gewohnheit verschwistert, um die Fortdauer jenes Druckes zu erhalten, unter welchem die jüdische Nation zur Schande der Menschheit seufzt. In den ältesten Zeiten, als der menschliche Verstand und die Aufklärung noch in einem untrennbaren Netz von Stricken umgarnt lag, sprach sich offenbar unverholner Haß in der Verfolgung der Juden aus. Später, da es einigen Israeliten beisi'el, H.iligthümer zu schänden, Crucifixe zu mißhandeln, mußte die ganze Nation für den.Frevel der Einzelnen büßen, jenen Gotteslästerern gab man die Schuld, daß Pest und Hungersnoth hereinbrachen, und deshalb wurden die Juden ohne Unterschied, ob sie an dem Verbrechen Theil genommen, oder nicht, geschlachtet, um die beleidigte Gottheit zu versöhnen. Von diesem Zeitpunkte an, obwohl jedes gesetzlichen Schutzes entblößt, dem Muthwillen jedes Lotterbuben Preis gegeben, verachtet von der Staatsverwaltung, sing der Jude an, mit Riesenkräften an seiner Vervollkommnung zu arbeilen, um die Verbrechen seiner Väter durch rastlose Thätigkeit vergessen zu machen. Unausgesetzt aber fuhr man fort, ihm alle Wege zur nützlichen Verbesserung seines moralischen Zustandes zu sperren, um den Mangel an Kultur zum Grunde seiner ferneren Bedrückung zu machen. Es wurden ihm die Hände gebunden, und doch schalt man ihn arbeitsscheu. Dort, wo sich der Jude mühsam zu einem Handelsgeschäfte emporfchwang, sah in ihm der Kaufmann einen doppelten Feind und Rivalen, weil Jener mit dem schwer erworbenen Wenigen sich begnügte, während der Kaufmann bei der ihm eigenthümlichen Trägheit Monopolist bleiben wollte. Der Grund dieses Hasses lag sonst wie jetzt nicht in der Verschiedenheit der Religion, sondern in der Gleichheit des Gewerbes. Im Juden wurde der Handelsmann, nicht der Jude verfolgt. Es wäre dem Kaufmann nicht gelungen, dem Juden durch Fleiß und größere Geschicklichkeit den Preis abzugewinnen, deshalb zog er das bequemere Mittel vor, und vertrieb den Rivalen mit dem alten Vorurtheil, ja der Pöbel geht jetzt noch von der Meinung nicht ab, daß der Jude nur existire, um Gegenstand seines Frevels und und seines Spottes zu sein, und darin liegt der Grund, weshalb der Jude so lange verderbt gewesen, und vielleicht jetzt noch gegen den anders Glaubenden, seinen Feind, die Waffen der Wiedervergeltung mit Hinterlist gebraucht. Die Erfahrung lehrt, daß Verkrüppelte und auffallend häßliche Menschen durch Satire und eine scharfe Zunge vor Andern sich Hervorthun; die Ursache davon liegt in dem Umstand, weil sie von Jugend auf schon von den Gespielen ihrer Misgestalt wegen verlacht und zurückgesetzt werden, sie sind aber physisch zu schwach, um sich gegen diese Unbill zu wehren, gewöhnen daher den Verstand auf Mittel zu sinnen, die dem Spötter Schranken setzen. So unglücklich und gewiß noch in einem höheren Grade bedauernswerth sind die Juden, denen man die bürgerliche Achtung versagt, weil sie Juden sind. Die sittlichen und politischen Verhältnisse, die Vernunft, Menschlichkeit, und selbst das Interesse der bürgerlichen Gesellschaft fordern eine Umformung ihres Zustandes. Wenn auch einst die Regierungen gegen die bürgerliche Aufnahme jüdischer Glaubensgenossen eiferten, so dürfte doch heute eine Vereinigung zu dem Zwecke, ihren bürgerlichen Zustand zu verbessern, an der Zeit sein, denn veränderte Zeiten haben auch in dieser Beziehung veränderte Bedürfnisse geschaffen. Es dürfte schwer zu widerlegen sein, daß der unter dem Joche des Druckes gebeugte und gewissermaßen mishandelte Jude als freier Mensch und Bürger ein Anderer würde, daß folglich mit der Ursache auch die Wirkung aufhören müßte. So läßt sich mit mehr Zuversicht behaupten, daß kein Wesen im Staate das Glück mehr und besser zu würdigen wüßte, als eben der Jude, wenn ihm ein Vaterland gegeben, Staatsachtung bewiesen, und die Wohlthat der Gleichstellung mit andern Bürgern unter dem nämlichen Bürgerrecht und Gesetz ihm zu Theil würde.