Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1843
- Issue
- 49 (9.12.1843)
- Date
- 1843-12-09
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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195 zusetzen, daß die wirkliche Anzahl, sowol nach jüdischer als nach castilianischer Angabe niedriger anzunehmen sei; denn jene mochten wol übertrieben sein, um das Mitleid über das Unglück des Volkes zu erhöhen, diese, um den glorreichen Sieg des Kreuzes so viel als möglich zu vergrößern. 15). Der Schaden, welchen der Staat erlitt, kann nicht so sehr nach Zahlenwerth bestimmt werden, als nach der Entziehung der handkünstlichen Geschicklichkeit, der Bildung und der allgemeinen Hülfsquellen einer ordnungliebenden, gewerbthätigen Bevölkerung. In dieser Beziehung war der Nachtheil unberechenbar größer, als durch die bloße Anzahl der Verbannten; und wenn derselbe auch in einem Lande nach und nach wieder ausgeglichen werden konnte durch die freie und gedeihliche Entwicklung seiner eigenen Kräfte, so wirkten doch in Spanien das Ketzergericht und andere Ursachen, im folgenden Jahrhundert, so nachtheilig dem entgegen, daß man den Verlust als unersetzlich betrachten muß. Die Austreibung einer so zahlreichen Elaste von Unterthanen durch ein willkürliches Verfahren des Herrschers, muß als eine ungeheure Ausdehnung des Vorrechts betcachtet werden, durchaus unverträglich mit Allem, was eine freie Regierungsform heißt. Doch um die Sache richtig zu beurtheilen, müssen wir die wirkliche Stellung der Juden zu jener Zeit ins Auge fassen. Weit entfernt, einen wesentlichen Theil der bürgerlichen Gesellschaft zu bilden, wurden sie vielmehr als fremd darin betrachtet, als ein bloßer Auswuchs, der statt zum Gedeihen des Staatskörpers beizutragen, sich von dessen verdorbenen Säften nährte und abzuhauen sei, sobald das Wohl der Staatseinrichtung es erfordere. Die Gesetze, statt sie in Schutz zu nehmen, waren in Bemg auf sie, nur darauf gerichtet, ihre bürgerliche Untauglichkeit darzulegen und die Trennungslinie zwischen ihnen und den Christen noch breiter zu ziehen. Aber auch diese Demüthigung befriedigte keineswegs die Volksvorurtheile, wie aus der Menge von Aufruhren und Metzeleien hervorgeht, deren Opfer sie wurden. Unter diesen Umständen schien es keine große Gewaltanmaßung zu sein, ein Verbannungsurtheil über diejenigen auszusprechen, die schon so lange von der öffentlichen Meinung für Feinde des Staats erklärt worden waren. Es wurde dadurch nur die Meinung bethätigt, die auf so mannichfaltige Weise sich kund gegeben hatte; und in so fern dabei die Rechte des Volks betheiligt waren, würde dies durch die Verbannung eines einzelnen Spaniers für starker verletzt gehalten worden sein, als durch die des ganzen israelitischen Geschlechts. Die neueren Geschichtschreiber haben stets einen Hauptgrund zur Vertreibung der Juden in der Habgier der Regierung finden wollen. Doch brauchen wir uns nur in jene 15) Bernaldez, Reyes catolicos, MS, cap. 110. — Llorente, Hist, de TInquisition, 1, chap. 7, sect. 7. — Mariana, Hist, de Espana, 11, lib. 26. — Zurita, Anales, V, 9. Zeiten zurück zu versetzen, um in dieser Maßregel eine völlige Uebereinstimmung mit dem Geiste jener Zeit, wenigstens in Spanien, zu finden. Es ist in der That unglaublich, daß so staatskluge Herrscher wie Ferdinand und Jsabella, ein zeitliches Gelüste befriedigen konnten, indem sie dafür die wichtigsten und dauerndsten Vortheile zum Opfer brachten, die wohlhabendsten Landestheile in Wüsten verwandetten, und dieselben einer Bürgerclasse beraubten, die mehr als alle anderen nicht nur zu den allgemeinen Hülfsquellen, sondern zu den unmittelbaren Einkünften der Krone beitrug; eine Maßregel, die so offenbar falsch war, daß sie selbst einen Herrscher der Berberei veranlaßte zu sagen: ״Nennt man diesen Ferdinand einen staatsklugen Fürsten, der im Stande sein konnte, sein eignes Königreich arm zu machen, um das unsrige zu bereichern?" *6). Es könnte freilich scheinen, als wenn der König von Aragonien, als die Maßregel beschlossen worden, geneigt war, durch sein Auskunftsmittel der Beschlagnahme die Ausführung desselben dergestalt zu beaufsichtigen, daß seinen eigenen Untecthanen der volle Geldvoctheil daran gesichert werde 1"). Keine Beschuldigung dieser Art haftet auf Castilien. Der Punkt in der Verordnung, der eine solche Absicht verrachen könnte, nämlich das Verbot der Ausfuhr von Gold und Silber, setzte nur ein Gesetz in Kraft, das während der gegenwärtigen Regierung schon zweimal von den Cortes beschlossen worden war, und für so wichtig gehalten wurde, daß man Todesstrafe auf das Vergehen setzte 18), Wir brauchen den Grund zu einem solchen Versahren in diesem Falle nicht weiter als in dem Geiste des blinden Glaubenseifers zu suchen, der eine ähnliche Vertreibung der Juden aus England, Frankreich und anderen Theilen Europas veranlaßte, so wie aus Portugal, unter besonders empörenden Umständen, wenige Jahre später ^). 16) Bajazet. Siehe Abarca, Reyes de Aragon, 11, 310 — Paramo, De origine Inquisitionis, 168. 17) Pater Abarca bemerkt etwas unschuldig: ״König Ferdinand war wahrscheinlich ein kluger Christ, der die Bortheile der Kirche und des Staates sich gegenseitig dienstbar zu machen wußte!" Reyes de Aragon, II, 310. 18) Einmal zu Toledo, 1480, und zu Murcia 1488. Siehe Reeop. de las leyes, lib. 6, tit. 18, ley. 1. 19) Die portugiesische Regierung ließ alle Kinder von 14 Jahren und darunter, als zu einer christlichen Erziehung geeignet, ihren Eltern wegnehmen und im Lande zurückhalten. Den durch diese Maßregel verursachten Jammer kann man sich vorstellen. Viele von den unglücklichen Eltern ermordeten ihre Kinder, um den Befehl zu vereiteln, und viele legten Hand an sich selbst. Faria y Sousa bemerkte kalt, daß ״es ein 'großer Jrrthum von König Emanuel war, zu glauben, daß es ihm gelingen werde, irgend einen Juden zum Christenthume zu bekehren, der alt genug