Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1843
- Issue
- 52 (30.12.1843)
- Date
- 1843-12-30
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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206 Knecht? Ergriff er die erste Gelegenheit, um seine Freiheit zu erbitten? Nein! er überließ die Wendung seines Geschikkes Gott, und Ihm das zuschreibend, was er von höherm Wissen in sich trug, redet er frei und gerade mit Pharao; von Hochmuth eben so weit entfernt als von Niedrigkeit, überging er schnell die gewonnene Deutung des Traumes, und die Verhältnisse des Landes richtig überschauend, gab er den Rath, den fünften Theil der Erndte zurückzulegen, wodurch das Land ein für alle Mal von jeder Hungersnoth befreit ward. Auch Pharao erkannte in ihm den von Gott Berufenen. Und da er nun zur Seite des Königs im Glanze der Herrlichkeit stand, und alle stolzen Träume seinec Jugend sich an ihm erfüllet hatten, überließ sich Josef, vor dem ganz Egypten das Knie beugte, überließ er sich da trunken dem Genüsse seiner Machte? stürzte er sich in den Rausch neuer Vergnügungen, die sich ihm darboten? oder auch, verleugnete er, um die Gunst des Königs, des fremden Volkes nicht zu verscherzen, verleugnete er seinen Glauben, seine Herkunft von einem in Egypten nicht wohlgelittenen Hirtenvolke? Nein! Cr verleugnet Nichts, er verhüllet Nichts, dazu war er, im Gegensätze zur Denkweise Vieler unserer Israeliten, zu stolz, zu edel, aber er fuhr durch Egypten, er prüfte die Hilfsmittel des Landes, traf die geeigneten Anstalten und wurde, die edelste Weise, sich die Achtung zu sichern, er wurde der Wohlthäter des Landes, daß noch in den spatesten Zeiten sein Andenken gesegnet in Egypten fortlebt, ja daß noch jetzt im Lande manches gemeinnützige Werk, als Straßen nnd Brunnen den Namen des Josef tragen, und, daß die Pyramiden, jene berühmten Wunderwerke des Alterthums, über deren Bestimmung zu Grabstätten man lange nicht gewiß war, daß sie im Munde des Volkes zu Denkmälern seines Verdienstes wurden, da sie ihnen den Namen der Kornkammern des Josef gaben. Also wirket wahre Seelengröße! Aber ihren schönsten Triumph, indem sie in ihrer innern Würde hoch stehet über den äußern Erscheinungen des Lebens, ihren schönsten Triumph feiert sie, indem sie des Hasses unfähig, indem sie unfähig ist, nicht zu lieben. Sie trägt in sich jenes gött- Uche Gesetz der Friedensliebe, das Moses verkündiget hat, jenes Gesetz: ״Hasse deinen Bruder nicht im Herzen, trage ihm seinen Fehl nicht nach, räche dich nicht und halte deinen Zorn, denn du sollstihn lieben wie dich selbst" (3. B.Mos. 19, 17. 18.); sie trägt es in sich, denn Menschenliebe ist das innige Bedürfniß wahrer Seelengröße so sehr, daß sie nie hasset, weil sie nicht sein kann, ohne zu lieben. Und so zeigt es sich auch bei Josef: Er, der als frommer Israelit, der er blieb und als welcher er auftrat, sich vor Pharao der Seinigen nicht schämte, dennoch aber als den Beruf, als das höchste Glück seines Lebens es prieß, daß Gott ihn ausersehen, der Retter, der Wohlthäter, eines ihm fremden, heidnischen Volkes zu werden, להחית עם רב, er konnte seine Macht nicht benutzen, um sich an seinen Feinden zu rächen, an ihr, die ihn in dem Kerker gebracht, an Potifar, der so leichtgläubig und undankbar gegen ihn verfahren, an dem Mundschenken, der ihn erbarmungslos im Kerker schmachten ließ, während ein Wort ihn retten konnte, das er aber nicht eher sprach, bis es sein eigner Nutzen schien. Und als nun seine Brüder vor ihn traten, sie, die ihn gehaßt, ihn verkauft, ihn hatten tödten wollen, rang er da etwa mit seinem Hasse, suchte er eine lieblose Erinnerung zu unterdrücken! Nein! sein erstes, einziges Gefühl war Liebe! und da seine Einsicht es ihm als nothwendig erscheinen ließ, sie, bevor er sich ihnen endeckte, in ihren jetzigen Gesinnungen zu prüfen, so verbarg er nur mit Mühe die Thränen seiner Rührung und seiner Liebe. Ja, er war es selbst, der sie nachher über ihr Vergehen tröstete; ihr wurdet, sagt er, ein Werkzeug der göttlichen Liebe. Und hier sehet ihr zugleich den Prüfstein und den Lohn wahrer Seelengröße; es ist die Hoheit einer Empsindüng, die sich durch nichts in der Menschenliebe irre machen läßt. Darum wiederholet Moses so eindringlich, hasse deinen Mitmenschen nicht, liebe ihn, liebe auch den Fremd« ling, den nicht israelitischen Heiden wie dich selbst! Darum lehrt Salomo: Hungert deinen Feind, so speise ihn; darum beruft sich David vor Gott darauf, daß er als König ״die nicht gedrückt (צוררי ריקם), die ihn um Nichts gehaßt;" darum findet Hiob in diesen Gedanken den Trost für seine Luden, daß er in der Seele, nicht einen bittern Wunsch gegen die aufkommen ließ, die da sprechen ״unser Haß soll ihn noch zehren"; darum mahnt der Prophet, lieber ״die Wange dem Schlager demuthsvoll darzureichen," יתן למכהו לחי, als Haß mit Haß zu erwiedern, und darum rufen die Lehrer des Talmuds aus: Die da Schmach dulden und nicht wieder schmähen, Beleidigung ertragen und nicht erwiedern, die gleichen denen, von welchen es heißet ואהביו כצאת השמש בגברת!, die Ihn lieben sind wie die Sonne, die (über Alle, Gute und Böse) aufgehet in ihrer Pracht!" In Liebe ist die Blüthe, ist der Lohn wahrer Seelengröße, Liebe, die nach dem göttlichen Gesetz das wirkliche Bedürfniß unseres Herzens sein muß, und darum thatest du