Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1844
- Issue
- 19 (11.5.1844)
- Date
- 1844-05-11
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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75 beschuldigten unter gräßlichen Drohungen die Juden, daß sie die Gesellen verklagt und verlaumdet hatten. Es war nun einmal so Sitte in jener Zeit, daß alles Böses, welches geschah und wovon man den Thater nicht kannte, den armen Juden aufgebürdet wurde. Entstand ein großes Sterben in der Stadt, so mußten sie die Brunnen vergiftet haben; verschwand ein Christen-Kind, so mußten es die Juden gestohlen haben, und bald erzählte man weit und breit, wie sie das arme Kind gekreuzigt und gemartert hatten. Einige wurden dann gewöhnlich gefoltert, und fand sich das Kind wieder und zeigte sich die Unschuld der Juden, so nahm man an, daß die Gefolterten diese Strafe doch für andere nicht entdeckte Verbrechen hinlänglich verdient hätten. Während dieser Unruhen in Frankfurt verlebten sie eine traurige Zeit. Am Morgen wünschten sie, es wäre wieder Nacht, und in der Nacht, es wäre wieder Morgen. Mit Furcht und Zittern standen sie auf, mit Angst legten ste sich schlafen, denn sie mußten stets fürchten, dieser Tag oder diese Nacht sei die letzte. Zu Psingsten erscholl Heulen und Zeter durch die ganze Judengasse. ״Man hat gesagt, die Mordim kommen daher. Sie haben sich ebbes unterwunden. Die Pforten wollten sie einstoßen. Und wöllen stürmen unser Kehilla. Lieber Gott, thu uns nit verlosen: So ist gewest immerdar unser Tsilla." Das Gewitter ging indessen damals noch vorüber, aber desto drohender zog es wieder im August herauf, als die Gesellen durch das von den Kommissarien erlassene Manbat erbittert waren. Die Sonntag den 20 August ausgesprochenen Drohungen ließen die Juden das Aergste fürchten. Sie waren in großer Angst, und um das ihnen drohende Unglück abzuwenden, wurde für den Montag bei ihnen ein Fasten ausgeschrieben. In der Nacht vom Montag auf den Diensttag ging Niemand zu Bette; stündlich erwartete man das Einbrechen des wüthenden Pöbels. Der Diensttag (22. August) verging unter entsetzlicher Angst; denn einzelne Juden, die es gewagt hatten, in die Stadt hineinzuhorchen, brachten die Zeitung, daß es gefährlicher stehe, als je. Es kam indessen die Zeit des Abendgebetes. Die Thore, welche die Judengasse von der übrigen Stadt absperrtrn, waren geschlossen. Das Geschrei des Pöbels, welcher sich vor den Thoren sammelte, drang bis zu ihnen und erfüllte ihre Herzen mit Entsetzen. Plötzlich erdröhnten starke Schläge gegen die Thore, und in der Judengasse entstand ein Laufen, Drängen und Treiben, wie in einem Ameisenhaufen, in dem ein grausamer Fuß umherstört. Durchdringende Angstlaute erfüllten die Luft; die vierzehnhundert Juden, die hier in der Judengasse eingetheilt waren, erhoben ein Geschrei, wie es zwanzigtausend Christen nicht vermögen, als die schützenden Thore unter Donnergekrach rinstürtzten und die beutegierige Pöbelmenge bewaffnet herandrängte. Einige beherzte Juden warfen sich dem Feinde entgegen; aber wenn sie auch wie die Löwen gekämpft hatten, die Menge würde sie überwältig haben, und überdies fürchteten sie sich vor dem Stechen und Schießen. ״Etliche seyen gestanden mit großer» Wehr. Bis einer uns ist worden derschossen. Auch einige sein worden verwundet sehr. Da sein mir all worden verdrossen. Da sein mir all geloffen immerweck. Unser keiner ist mehr gewest vorhanden. Da haben ste gefühlt Gebäck und Sack. Es ist ihnen niemand entgegengestanden." Einige, besonders vornehmere Judenfrauen, ließen Hab und Gut im Stich und flohen mit ihren Kindern auf den Kirchhof; hi<r wollten sie den Tod erwarten. Andere waren auf die Mauer eines an die Judengasse stoßenden Garlens geklettert und halfen mit einem Seile den ihrigen hinüber. Noch andere versteckten sich in die verborgensten Winkel ihrer Hauser, und wer konnte, entfloh in die Stadt, an Orte wo er bekannt war. Ein Nathsherr, dessen Namen leider das Lied nicht nannt, der ein schönes Haus und einen großen Garten in der Nahe der Judengasse besaß, öffnet mitleidig sein Besitzthum den armen Verfolgten. Wohl gegen sechshundert Juden fanden in diesem Zufluchtsorte Schutz. Ihr Anblick war herzzerreißend. In einem Kreise auf der Erde im Garten saßen, in ihre langen Schleier wie Leidtragende eingehüllt, zehn Mütter, die kaum geboren und die von den Plünderern aus den Betten geworfen waren. Die armen kleinen Kinder lagen wimmernd in ihrem Schooß, von den Thränen der Mütter gebadet. Der Pöbel feierte unterdessen in der Judengasse ein Fest. Alle Kisten und Kasten wurden zerschlagen und baar Geld, Silber und Gold und köstliches Geschmeide geraubt. Lebensmittel aller Art, Hausralh, Leinwand, kurz Alles, was fortzubringen war, wurde eingepakt und weggeschleppt. Was den Plünderern nichts nütz war, wurde mmhwillig verdorben. Von den Büchern und Handschriften, die sie erbeuteten, machten sie ein großes Feuer und kochten daran das dürre Fleisch, welches sie in den Vorrathskammern der Juden fanden. Seltene Pergamente, die viele Tausende werth waren, wurden für ein Spottgeld an Buchbinder verkauft. Was nicht mit geschleppt werden konnte, wurde zerstört, Oefen, Fensterscheiben und Thüren zerschlagen. Die Mesusos wurden aus den Balken herausgerissen und mit den Gebettüchern und Gebetriemen wurde viel Spott getrieben. Böse Buben schütteten Schmalztöpfe auf die Erde und darauf einen Sack mit Mehl, das traten sie mit Füßen fest, um, wie sie sagten, für die Juden Matze zu backen. Kurz: ״Die ganze Nacht haben sie geschwebt. An Allen Orten und an allen Enden. Was sie haben angerührt, doß hat geklebt. Haben es behalten in ihren Händen." Mit Sehnsucht erwarteten die armen Juden den Morgen; dann, hofften sie, sollte ihre Plage enden. Als endlich der Tag kam, wollten diejenigen, die noch in der Judengasse waren, hinaus, um ihr Leben in Sicherheit zu bringen; aber ach, sie waren gefangen; die Empörer hatten Wachen an die Thore gestellt und allen Bürgern geheißen, die etwa versteckten Juden auf die Straße zu jagen oder ihrer Rache gewärtig zu sein. Vincenz Fettmilch kam selbst in die Judengasse und sagte: ״Ich bin Euer Haman in 4