Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1844
- Issue
- 14 (10.4.1844)
- Date
- 1844-04-10
- Page
- Seite 55 (sequence 3)
- Language
- German
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halten, weil uns dies schon vor der Gesetzgebung am Sinai zur heiligen Pflicht gemacht worden? Viele Gesetze und Vorschriften wurden schon den Patriarchen geoffenbart, die von den Einzelnen als Erbgut treu beobachtet wurden bis zur Zeit, da die Familie zu einem zahlreichen Volke herangewachsen war; da gefiel es der Gottheit, das Gesetz offenkundig darzulegen und dem ganzen Volke die Vorschriften und Lehren zu übergeben, die früher nur von einzelnen Stammhäuptern als Kleinodien bewahrt worden. Bei manchen Vorschriften begnügte sich das Gesetz mit dem schon früher Geoffenbacten, wobei es heißt: ״Für Abraham und seinen Samen nach ihm". So stand das Verbot, die Spannader zu effen, schon bei Zakob, mit dem bestimmten Befehl: ״Darum dürfen die Kinder Jsrael's die Spannader nicht effen," ein Verbot, das für ewige Zeiten Geltung hat. Wir wollen nur kurz hinzufügen, wie die Beschneidung von Abraham bis zur Gesetzgebung gehalten ward. Bei der Geburt Jsaak's sagt die Schrift ausdrücklich (das. 21): ״Abraham beschnitt seinen Sohn Isaak". Jakob's Söhne sprachen zu Sichem und Chamor: ״Nur dann wollen wir euch willfahren, wenn ihr werdet wie wir, daß beschnitten werde unter euch alles Männliche" (das. 34, 15). Zippora beschnitt ihren Sohn und sprach: ״Ein blutiger Verwandter durch die Beschneidung" (Exod. 4, 25). Die Gegner der Beschneidung können diesen Gründen nichts weiter entgegensetzen, als daß sie nicht zu Abraham's Nachkommen gerechnet sein wollen, und sie mögen hiezu einigen Grund finden in der agadischen Deutung, die unsere Weisen der Stelle Deut. 13, 18 geben. ״Wer Barm- Herzigkeit gegen seine Nebenmenschen übt, sagen sie, der beurkundet, den Nachkommen Abraham's anzugehören". Jene Zerstörer des Gesetzes aber verfahren auf eine unbarmherzige Weise gegen die religiösen Ueberzeugungen ihrer Rcligionsgenoffen; sie nehmen keine Rücksicht auf die wegen ihres Glaubens!zurückgesetzten Brüder und trennen eine Gesammtheit in leichtaufzulösende Glieder. Dieses war nicht die Handlungsweise unseres Erzvaters Abraham, der sich aller Menschen mit Milde und Barmherzigkeit annahm und viele Menschen durch die Lehre der wahren Gotteserkenntniß geistig umschuf. Auf die Sekte sind die Worte des Propheten anwendbar: ״Ein Geschlecht, das seine Vorfahren gering schätzt" — und diese haben durch die That beurkundet, daß sie nicht Abraham's Nachkommen angehören. Diesen einzigen Ausweg wollen wir ihnen denn auch zu ihrer Entschuldigung offen laffen, und dies mag ihnen als scheinbares Recht gelten, das Bundeszeichen, welches Gott mit Abraham und seinem Samen für ewige Zeiten schloß, aufgegeben zu haben. IV. Wie weit aber die Vermessenheit und die Religionsverachtung dieser sich allein für weise haltenden Sekte geht, ist aus dem Schreiben eines bekannten Mathematikers zu ersehen, in dessen Eingang folgende Worte zu lesen sind: ״Wenn ich mich frage, was mich verflichtet, für das Judenthum und dessen Verbesserung zu wirken, so muß ich mir sagen, daß dies keinesweges in einer religiösen Gesinnungsverwandtschaft mit der großen Menge seiner Bekenner liegt; da ich seit langer Zeit ebenso entfernt von ihm bin als vom Christenthum. Ich kann nicht einmal, wie Du und Andere, sagen, daß ich durch den Glauben an einen reinen Monotheismus mit demselben Zusammenhänge. Was mich an das Judenthum fesselte (?) und mir seine Bekenner näher stellt als Andere, ist das reine Pflichtgefühl der Pietät"׳ Wir wollen einmal das Pflichtgefühl der Pietät, das ihm allein von allem religiösen Glauben übrig geblieben, näher untersuchen und sehen, ob dieses die Liebe zu seinen Brüdern zu erhalten und auch nur dem kleinsten Flämmchen des Glaubens Brennstoff zu geben vermochte. Lesen wir jenes Schreiben bis an's Ende, so finden wir, daß in ihm jedes Glaubenssünkchen erloschen und er nur ein fremdes Feuer, entzündet an der Flamme des Hasses, in feinem Innern unterhält, zum Verderben seiner Brüder und Jugendfreunde. Will er etwa seine Leser oder sich selbst mit seinem Pflichtgefühl der Pietät tauschcn, einem Gefühle, das ihm schon längst abgestorben und so fremd geworden ist, wie einem Blinden die Farben, einem Tauben die Töne? — Das ganze Schreiben athmet einen solchen Haß gegen das Judenthum, wie man ihn nur in den Streitschriften des Mittelalters zu finden gewohnt ist. So sagt er u. A.: ״Wir wußten sehr wohl, daß wir, indem wir uns selbst an die Bibel wagten, das ganze Meutegebell christlicher und jüdischer Staats- und Glaubenspfaffen uns auf den Hals ziehen würden." Dies die sanfte, liebreiche Sprache des Reformers. Ferner: ״Die Refutation des Talmuds ist zugleich nöthig, um uns von der Autorität der Rabbiner zu befreien, der, wie mir scheint, gar Vieles zur Last fällt, was man gewöhnlich den Staatsregierungen aufbürdet. Ich bin z. B, überzeugt, daß keine Regierung etwas gegen die Wiedecverheirathung einer nicht vom Schwager losgesprochenen Frau hat, sobald sich nur ein Rabbiner findet, der sie trauet. Ich bin überzeugt, daß z. B. hier im Lande kein Mensch sich darum kümmern wird, ob ich meine Kinder beschneiden lasse oder nicht, wenn nicht etwa der Rabbiner Lärm schlägt und erklärt, daß ein Unbeschnittener kein Jude ist." Hat man je ein solches Sündenregister der Rabbinen gelesen, wo man es diesen zur Last zu legen wagt, eine Trauung nicht vollziehen zu wollen, die sie nach dem Gesetze nicht mit gutem Gewissen vollziehen können, den Unbeschnittenen für keinen Israeliten zu halten, was er auch in der That nicht ist! Dies nun ist das Pflichtgefühl der Pietät dieses Gelehrten gegen seine Glaubensbrüder, gegen ihre Rabbiner, unter denen er seine Erzieher, Lehrer und Freunde findet. Ein Anderer hat 'sich geäußert, man brauche das Zetergeschrei des orthodoxen Judenthums nicht zu berücksichtigen, denn dieses hätte.ebenso seine Opposition erhoben gegen die Mendelssohn'sche Uebersetzung des Pentateuchs und ebenso über den Verfall religiöser Sitten geklagt, als die Frauen, gegen die frühere alte Sitte, ihre Haare zu ent-