Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1844
- Issue
- 24 (15.6.1844)
- Date
- 1844-06-15
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
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93 Hierüber eifersüchtig, verfolgten die Rabbinen diesen Frank und seinen Anhang mit der heftigsten Erbitterung. Als nun Frank mit mehreren seiner Anhänger einst eine Wallfahrtsreise nach Salonik, wo damals ihr Häuptling Berachjch sich aufhielt, unternehmen wollten, gaben die Rabbinen sie bei der polnischen Negierung als Emigranten an, und auf ihre Vorstellung wurden alle diese Pilger auf der Gränze angehalten, und in schwere Haft gelegt. Die Sektirer wendeten sich darauf an den damaligen vielgültigen Bischof von Podolien, und dieser verschaffte ihnen einen königlichen Schutzbrief, nach welchem ihnen gestattet wurde, in Polen nach ihren eigenen Grundsätzen zu leben, und eine eigene Sekte unter dem Namen Sohariten (weil sie das kabbalistische Buch So har als das Fundament ihrer Religion annahmen, und den Talmud verwarfen) oder auch Contra-Ta lmudi st en auszumachen. Vorher hatten beide Parteien in den Kirchen zu Kamieniez, Podolky und Lemberg in Ggenwart mehrerer Bischöfe und Kronbeamten verschiedene Disputationen. Bei dieser Gelegenheit legte diese neue Sekte ihr Glaubensbekenntniß in folgenden Sätzen bestehend öffentlich ab. I. Wir glauben Alles, was Gott von jeher durch Lehre und Sage befohlen hat, und halten uns nicht nur verpflichtet, Alles auszuüben und zu unterlassen, was in diesem Gesetze vorgeschrieben ist, sondern in diese Lehre tiefer einzudringen, um auch die darin verborgen liegenden Ge- Heimnisse zu erforschen. Denn so sagte auch Gott zu Abra- Ham (1. M. 17- 21): ״Ich bin der Allmächtige, wandte vor mir, und sei aufrichtig." Dann (5. M. 10, 12): ״Israel! Was fördert Jehova von dir, als daß du von ganzem Herzen und ganzer Seele vor Jehova deinen Gott Ehrfurcht haben, in allen seinen Wegen wandeln, ihn lieden, und ihm dienen: das heißt die Gebote Jehova's und seine Gesetze, die ich dir jetzt gebe, halten sollst, und das zu deinem eigenen Besten." Dieses alles beweist, daß man Gott und seinen Geboten und Gesetzen anhangen, und sich befleißen soll, die Wahrheit dieser Lehre ohne Jrrthum zu begreifen. Nebst diesem muß man auch Ehrfurcht vor Gott haben: daher sagt auch David (Ps. 111, 10): ״Der Anfang der Weisheit ist Gottesfurcht." ״Doch ist Gottesliebe und Gottesfurcht allein noch nicht hinlänglich, sondern der Mensch muß auch Gottes Größe aus seinen Werken erkennen. Aus diesem Grunde sagte David auf seinem Todtenbette zu Salomon (1. Chronik. 28, 9): ״Erkenne den Gott deines Vaters, unddieneihm." Hierüber fragt nun der Sohar: ״Warum hat er ihm befohlen, erst Gott zu erkennen, und dann ihm zu dienen? Antwort: weil ein Gottesdienst ohne vorläufige Kenntniß Gottes für nichts zu achten sei. Dieser Gottesdienst muß auch in der Weisheit und in der Wahrheit gegründet sein. Rabbi Simon" ben Jochai schreibt in seinem neuen Sohar: Die Weisheit, welche dem Menschen nothwendig ist, bestehet in dem Nachdenken über die Geheimnisse des Herrn, und jeder Mensch, der von dieser Welt ohne diese Wissenschaft abgehet, der wird, ob er gleich noch so viele gute Werke in die andere Welt mit sich bringt, aus allen Thoren des Paradieses ausgestoßen. Ueber die Worte Samuels (Sam. 2, 31), wo es heißt; ״Wer mich ehrt, den ehre auch ich, und wer mich verachtet, den schätze auch ich gering," sagt dasselbe Buch: Wer nicht verstehet den Namen seines Herrn zu würdigen, für den wäre es besser, er wäre nicht erschaffen worden: denn Gott hat den Menschen blos in diese Welt gesetzt, damit er sich bestrebe, die Geheimnisse, welche in dem göttlichen Namen liegen, zu erforschen. David sagte (Ps. 145, 18): ״Gott ist denen nahe, die ihn in der Wahrheit anrufen." Hier fragt der Sohar: Kann man denn auch Gott in der Unwahrheit anrufen? — Antwort: Ja! Denn wer Gott anrufc, und nicht verstehet, wen er anruft, der ruft Gott in Unwahrheit an. Hieraus ist also erwiesen, daß jeder Mensch verpflichtet ist, an Gott und seine Lehre zu glauben, ihn als auch seine Gesetze und Rechte zu erkennen, und die Geheimnisse der Tora zu ergründen. Wer auf diese Art glaubt, der erfüllt den Willen und den Befehl Gottes, den er durch Mofes kund gethan hat, und nur dieser verdient ein wahrer Jsraelite genannt zu werden." II. Wir glauben, daß Moses, die Phropheten und alle übrigen früheren Lehrer sich in ihren Schriften oft uneigentlich ausdrücken, und aus einen geheimen Sinn, den sie unter ihre Worte gelegt haben, hindeuten. Diese Schriften gleichen einer verschleierten Matrone, die ihre Schönheit nicht vor Jedermann bloß stellt, sondern von ihren Liebhabern fordert, daß sie sich Mühe geben, ihren Schleier zn lüften. Eben so ist auch über alle diese göttlichen Worte ein Schleier der Uneigentlichkeit gezogen, welcher auch mit dem größten Menschenverstände ohne Beistand der göttlichen Gnade, nicht gelüftet werden kann. Oder mit andern Worten: Es wird in der Tora von Sachen gesprochen, die keineswegs nach dem bloßen Wortsinne genommen werden dürfen, sondern man muß den göttlichen Geist ancufen, daß er uns den unter dieser Wortschale liegenden Kern entdecke." (Fortsetzung folgt.) Lese-Zimmer. 1. Der Neligions -Unterricht.*) Unter den neuen Bedürfnissen, welche sich im verflösseneu halben Jahrhundert in den innern Einrichtungen der Juden geltend gemacht haben, nimmt der Religionsunter- *) Geig er in seiner Einladung zur Prüfung an der jüd. Re» ligionsunterrichts-Ansrait zu Breslau. D. R.