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Sabbath-Blatt · 1844-02-10 · 6 (10.2.1844) · p. Seite 23

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Journal
Sabbath-Blatt
Volume
1844
Issue
6 (10.2.1844)
Date
1844-02-10
Page
Seite 23 (sequence 3)
Language
German
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23 Grausamkeiten, welche gegen sie begangen wurden — die ausrottenden Edikte zur Verbannung und Konfiskation, den Kerker, die Folter und das langsame Feuer. Wie können wir es verantworten, daß wir einem Volke Eigenthum lassen, welches: ״in Hunger, Durst, Nacktheit und Mangel aller Dinge, seinen Feinden dienen soll" — daß wir Menschen Schutz gewahren, welche: ״Tag und Nacht in Furcht hinbringen und keine Sicherheit des Lebens haben sollen" — daß wir uns nicht der Kinder derjenigen bemächtigen, deren ״Söhne und Töchter andern Völkern überliefert werden sollen"? So haben wir nicht gelernt die Lehre desjenigen, welcher uns befahl, unfern Nächsten zu lieben wie uns selbst und welcher, als er aufgeforderr wurde zu erklären, was er unter ״Nächster" verstehe, einen Ketzer und einen Ausländer als Beispiel auswählte. Im vorigen Jahre wurde es, wie wir uns erinnern, von einem frommen Schriftsteller in der Zeitung ״John Bull" und durch andere gleich eifrige Christen als eine schreckliche Unanständigkeit dargestellt, daß die Maaßregeln zur Befreiung der Juden in der Paffions-Woche eingebracht wurden. Einer dieser Humoristen empfahl ironischer Weise, solche am Charfreitage zum zweitenmale zu verlesen. Wir haben dagegen nichts einzuwenden, auch glauden wir nicht, daß das Andenken dieses Tages auf eine würdigere Weise gefeiert werden könnte. Wir kennen keinen Tag, der passender wäre, lange Feindseligkeiten zu endigen und grausames Unrecht zu vergüten, als den Tag, an welchem die Religion der Gnade gegründet wurde. Wir können keinen passendern Tag, um aus dem Gesetzbuche die letzten Spuren der Intoleranz zu verwischen, als den Tag, an welchem der Geist der Intoleranz den schändlichsten aller juridischen Morde hervorbrachte; jener Tag, an welchem die Liste der Opfer der Intoleranz, jene edle Liste, in welcher Sokrates und Mose verzeichnet stehen, verherrlicht wurde durch einen ehrfurchtgebietendern und heiliger» Namen. Ein rechtgläubiger Christ. Revue jüdischer Zustande. Deutschland. Die Emancipation ist, so viele schöne Aussichten auch vorhanden waren, doch nicht um einen Schritt weiter vorgerückt. Die begeisterten Reden auf dem rheinischen Landtage für die Judenemancipation haden im Abschied des preußischen Königs bis jetzt kein Echo gefunden. Ebenso ist die Emancipation im Gcoßherzogthum Meklenburg-Schwerin gleich von vorn herein gescheitert. Ueberhaupt war das Jahr 1843 reich am Willen und arm an That in Beziehung auf die Gleichstellung der Juden. — Das Rab binen wesen hat einen bedeutenden Fortschritt gemacht, indem Hr. L. Stein, Rabbiner in Burkundstadt, einen Wirkungskreis in Frankfurt am Main erhielt. Hr. Stein, der vor Kurzem im ״Orient" offen gegen den Frankfurter Reform - Verein aufgetreten ist, wird ihm in Frankf. gewiß nachdrücklich entgegenarbeiten. Jener Reform-Verein hat wieder ein zweites Cirkular veröffentlicht, in welchem sich die Reformatoren gegen verschiedene Angriffe vertheidigen, aber ebenso oberflächlich wie sie in ihrem ersten Cirkular die Principien des Vereins ausgesprochen hatten. Der ganze Reform-Verein läuft am Ende auf eine Charlatanerie hinaus, um nämlich die Aufmerksamkeit des christlichen und jüdischen Publikums auf sich zu lenken. — Um das S chulwes en in Pommern macht sich der Dr. Klein, Rabbiner zu Stolp verdient. — Zu den wohlthätigen Vereinen, welche der Oeffentlichkeit bekannt worden sind, gehören vorzüglich das ״Handlungsdiener Jnstitur" und der ״Verein zur Beförderung der Hand: werke" in Breslau und ein ähnlicher Verein in Frankfurt a. M- Der wohlthätige Stifter des Lazarus-Gump'^el-Stiftes in Hamburg ist am 10. Nov. v. I. vom Schauplatze eines segenreichen Lebens abgetreten. Oesterreich. Aller Augen waren auf die magyarischen Redner des ungarischen Reichstages zu Presburg gerichtet. Von den freien Magyaren hoffte man die Freiheit der Juden, zumal die Magnaten auf dem letzten Reichstage für die Emancipation gestimmt hatten. Allein — die Emancipation der Juden ging auf diesem Reichstage Nicht durch. Ueberall Enttäuschungen! Messen wir aber keineswegs die Schuld den ungarischen Juden bei: ihr Schul- und Kultuswesen, ihre allgemeine Bildung wird mit jedem Tage vollkommener. Auch bestreben sie sich, allenthalben der ungarischen Sprache Eingang zu verschaffen. — Die böhmischen Juden werden durch eine Judensteuer noch immer ausgezeichnet. Die beabsichtigten Umgestaltungen scheiterten an dem Eigennutz der jüd. Pächter jenes Leibzolls. In Prag soll die sixirte Zahl von 8600 Familienstellen vermehrt werden. Es dürfte vielleicht hier passend sein, die geehrten Leser mit jenem Familiengesetze bekannt zu machen. Der böhmische Jude muß entweder ein Erstgeborner, oder Schullehrer, Rabbiner, Handwerker, oder Ackersmann sein, wenn er eine Heirathskonzessi'on erhalten soll. Diese inhumane Beschränkung rührt daher, weil die Anzahl der Familienstellen einer jeden Gemeinde gesetzlich bestimmt ist. Dasselbe Gesetz mit noch größeren Beschränkungen gilt für die Juden in M ä h r e n, Frankreich. Von den französischen Juden hört man nur Erfreuliches. So ist Hr. Ad. Franck, ein Jude, Professor der Philosophie in Paris, und ist vor Kurzem zum Mitgliede der Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften daselbst ernannt worden, wahrend man in Preußen Hrn. Jose f Mendelssohn, seines jüd. Glaubensbekenntnisses wegen, nicht für würdig hielt, einen Orden zu tragen. (Wird fortgesetzt.)

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