Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1844
- Issue
- 16 (20.4.1844)
- Date
- 1844-04-20
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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64 Dort im ärmlichenWirthshause ״zum Rehbock" streckt er seinen müden und abgemagerten Leichnam auf ein dürftiges Lager; denn der arme Jude hat in seiner trostlosen Lage keinen andern Muth, als den Muth der Ergebung unter den Druck der Gesetze. Mit des Morgens Grauen verläßt der Jude schon sein kümmerliches Lager, wäscht sich und betet, betet mit verzweislungsvoller Znnbrunst in der Sprache Jehova's, in der Sprache seiner Väter, und freudenloser Trost senkt sich in sein bekümwertes Herz; denn Königreiche kamen und gingen, Religionen entstanden und verschwanden, nur die Bibel, dieses Buch aller Bücher, ging mitten durch flammende Scheiterhaufen, Jnqusitionsgerichte und österreichische Polizei, mitten durch die emancipationsüchtigen Neuerungen der Heutezeit und der Wiener Censur unversehrt hindurch! Und der Jude hält daran mit eisernem Glauben, und dieser Glaube steigert sich bis zum fanatischen Egoismus! Er weiß, daß die Gesetze Mosis durch Jahrtausende hindurch sich im Kampfe mit der Welt behauptet, er weiß, daß der Gott des alten Wundes in seiner Bibel lebt, darum betet er, wie der Unglückliche betet, mit der wüthenden Angst der Verzweiflung und der ängstlichen Sorge um das Leben!!! Wenn der Jude gebetet hat, ergreift er sein Bündel und will zur Stadt. Aber die polizeilichen Blauröcke an den schwarzgelben Schranken verweigern ihm den Passirschein, einen Paffirchein, der nur für einen Lag Aufenthalt gilt, und den jeder Bettler bekommt, wenn er gerade kein Lude ist. Der Jude kehrt betrübt um. Wenn er kein Jude wäre, wenn er sich nicht von der Vergeblichkeit jeder Bitte Merzeugt hätte, wenn er nicht durch seine leidenreiche Existenz niedergedrückt wäre, so würde er wenigstens innerlich empört sein, oder er würde dem Blaurock ehrerbietigst sagen: ״Dürfte ich wohl so frei sein,und fragen warum ich nicht in die Stadt darf?" — Der arme Jude aber wagt es nicht, den Blick zum gnädigen Herrn Polizeimann zu erheben, und er kehrt der Stadt den Rücken und von Dorf zu Dorf wandernd kreischt er schmerzlich: ״Nicht zu handeln!" Des Abends spät kehrt er wieder zum ״Rehbock" zurück, um zu ruhen und seine Glaubensgenossen von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Aber keinJude ist beim ״Rehbock" zu sehen, und auch unser Jude wird zur Lhür hinausgewiesin, denn der Gastwirth hat den polizeilichen Befehl bekommen, keinen Juden Obdach zu geben, weil die Juden am folgenden Lage wieder Passirscheine in die Stadt verlangen. Da irrt der Jude in die kalte finstere Nacht hinaus und weint heiße Thränen, weint blutige Lhränen des Schmerzes und der Verzweiflung: ״Die Gojim haben uns verboten, im Lazzen- Hof zu stehen, sie haben uns verboten, die Stadt zuberreten, und jetzt verbieten sie uns die Nacht zum Niederlegen!? Und wir müssen herumirren, wie herumirrt das verlassene Schiff auf großem Gewässer, und wir flehen umsonst zu Jehova, denn er hört uns nicht, weil er verschlossen hat das gnadenreiche Ohr vor den Söhnen Israels! Erfüllt ist, was der Ewige zu Moses sprach: Ich will meinen Zorn wider euch richten, daß ihr ge, schlagen werdet von euren Feinden, euere Hasser werden über euch Gewalt ausüben und mein Wesen wird Eckel an euch haben!" Stöhnend und jammerd, gepeitscht von Verzweiflung, irrt der Jude herum, bis er endlich todesmatt in einer Feldfurche zusammensinkt. Sein Haupt glüht, seine Glieder zittern vor Frost, der Jude bekommt ein heftiges Nervensieber und am nächsten Morgen findet man ihn bewußtlos und todtkrank. Er wird von barmherzigen Christen in eine Scheune getragen und nach einigen Lagen stirbt der Jude wie er gelebt hat — elend und verzweifelnd. Sein letzter Hauch ist ein Gebet und ein — Fluch!!! Ist kein jüdischer Poet unter uns, der mit makkabäischer Wuth all' die Schmerzenslaute dieses gedrückten und geschundenen Luven in einem Rachegesang vereinigte? O es gäbe ein ungeheurcs Lied, ein Lied, das zum Himmel steigen würde, ein Lied, das selbst Steine erweichen müßte! Neuestes und wohlfeilstes LsraelitLsehes Gebetbuch. Bei F. E. C. Leuckart in Breslau ist so eben er, schienen und in allen Buchhandlungen des In- und Auslandes zu haben: ״Gott siebt in's Herz". :יי יראה ללבי Gebet- und Andachtsbuch für fromme Israelitinnen, sowohl Frauen als Mädchen, zur öffentlichen und häuslichen Andacht an Wochen-, Sabbat-, Fest- und Fast-Tagen, wie auch für alle Verhältnisse des Lebens, bearbeitet von I. Jacobfon, Verfasser des Abtalion rc. ZOO Seiten in 8. Elegante Ausgäbe auf Velinpapier. Geh. Preis wegen Konkurrenz NSW 15 Sgr., bei 6 — 1 Frei-Exemplar. Der außerordentlich starke Absatz von diesem vortrefflichen Gebetbuch machte es dem Verleger zur Pflicht, den möglichst billigsten Preis zu stellen. Berichtigung. S. 60, Z. 3. v. u. ließ Lambroso st Bambroso; A. 2. l. Nischao f. Nischan. Einige andere Fehler in den ״vermischten Nachrichten" der Nr. 15. werden die geehrten Leser wohl verbessert haben. Verantwortlicher Verleger C. L. Fritzsche in Leipzig. Druck von I. H. Nagel in Leipzig.