Mannheim
Compact Memory

Sabbath-Blatt · 1844-04-20 · 16 (20.4.1844) · p. Seite 63

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Sabbath-Blatt
Volume
1844
Issue
16 (20.4.1844)
Date
1844-04-20
Page
Seite 63 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/8620046-8637379-8637412--486-8620432
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

63 Erbtheil ist hienieden Schmach, Eure Kost Verachtung, Eure Labung Drangsal! Wo Ihr bittet; wird Euch Hohn, wo Ihr flehet, wird Euch Gelächter, wo Ihr weint, wird Euch Hohnlachen! Ihr wollt Liebe, Euch wird Haß, Ihr wollt Gerechtigkeit, Euch wird höchstens Duldung, Ihr wollt Menschenrechte und Ihr werdet unter das Thier erniedrigt. M. G. Saphir. Vereinsamt steht der Lazzenhof in der Judengasse, vereinsamt mitten unter dem Volke, dessen nimmer ruhender Geist auf den schwankenden Wogen des Handels und Schachers herumtreibt, vereinsamt steht er da, ein kräftiges Zeugniß der fortschreitenden Zeit der Kultur unserer Mitbrüder, denn es ,steht da von Obrigkeitswegen mit großen Lettern auf großer Lasel geschrieben: ״Hier ist das Handeln oder Schachern, so wie auch das Herumstehen auf das Strengste verboten!!!" Der arme Jude sieht mit trüben Augen hinauf zur Tafel, seufzend hängt er sein Bündel auf die Schultern und von Haus zu Haus wandernd schreit er: ״Nicht zu Handeln!"— Und hat er sich die müden Beine noch müder gelaufen und hat er ein alt zerrissenes Stück Gewand um schwer erworbenes Geld erhandelt, und hat er Schimpf und Schande ohne Murren erduldet, um der Noth und dem Elende zu entgehen, dann will er hier das im Schweiße seines Angesichtes Erschacherte für einen Profit weniger Groschen verkaufen, aber es steht da eine Tafel, neben der Tafel steht ein Polizeischerge, und auf der Tafel steht geschrieben, daß das ״Herumstehen" verboten sei! Und der Jude, wenn er ein gescheuter Jude ist, fragt sich: was besser sei, ein Jude zu sein, oder den Muth zum Leben zu verlieren? Aber es tönen ihm warnend in die Ohren die Lehren seiner Kindheit, und er erinnert sich, wie ider Rabbi mit dem weißen Barte zu ihm gesagt: ״Du mußt leben, und um zu leben, mußt Du schachern, mußt Du Schande und Spott erdulden. Denn wenn Du Schande und Spott duldest, so wirst du Geld verdienen, und wenn Du Geld verdient hast, so wirst Du geachtet und geliebt von Deinen christlichen Mitbrüdern. Darum sei Geld Dein einziges Streben, an Geld denke zu jeder Stunde des Tages, Dein ganzes ^Leben löse sich in dem einzigen Worte — Geld auf!" Und der Jude fühlt, daß es so sein müsse auf der schönen Erde Gottes, wo uns alle bürgerlichen Gewerbe zu gleichen Thei» len gehören sollen; er weiß, daß er ein Fremder, ein Unglücklicher, ein Heimathloser; er weiß, daß seit zweitausend Jahren, Judäa nicht mehr ist, daß vom Anfang bis zum Niedergang die Sohne Abraham's, Jsaak's und Jakob's zerstreut und ohne Kraft leben, und er geht hin mit dem Haß und der Verzweiflung im Herzen und — schachert, wo keine Tafel das ״Stehen" verbietet. Der Jude hat aber schlechte Geschäfte gemacht: er hat nichts, gar nichts verdient. Der Lazzenhof war sein Asyl; dort in den dunkeln Winkelgewölben hat er verkauft, was er zu verkaufen gehabt, dort hatte er verdient, was sein und der Seinigen kümmerliches Dasein fristet. Und der Jude kommt spät Nachts nach Hause, wirft das Bündel vom Rücken, und sein krankes hungriges Weib sieht die trüben Mienen des Mannes mit großer Bekümmerniß. Die vielen hungerigen Kinder stürzen sich auf das Bündel und suchen darin nach Brod. Der Jude aber hat gar nichts gebracht, denn der Jude hat nichts, nicht einmal Brod! — Und Mann und Weib und Kinder legen sich hungrig auf's harte Lager. Der Jude aber kann nicht schlafen. Ec wälzt sich fieberisch an der Seite seines schwer athmenden Weibes und betet: ״Gelobt sei der Name des Ewigen! Es kommt schweres Leid über mein Haupt. Im Lazzenhof haben sie hingehängt eine große Tafel, und aus der Tafel steht geschrieben, daß man nicht handeln und schachern soll. Schachern und handeln muß aber der Jude, denn was soll der Jude anders thun. als bandeln und schachern, wenn er nicht verhungern will? Ich werde aber verhungern, und mit mir werden verhungern Weib und Kind, denn im Lazzenhof ist uns das ״Stehen" verboten. Der Name des Ewigen sei gelobt! Er war es, der uns aus Mizrajim geführt; wen er fegnet, der ist gesegnet, und wen er flucht, der ist verflucht!" Darum grabt sich immer tiefer in das Herz des Juden das Gefühl der Hoffnungslosigkeit, und neben dem Gefühle der Hoffnungslosigkeit, neben den drückenden Qualen, neben dem phyfischen und geistigen Schmerz muß er doch den Muth zum Leben behalten! Und er lebt für das Leben, denn das Leben ist doch so schön, denn das Leben ist das Einzige, was der arme Jude nebst seinem Elende hat, und er lebt ein feiges Leben, ein Leben voll Schwäche und Entsagung, denn er ist ein armer Jude, ein sehr armer Jude! Er ist so arm, daß er nicht einmal die Bagatelle von vier Gulden Siibermünze täglich zahlen kann, um sich und den Seinigen das Recht und die Duldung zu erkaufen, innerhalb der Grenzen der Stadt auf hartem Stroh zu schlafen! — Weib und Kind schleppen sich nun bettelnd in das ferne Dorf, von dannen sie gekommen, weil der Hunger so wehe that, und der alte Jude wandert täglich vor die Stadt hinaus, denn vor der Stadt ist jedem Juden gestattet zu athmen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.