Mannheim
Compact Memory

Sabbath-Blatt · 1844-06-15 · 24 (15.6.1844) · p. Seite 95

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Sabbath-Blatt
Volume
1844
Issue
24 (15.6.1844)
Date
1844-06-15
Page
Seite 95 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/8620046-8637379-8640176--526-8620464
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

94 ri'cht für die Jugend der beiden Geschlechter eine Hauptstelle ein. Früher war die Schule im Allgemeinen, und natürlich auch bei den Juden, fast lediglich diesem Unterrichte gewidmet, und das Leben war so eng mit der Kirche verknüpft, daß deren Einfluß den ganzen Menschen beherrschte. Der jüdische Knabe lernte Hebräisch, Bibel und Talmud und wurde so alsbald in den Kreis von Vorstellungen eingeführt, die ihm für das Leben die bestimmende Richtung geben sollten, das jüdische Mädchen war mehr an die Umgebung des Hauses angewiesen, und lernte prakr tisch das, was man für seinen Beruf als nothwendig betrachtete. Wenn bei dieser Art von religiöser Erziehung weniger ein klares Begreifen der religiösen Wahrheiten, weniger die gemüthliche Anregung angestrebt wurde, so folgten hierin, wie in allen andern Dingen, die Juden dem ganzen Impulse der Zeit, da ja auch bei den andern Bekenntnissen ein solches Verfahren vorherrschte. Seitdem hat das Schulwesen einen bedeutenden Umschwung erfahren; Weckung der geistigen Kräfte im Allgemeinen und Tüchtigmachung für den zu ergreifenden Beruf wurden als die wesentliche Ausgabe der Schule hingestellt, und die Einweihung in die religiösen Lehren der Kirche mußte daher auch eine andere Gestalt annehmen. Sie ward von nun an ein gesonderter Gegenstand unter den vielen andern, welche der junge Erdenbürger sich aneignen sollte, und die Methode mußte der für die andern Unterrichtszweige sich anpafsen; auch die religiösen Wahrheiten mußten so gelehrt werden, daß sie nicht blos dem Gedächtnisse eingeprägt seien, sondern aus dem Geiste und dem Gemüthe des Zöglings entwickelt, wenigstens in demselben nachgewiesen werden. Wenn die Juden auch hier wieder der neueren Richtung sich anzuschließen gedrungen waren , so machte sich bei ihnen hier, wie in vielen andern Dingen bemerklich, daß sie als eine geringe Minorität und als eine mehr zugelaffene als mit Aufmersamkeit gelenkte Klaffe im Staate nicht so bald im Stande waren, ihre bestehenden Institute nach den neuen Forderungen umzuwandeln. Die großen Mittel des Staates an Intelligenz wie an Kräften wendeten sich der Gestaltung der Schulen als christlicher zu; die Juden konnten blos zögernden, unsichern Schrittes folgen, die nothwendigen Mittel fehlten. Zugleich aber traten auch alle Hinderniffe, welche die lange freiwillige und gezwungene Jsolirung der Juden ihrem Aufschwung überhaupt in den Weg legte, der Belebung eines gedeihlichen Religionsunterrichts sehr hindernd entgegen. An beiden Uebeln leiden auch gegenwäctig noch die Versuche der Art, und nur die wohlwollende Theilnahme des Staates für diesen einflußreichsten Unternchtsgegenstand auch bei den Juden und die Erfrischung des ganzen jüdisch-religiösen Lebens können die Hoffnung aufrecht erhalten, daß die Bemühungen für eine zweckmäßige, religiöse Heranbildung der jüdischen Jugend nicht vergeblich sein werden. 2. Erklärung der jüd. Gemeinde zu Grünberg. Wir haben bereits in einer frühem Nummer des pietistischen Judenhaffes der Stadtverordneten zu Grünberg erwähnt. Die Gemeinde hat—wie es vorauszusehcn war — eine Erklärung gegen diese beschränkten Gesinnungen erscheinen lassen, aus der wir Folgendes entlehnen: Der Mensch, wenn er das Licht der Welt erblickt, ist körperlich und geistig ganz gleich organisirt, und es macht dabei keinen Unterschied, ob das Kind christliche oder jüdische Eltern hat. Erziehung, Unterricht, Erkenntniß Gottes, Tugend und Sittlichkeit, das sind die Elemente, die zur Stufe veredelnder Bildung führen, gleichviel ob der Mensch im christlichen oder jüdischen Glauben geboren. Derjenige, dem der Gedanke an Gott, den Herrn und Lenker der Welt, mit Flammenschrift in's Herz geschrieben, der den Ausspruch des alten Testaments: liebe deinen Nächsten wie dich selbst, als Richtschnur für seine Handlungen in sich ausgenommen, der an dem Grundsätze fest hält: thueRecht und scheue Niemand, der die Tugend ehrt und das Laster meidet, der steht in so weit auf der Stufe ״veredelnder Bildung", als diese überhaupt dem Erdensohne zu erlangen möglich ist. — Das Glaubensbekenntniß kann hierbei keinen Unterschied machen. Es ist demnach nicht anmaßende Eigenliebe, es ist die volle Wahrheit, wenn wir die Versicherung aussprechen und darauf Hinweisen, daß es sehr viele Bekenner des jüdischen Glaubens giebt, welche auf dieser Stufe ״veredelnder Bildung" stehen, und durch einen tugendhaften Lebenswandel, durch Sittlichkeit, durch strenge Rechtlichkeit, durch Mildthätigkeit und Nachstenlieb in vollem Sinne des Wortes, so wie durch ihr Benehmen es deutlich bekunden, diese Stufe erlangt zu haben. Daß nicht alle jüdischen Glaubensgenossen auf dieser Stufe stehen, das wollen wir gern zugeben, doch wenn man bedenkt, daß es in der Gesammtheit der menschlichen Gesellschaft nicht möglich ist, das Gute überall zu finden, daß nicht allen Menschen die Gelegenheit gegeben, sich zu der wünschenswerthen Veredlung und Bildung zu erheben; wenn man berücksichtigt, daß in früherer Zeit Schule und Unterricht, Gesittung und Kultur nicht die Höhe erlangt hatten, wie die Fortschritte der neuern Zeit solche bewirken; endlich wenn man noch daran denkt, daß ja auch nicht bei allen Bekennern des christlichen Glaubens in gleichem Maaße jene veredelnde Bildung anzutceffen sei, wie sie durch die ״vollendete, zum genügenden Heil führende christliche Sittenlehre" erreicht sein sollte, so wird es einlcuchten, daß auch in dieser Beziehung das Glaubensbekenntniß keinen Unterschied machen kann. Der rechtschaffene, gesittete Christ verdient Achtung, und sie wird ihm zu Theil; auch der rechtschaffene, gesittete Jude verdient Achtung, und es giebt keinen Grund, sie ihm deswegen zu versagen, weil er sich zur jüdischen Religion bekennt. Der Verbrecher, der Bösewicht, der Miffethäter wird bestraft — hierbei ist es wieder ganz gleich, welchem Glauben er angehört— hienieden trifft

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.