Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1844
- Issue
- 26 (29.6.1844)
- Date
- 1844-06-29
- Page
- Seite 104 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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103 Lese-Zimmer. Kunststücke eines Chasrd's. Sada-Gora, 22. Mai. Der bekannte Chasidirn-Rabbi Israel Baal-Schem, ein Abkömmling des alten gleichen Namens aus dem vorigen Jahrhundert, har nun endlich durch seine chasidäischen Geschäfte so viel klingendes Material gewonnen/ daß er sich hier als Bankier oder als Besitzer einer Schreibslube (wie man es hier nennt) etablirt, ohne jedoch dabei seine chasi'daischen Geschäfte aufzugeben. Es wird nun wohl Keiner mehr sagen, daß der Chasidismus zu Nichts führt! Rabbi Israel kam als Flüchtling aus Rußland vor ungefährt zwei Jahren hierher; der Edelmann gönnte ihm in der Nähe seiner großen Brennerei eine Zuflucht, in der sehr richtigen Berechnung, daß durch die Wallfahrten der Chasidim zu diesem erquisirten Rabbi, wobei, bekanntlich das Branntwein-Trinken zu den Kardinal-Tugenden gehörr, die reichen Erzeugnisse seiner Brennerei in Münze verwandelt werden müßten. Beide haben sehr zu ihrem Vortheile spekulirt. Sada Gora konnte nicht so viel Branntwein produciren, als die Schaaren der Chasidim zur Erlangung der Begeisterung nöthig hatten, und Rabbi Israel war ganz erstaunt, die Czernowitzer, die man allgemein für gebildeter und gesitteter als die übrigen Juden der Bukowina hielt, noch so dumm wie die Juden in Volhynien und Podolien zu finden. Daß die Regierung von diesem Treiben keine Notiz nimmt, finde ich in der Ordnung, daß aber dieses Nichtnotiznehmen erst durch reichliche Bestechungen veranlaßt werden mußte, ist eine traurige Erscheinung. Rabbi Israel wohnte in Riezen, einer kleinen Stadt in Rußland, wo er das Geschäft des falschen Propheten im Großen getrieben. Durch einige Verbrechen, die er sich hat zu Schulden kommen lassen, wurde er, trotz der Ungeheuern Bestechungen seiner sehr fanatischen Anhänger, lebendig in der Festung von Kiew begraben und dann von da weiter gebracht, woher, wie das russische Sprichwort sagt, Niemand wiederkehrt. Aber unsere Czernowitzer Aufgeklärten sagen: Rabbi Israel ist ein Wundermann, denn er ist aus russischer Gefangenschaft entkommen. Es gelang ihm, den Gouverneur und die Wächter zu tauschen und durch die Unterstützungen seiner Freunde kam er glücklich hier in der Bukowina an. Hier in Sada Gora fand er ein Asyl; der Eigennutz des Edelmannes und die Verblendung der Chasidim vereitelten jede Reklamation Rußlands. Daß Rußland ihn nicht so leicht aufgab, ist natürlich, zugleich da er einige Hochgestellte getauscht. Rußland schickte einige Beamte und ließ ihn förmlich von der österreichischen Regierung zurückfordern, aber 26 Personen in Czernowitz, 13Chri- Christen und 13 Juden schwuren — den Meineid —, daß er in Sada Gora geboren sei und mithin ein Oesterreicher. Dieser großartige Meineid war die erste Wunderchat, die dieser Mann bei unfern aufgeklärten Czernowitzern gethan, und die Behörden wissen es positiv, wofür sie schweigen. Nehmen Sie dieses kleine Bild unserer Zustände für ein allgemeines; es bezeichnet besser als Alles unsere Kulturstufe. Vermischte Nachrichten. Im Kaiserreiche Marokko, das bald der Schauplatz eines Krieges zwischen den Franzosen und Marokkanern sein wird, leben 340,000 Juden und 300 Christen. Hr. Tedesco in Wien ist einer der edelsten jetzt lebenden israel. Reichen. Nach einem Berichte aus Wien im ״Orient" No. 25 hat dieser großmülhige und humane Mann seit kurzer Zeit fi e ben u n v i e r z i g Tausend Gulden K.--M. zu wohlthatigen Zwecken verwendet. Nach einer neuen Wechselordnung, die der hohe Senat in Frankfurt a. M. der gesetzgebenden Versammlung zur GeneWigung vorgelegt, sollen die jüd. Handlungen auch an Sabbat- und Feiertagen, Wechsel bezahlen und acceptiren müssen. Die Rabbinerversammlung hat am 12. Juni ihre Sitzungen und Berathungen in Braunschweig begonnen. Eine Beleuchtung des Gedankens, der die Rabbinerversammlung hervorgerufen, werden wir nächstens bringen. In Darmstadt soll die Bitte um Gestattung einer gemischen Ehe für den Sohn eines angesehenen Israeliten abgeschlagen worden sein. An die HH. Abonnenten. Da mit dieser Nummer des ״Sabbath-Blattes" das zweite Quartal beendigit ist, so ersuchen wir die geehrten Herren Abonnenten, zeitig abonniren zu wollen, damit in der Versendung des Blattes keine Störung eintrete. C. L. FrLtzsche in Leipzig. Veranrwortlicher Verleger G>. L. Fritzsche in Leipzig. Druck von I. H. Nagel in Leipzig.