Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1844
- Issue
- 12 (23.3.1844)
- Date
- 1844-03-23
- Page
- Seite 47 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/8620046-8637379-8637406--466-8620416- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
47 Lese-Zimmer. Die Debatten des Rheinischen Landtags über /,die Emanzipation der Juden" sind in einem besondern Abdrucke, mit einer Einleitung von einem Staatsmanne, erschienen.*) Wir theilen aus der letztern folgende Stelle mit. ״Von Eisenmenger an, der seine Fahne auf religiösem Gebiete aufzupflanzen suchte, bis zu den bekannten Autoren unserer Tage — welch' eine dichte Reihe namhafter Männer, die Alles aufboten und das Verschiedenste zusammenstellten, um feindselige Stimmungen zu erwecken. Es dürfte schwer fallen, ihnen etwas Neues hinzuzufügen; und selbst die Bemerkung des geistvollen Professor Leo in Halle, der in neuester Zeit erst, (in der evangelischen Kirchen-Zeitung No. 61. Jahrg. 1843), die krumme Rückgrarlinie der Juden entdeckt hat, und sie deshalb nicht emanzipirt wissen will, kann nicht ganz ihren Anspruch auf Originalität rechtfertigen, obschon man zugeben muA, daß es sich dabei um ein pikantes, des berühmten Historikers würdiges Argument handelt! Also — wie gesagt der Inhalt der nachfolgenden Debatten macht nicht ihre Denk- Würdigkeit aus. Wenn wir ihnen nichts desto weniger eine europäische Bedeutung beimessen, wenn wir dieselben, in Bezug auf die Juden überhaupt, als das erfreulichste Eceigniß bezeichnen, mit der Gott in seiner allbarmherzigen Gnade (und welcher Jude hat sie nicht erkannt und vielfach gepriesen) sie seit Jahrzehnden bedacht — als ein so eingreifendes und nachhaltiges Ereigniß, daß es nur von der Weisheit und dem Tiefsinne der Juden abhangen wird, die nützlichsten Folgen für sich daraus einzuernten — so muß das wohl in anderen Ursachen seinen Grund haben, die wir hiermit der Reihe nach aufzahlen wollen." ״Vor Allem nun: — Es ist ein Diener der Kirche, es ist ein Priester der uralten katholischen Kirche, ein treuer Anhänger und Verkündiger der göttlichen Lehren, ein Christ in großer Bedeutung des Wortes, der als Folge seiner Ueberzeugungen, seiner christlichen Ueberzeugungen die Emanzipation der Juden und ihre vollständige politische Verechligung in Anspruch nimmt. ׳— Darin zeigt sich für die praktische Entwickelung der Frage, wie für das Ausspinnen der Theorien, namentlich für unsere Zeit und besonders für die jetzigen preußischen Zustande, ein hochwichtiger und entscheidender Moment, dessen gesegnete Folgen vor Augen liegen. Und es ist nichr bloßer Zufall, der hier sein Spiel treibt, sondern die gnadenreiche Vorsicht, sie, die als der Hort Israels waltet, hat gleichsam einen Fingerzeig gegeben, wohin die Zeiten sich neigen und woher wahrer Trost und wahre Hilfe zu erwarten sei. Sie hat, wie oft zu den Tagen der Väter, durch ein sichtbares Zeichen die Augen der Menschen auf das Heil gelenkt, und ihnen den Schatz der Erkenntniß und den Blick in die Zukunft geöffnet." ״Also; ein Priester der uralten christlichen Kirche ist es, der vor einer der erlauchtesten Versammlungen des Vaterlandes, der im Namen und Kraft der Lehren seiner Religion auf die politische Gleichstellung der Juden mit den Christen dringt, und der als Grundlage für seine Antrage gerade diejenigen Grundsätze aufstellt, in deren Namen bisher Verfolgung und Strenge geübt wurde. In dieser Thatsache liegt ein weltumfassendes Prinzip heiliger und himmlischer Versöhnung; es liegt da wie ein sehnsuchtsschweres, geisterartiges Wehen der Zukunft, die gleichsam mit ahnungvollem Bruderkuß die traurige Gegenwart tröstet und sie auf das Herrliche vorbereitet; es liegt darin ein so überwältigender, zum Höchsten stimmender Tiefsinn, daß er in seiner ganzen Fülle aufgefaßt zu werden verdient." Mancherlei zum Denken. 1. Napoleon war bekanntlich am rochen Meere, ungefahr an derselben Stelle, bei welcher die Israeliten übcrgegangen waren, dem Ertrinken nahe. Eine unerwartete hohe Fluth ereilte ihn und nur kaum entging er der drohenden Gefahr. ״Ein vortrefflicher Text, bemerkte er, indem er über dies Ereigniß sprach, für alle Prediger in Europa, wenn es mir ergangen wäre, wie dem Pharao." 2. Der englische Dichter Pöring, der berühmte Verfasser der ״Nachtgedanken", welcher im ersten Drittheil des vorigen Jahrhunderts lebte, war mit seiner tödtlich kranken Stieftochter nach Frankreich gereist, weil die Aerzte die dortige mildere Luft für zuträglich hielten. Doch konnte dieselbe sie nicht mehr retten. An einem Abende rief ihr unruhiger Schlaf den ängstlich besorgten Vater an das Lager. Und da sie erwachte, sah sie den Greis weinend vor ihrem Lager knieen. Sie sprach zu ihm °. wir dürfen uns nicht langer täuschen. Ich fühle, daß mein Ende nahe ist. Ich danke Gott, daß er dich mir zum Vater, zum Lehrer gab, der du mich gelehret hast, getrost der Ewigkeit entgegen zu gehen. So laß uns Alles, wie es von Gott kommt, ruhig hinnehmen. Erhalte dich dir und den Deinigen. Noch einige Augenblicke, und sie war hin. Der eintretende Arzt fand den Greis trostlos vor ihrem Lager stehen. Ec konnte in diesem Augenblicke nicht die gläubige Kraft. finden, die sie ihm sterbend empfohlen hatte. Doch allmalig ermannte er sich. Er ging nun zu dem zunächst wohnenden Geistlichen, um für sie, welche wegen ihrer Schöhnheit, Milde und Wohlthätigkeit, der Liebling Aller im Orte gewesen, eine Ruhestätte zu erbitten. Doch wie groß war sein Erstaunen, als der Geistliche ihm sagte, er könne als Nicht-Katholik, *) Berlin, Voß'sche Buchhandlung.