Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1844
- Issue
- 26 (29.6.1844)
- Date
- 1844-06-29
- Page
- Seite 102 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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101 Die freie Bibelerklärung des Talmuds. Und es geschah, so wie Mosche seine Hand erhob, siegte Israel ob, und so wie er seine Hand ruhen ließ, siegte Amalek ob. Schemot 17, 11. — Und der Ewige sprach zu Mosche: Mache dir eine Schlange, und setze sie auf eine Stange, und es geschehe, wer gebissen wird, der sehe sie an; und er bleibe leben. Bemidbar 21, 8. Man hat dem Talmud oft den Vorwurf gemacht, daß er die Bibelverse verdrehe, sich nicht zu einer freien Deutung und Auffassung der Bibel auffchwingen könne. Diefen Vorwurf kann man durch die talmudische Erklärungsweise der bezeichneten zwei Stellen aus Schemot und Bemidbar am schlagendsten zurückweifen. Die meisten Talmud-Lehrer lebten noch in dem kindlichen Wunderglauben; sie hätten demnach sagen können: die in die Höhe gerichtelen Hände Mosche's errangen den Israeliten den Sieg über Amalek; der Anblick der kupfernen Schlange heilte die von den giftigen Schlangen Gebissenen. Wie aber drückt sich die Mischna (Rosch Ha-Schana , K. 3) darüber aus? — Die Hände Mosche's waren es nicht, die den Sieg verschafften; es war der in die Höhe gerichtete Blick, das Gotte zugewandte Herz. Die kupferne Schlange besaß keine Heilkraft in sich; der Blick zu Gott, das gottesfürchtige Herz heilten. — Man thut dem Talmud Unrecht: das Gesetz (Halacha) hat er gläubig entwickelt; die Hagada ging von Volsrednern aus. Und unsere heutigen Volsredner allegorisiren eben so wie die Verfaffer der Hagada! Der allegorische Standpunkt ist über» Haupt ein unklarer und beschränkter; und zeiht man die hagadische Allegorie der Unklarheit, so muß man ein Gleiches an unfern jüdischen und christlichen Predigern rügen. Jakob Frank und seine Anhänger. (Fortsetzung.) Wir glauben daher, daß es nicht genug sei, die Worte der Propheten zu lesen, und nach dem Wortsinne zu verstehen, sondern es gehört ein göttlicher Beistand dazu, um in vielen Stellen den Grund davon zu entdecken. Daher bittet auch David (Ps. 119, 18): Oeffne o Gott! meine Augen, auf daß ich das Wunderbare in deiner Lehre erkenne." Hatte David Alles durch Unterricht oder eigenes Forschen begreifen können, wozu hätte er der Hilfe Gottes bedurft? Aber seine Bitte um Gottes Hilfe war, damit er die in der Tora verborgen liegenden Geheimnisse ergründen könne. So sagt auch der Sohar: Wehe dem Menschen, der da sagt, die Tora will uns nur die Geschichte der Vor- Welt erzählen, und gemeine Sachen bekannt machen Wäre dieses, so könnte man auch in den gegenwärtigen Zeiten eine solche Schrift verfassen. Allein die Erzählungen und Gegenstände, welche in dieser Schrift Vorkommen, sind eine bloße Einkleidung tief verborgener Geheimnisse. Wer dieses Gewand für den eigentlichen Zweck dieser Schriften nimmt, der ist des Todes schuldig, und er wird keinen Theil an der zukünftigen Welt haben. Daher sagte auch David (Ps. 13, 4): ״Oeffne meine Augen," das heißt, damit ich sehe, was unter der Einkleidung der Schrift verborgen liegt. An einer andern Stelle sagt der Sohar: ״Wäre es an dem, daß die Tora blos nach ihrem gemeinen Wortverstande genommen werden sollte, warum sagte David (Ps. 19, 5): ״Die Lehre Gottes ist vollständig, sie ist erwünschter als Gold und Perle?"— Es ist daher unleugbar, daß unter dem Wortsinne der heiligen Tora große Geheimnisse verborgen liegen, welche jeder Rechtgläubige zu ergründen aus allen Kräften sich bestreben muß. Daher sagt auch der Sohar: ״Die Schrift gleicht einer schönen Freundin, die an einem geheimen Orte verborgen ist, und ihr Portrait als Aushängeschild zeigt. Wenn nun ihr Freund mit angestrengtem Fleiße und großer Mühe sich bestrebt, sie im Originale zu sehen, und dadurch Proben seiner Hochachtung und Liebe gegen sie darthut, so öffnet sie die Thüre, und laßt ihm freien Zutritt zu sich." — III. ״Wir glauben, daß von allen Erklärungen der Tora jene, die davon der Sohar giebt, die vorzüglichste und einzig wahre sei, und daß hingegen die Rabbinen in dem Talmud, diesen Schriften viele falsche Erklärungen untergelegt haben, .welche offenbar den göttlichen Eigenschaften und der Grundlehre dieser Schriften von der allgemeinen Nächstenliebe widersprechen. IV. ״Wir glauben, daß nur ein einziger Gott ist, der weder Anfang noch Ende hat, welcher alle Welten und Alles, was darin sich befindet, sowohl das uns Bekannte als Nichtbekannte allein geschaffen hat. Daher heißt es in der Tora (5 M. 6, 14): ״Höre Israel, Jehova unser Gott ist ein einziger Gott." Dann in den Psalmen (86, 10): ״Du bist groß o Gott! nur du allein thust Wunder." Das heißt, nicht wie die Ecdenkönige, die ohne Hilfe anderer Menschen nichts ausführen können. Aber Gott schuf allein den Himmel und die Erde, ohne Mitwirkung eines andern Wesens, und seine Vorsehung allein waltet über Alles." (Fortsetzung folgt.) Necensionerr. Die Juden,in Oesterreich. Leipzig, 1844. 8. PH. Reclam jim. Der Inhalt dieser Schrift für die Emancipation der Juden entspricht durchaus nicht dem Titel; denn was dar-