Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1844
- Issue
- 18 (4.5.1844)
- Date
- 1844-05-04
- Page
- Seite 71 (sequence 3)
- Language
- German
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71 Pflichten nicht willkürlich losreißen. Thut er es dennoch, so ist er zwar eine lebendige Lüge, ein Unding, aber seine Verpflichtung zum Iudenthum wird dadurch nicht aufgehoden. Wenn Ihr aber dieses mit Euerm ״zur Religionsg e sellsch aft gehören" ausdrücken wolltet, warum machtet Ihr aus der Leugnung eines einzigen Gottes und einer Offenbarung eine Ausnahme? Auch der gänzliche Abfall von Gott und seiner Lehre hebt die innere, die unsichtbare Gemeinschaft mit der Religionsgesellschaft nicht auf; die Verbindlichkeit zur Religion besteht fort. Wollet Ihr aber nur die äußerliche, die sichtbare Gemeinschaft mit der Religionsgesellschaft bezeichnen und damit sagen, daß Jemand faktisch Jude sei, wenn er auch blos diese zwei von Euch angeführten Grund lehren aus seinem Judenthum heraus geglaubt und alles Uebrige fahren gelassen hat, so frage ich, wie kann man faktisch Jude sein, ohne den mofalschen Ceremonialgeboten zu genügen? Wie kann man an eine Offenbarung glauben, ohne die Gegenstände der Offenbarung, die!'geoffenbarten Gesetze, anzuerkennen und zu befolgen? Und wahrlich! Ist es'Euch im Ernste darum zu thun, das äußere Band, welches uns Glaubensbrüder umschlingt, befestigen zu wollen; sollen wir in der That allesammt zu Einer Religionsgesellschaft gehören; warum rufet Ihr selbst einen Zwiespalt hervor zwischen Brüdern? warum öffnet Ihr selbst eine so weite Kluft zwischen der Gesellschaft, mit welcher Ihr vorgeblich voreinigt sein wolltet? warum schleudert Ihr selbst die Brandfackel in das von Euch selbst mitbewohnte Haus Jakob's? Saget nicht: ״Der Bruch ist schon längst vorhanden; wir verleihen ihm nur Worte und verkünden dieselben vor aller Welt". Ein solcher Bruch war noch nie vorhanden; geworben hat man noch nie um Stimmen, um Unterschriften zur Untreue an der väterlichen Religion, zum Hochverrathe an der Lehre Moscheh's; hohle Phrasen, leeres Wortgeklingel hat man noch nie ausgestreut, um ein mosaisches Gesetz, das von allen Juden bisher befolgt wurde, als ein unmosaisches unter altes Gerümpel werfen zu wollen. Welcher Jude, wäre er es auch nur noch dem Namen nach gewesen, hat cs je gewagt, sein Kind nicht beschneiden zu lassen? — Bedenket, bedenket wohl, was Ihr thuet! Euer besseres Ich klagt Euch der Leichtfertigkeit an! bedenket und kehret um! (Fortsetzung folgt.) Der Aufruhr des Vineenz Fettmilch und die Judenverfolgung zu Frankfurt a. M.*) von G. v. C. BZ. Im Jahre 1613 gerieth der Rath der freien Reichsstadt Frankfurt mit der Bürgerschaft in Streit. Diese verlangten, daß die Privilegien bekannt gemacht und über die Verwaltung der Stadteinnahme öffentlich Rechung abgelegt werden soll. Außerdem wollten die Bürger noch manche Uebelftande abgestcllt und besonders dem übermäßigen Wucher der sehr gehaßten Juden gesteuert wissen. Dergleichen zudringliche Forderungen sah der Hochweise Rath damals mit nicht günstigern Augen an, als er es jetzt im Jahre 1844 thun würde. Er hatte von jeher einen besondern Abscheu vor dem Auskehren und Lüften des alten düstern Römers und zeigte sich auch zu jener Zeit durchaus nicht geneigt, den Willen der Bürger zu erfüllen. Diese wandten sich an die zur Kaifecwohl versammelten Churfürsten und an den Kaiser Mathias, der denn auch dem Churfürsten von Mainz, Jahann Schweigharl, und dem Landgrafen Ludwig von Hessen aufgab, die Zwistigkeiten zwischen Obrigkeit und Unterthanen gütlich zu schlichten. Eine Krähe hackt aber der andern kein Auge aus, und die kaiserlichen Kommissarien waren eben nicht sehr bemüht, den Willen des Volkes, zu erfüllen. Diesem wurden, wie einem knurrenden Hunde, zur Beruhigung einige Brocken vorgeworfen; aber in der Hauptsache blieb es beim Alten, und besonders konnten die Bürger nicht erfahren, wie die hochweisen Väter der Stadt mit ihrem Gelds gewirthfchaftet hatten. Es lebte aber damals in Frankfurt ein Lebkuchenbäcker, Vincenz Fettmilch; dieser war ein unruhiger Kopf nnd arger Schreier, wie es deren noch in Frankfurt in Menge giebt, der bei den Bürgern seines Schlages viel galt. Zu ihm hielten besonders Conrad Schoppe, Conrad Gerngroß, Georg Ebel, ein Schwarzfärber, Adolf Cantor, ein Handelsmann, Steffen Wolf, ein Seiler, und Hermann Geyß, ein Schneider, denn ein Schneider scheint einmal bei keinem öffentlichen Spektakel fehlen zu dürfen. *) Als Hauptpunkte zu dieser Schilderung habe ich ein höchst seltsames, sehr langes Lied benutzt, in welchem die Juden in deutschen Versen die Vorgänge jener Zeit und die ausgestandene Angst und Noch ebenso treu als origenell beschreiben. Der Litel dieses Liedes ist folgender: Ein schön Lied, hübsch und bescher'- deutlich, für Weiber und Meidttch, zu erkennen Gottes Kraft und Macht. Wie der Schorn er Ji sroel (Hüter Israels) hat bei uns gewacht: Darum thut Haschem Jisborech (den gebenedeiten Gottloben, der uns geniedert und wieder erhoben. Megillas (das Büchlein) Vinz soll man den Schier (Gesang) heißen überall. Js so viel als Megillas Antioches, an der Zahl. Hab ich ein Niggun (Melodie) drauf gemacht. Als wie von Paria is die Schlacht. So sagt Elchonan, ein Sohn Abroha m Saul's (seligen Gedächtnisses). Wo es paffend erscheint, werde ich Stellen aus dem Liede anführen. 4