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Sabbath-Blatt · 1844-05-11 · 19 (11.5.1844) · p. Seite 76

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Sabbath-Blatt
Volume
1844
Issue
19 (11.5.1844)
Date
1844-05-11
Page
Seite 76 (sequence 4)
Language
German
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76 dieser Zeit und fürchte mich nicht vor Mordachai, denn so fromme Leute giebt es bei Euch nicht." Alle Juden, die irgendwo gefunden wurden, trieb man nun auf ihren Kirch- Hof zusammen. Die Ausgange desselben wurden mit vielen Wachen besetzt, so das Niemand entwischen konnte. Die Juden dachten nicht anders, als das sie hierher gebracht wurden, um sammt und sonders ermordet zu werden. Der ganze Haufen bereitete sich zum Tode. Von allen Lippen ertönten Sterbegebete und Viele zogen ihre Sterbekleider an. Eine Anzahl Mädchen und Frauen, die Gewalt fürchteten, wollten ihrem Leben ein Ende machen und in einen Brunnen springen. ״Doch hatten sie sich wieder besunnen." Unterdessen drängte sich das Volk vor dem Kirchhofe, und die Reden, die hier sielen, waren wenig geeignet, die Juden über ihr Schicksal zu beruhigen. Hier behaupteten Einige, die Aufrührer würden sie nur zur Stadt hinausjagen; dort Andere, daß sie unfehlbar alle umgebracht werden würden. Berge- Kens baten die geängstigten Hebräer, man möchte ihnen doch die Thors öffnen und sie laufen lassen; sie erhielten gar keine oder höhnende Antwort. Endlich waren selbst die Peiniger des grausamen Spiels müde. Alle Juden, Männer, Weiber und Kinder wurden unter Begleitung einer starken Wache zum Thors hinaus gebracht. Sie stiegen am Main in Schiffe und flohen theils stromauf-, theils stromabwärts, jubelnd über das errettete Leben, aber trauernd über ihren Verlust und darüber daß sie ihre Vaterstadt so schmählich verlassen mußten. An der Mainbrücke, durch welche das nach Offenbach gehende Schiff hindurch mußte, hatten die Juden noch große Angst auszustehen, denn die ganze Brücke war gedrängt voll Menschen, die ihren Abzug mit ansehen wollten. Darunter waren viele mit geladenen Flinten und ״Wir forchten sich sehr vor schießen." Wo die armen Juden hinkamen, wurden sie freundlich ausgenommen, und es heißt ausdrücklich in dem jüdischen Liede: ״Allen guten Willen hat man uns erzeigt. Wo mir sein hinkommen an allen Ohrten. Mit allen Sachen is man gewest uns geneigt. Mit Essen und Trinken, und gutte Wtzxten. Juden und Gojim uns hoben alles gutts gethan- An allen Orten, da mir sein gewesen" u. s. w. Als die Juden aus Frankfurt weg waren, ließ der Pöbel seinen' Haß und Spott an den ihnen heiligen Gegenständen aus, welche sie zurückgelassen hatten. Auf dem Kirchhof zerriß man die Vorgefundenen Gesetzbücher und der dort weidende Bechor Schor wurde geschlachtet und einem Schenkwirth gegeben, der dafür Wein schenken mußte. Auf dem Kirchhof legte man eine Kegelbahn an und wollte da: bei ein Schützenhaus gebaut haben. Die Häuser der Juden wurden mit Nummern versehen und verloost. In der Synagoge wurde aber der größte Unfug getrieben. Den Schranken, in welchem das Gesetz verwahrt wurde, verunreinigte der Pöbel auf die gemeinste Weise, und die Blatter der heiligen Bücher wurden zu sehr profanen Zwekken gebraucht. — Einige Rathsherrn, die sich wieder in Frankfurt eingefunden hatten, entflohen eiligst, als sie die Greueln sahen, welche an den Juden verübt wurden, denn sie fürchteten, daß es wieder über sie hergehen würde, wenn man mit den Juden fertig wäre. Die Beamten der kaiserlichen Kommissarien mußten auch nachgeben, und um dem Tumulte ein Ende zu machen, den Empörern Revers und Patentbriefe geben und öffentlich bekannt machen lassen, daß sie dieselben für redlich und ehrlich erkannt hätten und daß es ihnen erlaubt wäre, frei und ungehindert hinzuziehen, wohin es ihnen beliebte, und ihr Handwerk zu treiben. Vermischte Nachrichten. In Rom besteht jetzt noch die mittelalterliche Sitte, daß die Vorsteher der dortigen jüd. Gemeinde, während der Karnelvalsfeier, dem Senator einen jährlichen Tribut brin« gen müssen, wofür sie, als Zeichen der Entlassung, vom Senator einen Fußtritt erhalten. — In ganz Italien leben 36,090 Juden. In Frankfurt a. M. wollte ein Vater sein neugeborenes Kind nicht beschneiden lassen, wogegen sich der fromme Sinn der Mutter sträubte. Die Drohung derselben, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen, zwang dem Vater die Einwilligung zur Beschneidung ab, der er aber nicht persönlich beiwohnte. Im Herzogthum Mecklenburg-Schwerin hat der verdienstvolle isr. Oberrath Epstein den sogenannten Top beim Verlesen der Tora in der Synagoge abgeschafft.! Die Emancipation der ungar. Juden ist bei der zweiten reichstäglichen Berathung — verworfen worden. ־ Der Minister Eichhorn hat der jüd. Gemeinde- Schule des Herrn B. Auerbach in Berlin 20 Thlr. zur Bekleidung dürftiger Schüler geschenkt. In Jamaica haben die Juden, in einer Versammlung, den Beschluß gefaßt, sich an die^Londoner Juden mit der Bitte zu wenden, daß sie die Ausführung des vielbesprochenen russ. Ukases verhindern sollen. ׳— Viel, ja zu viel wird für die armen polnisch-russischen Grenzjuden geschrieben und gesprochen und doch war der Erfolg aller bisher gethanen Schritte nur sehr gering. Verantwortlicher Verleger C. L. Fritzsche in Leipzig, Druck von I. H. Nagel in Leipzig.

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