Mannheim
Compact Memory

Sabbath-Blatt · 1843-12-02 · 48 (2.12.1843) · p. Seite 191

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Sabbath-Blatt
Volume
1843
Issue
48 (2.12.1843)
Date
1843-12-02
Page
Seite 191 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/8620046-8635247-8637372--385-8620352
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

191 wir um solchen Preis gewonnen, das werden wir bald verlieren, aber was wir verloren gaben, um Gottes zu sein, das bleibt uns aufbewahret und wird zu Seligkeiten. Amen. (S—z.) Zur Geschichte der Juden Ln Spanien. (Fortsetzung.) Die in dem Ausschreiben enthaltenen Vorkehrungen, die einen Anschein von Milde gegen die Juden annahmen, waren so künstlich ersonnen, daß sie fast gar keine Bedeutung hatten. Da ihnen die Ausfuhr von Gold und Silber verboten war, blieben nur Wechsel als das einzige Darstellungsmittel ihres Eigenthums übrig; allein der Handelsverkehr war!zu beschrankt und unvollkommen, um sich dergleichen schnell in irgend einem beträchtlichen, geschweige in einem so ungeheueren Belauf zu verschaffen als jetzt nöthig war. Uebcrdies war es unmöglich, einen Verkauf ihrer Habseligkeiten unter den obwaltenden Umstanden zu bewirken, da der Markt bald mit Waaren überfüllt war; auch hätten sich nur wenige geneigt gesunden, für Sachen den angemesjenen Werth zu zahlen, die, wenn sie nicht in der vorgeschriebenen Frist veräußert waren, die Eigenthümer zu jedem Preise lassen mußten. Auch wurde das Eigenthum auf eine so beklagenswerthe Weise verschleudert, daß, wie ein damaliger Aeitgefchichtfchreiber anführt, er gesehen habe, daß ein Haus gegen einen Esel, und ein Weinberg gegen einen Anzug vertauscht ward! Zn Aragonien ging es noch schlimmer. Die dortige Regierung entdeckte, daß die Juden einzelnen Leuten und gewissen Körperschaften bedeutende Summen schuldig waren. Sie ließ daher ihr Eigenthum zu Gunsten ihrer Gläubiger so lange in Beschlag nehmen, bis ihre Schulden abgetragen sein würden. Es ist in der That auffallend, daß der Rechnungsabschluß zum Nachtheil eines Volkes aussallen sollte, das überall wegen seiner Klugheit und seiner Hülfsmittel im Handel und Wandel bekannt war, und das, als Geschäftsführer des hohen Adels und als Pachter der Einkünfte, in Spanien, wenigstens gleiche Vortheile mit denen genoß, die in anderen Ländern zur Anhäufung von Reichthum dienten. 8) Wahrend die trüben Aussichten für ihre Vermögensumstände das Herz der Israeliten darnieder drückten, war die spanische Geistlichkeit unermüdlich thätig in ihrem Be- 8) Bernaldez, Reyes catoJicos, Ms. cap. 10. — Zurita, Anales, V, fol. 9. — Die Zahl der Synagogen in Aragonien kehrungswerke. Sie hielt in den Synagogen und auf öffentlichen Plätzen Vorträge, worin sie die Lehren des Chcistenthums auseinandersetzte, und mit Beweisgründen und Schmähreden gegen die hebräische Ketzerei donnerte. Aber ihren^ löblichen Bestrebungen hielt die gewichtigere Redekunst der jüdischen Rabbiner großentheils das Gegengewicht, welche die Verfolgungen ihrer Brüder mit den unter ihren Vorfahren unter Pharao erduldeten Leiden verglichen. Sie munterten sie zur Beharrlichkeit auf, indem sie ihnen vorstellten, daß die gegenwärtigen Trübsale von dem Allmächtigen als eine Prüfung ihres Glaubens über sie verhängt seien, daß er beabsichtige, sie auf diese Weise in das gelobte Land zu führen, indem er ihnen einen Weg durch die Gewässer eröffne, wie er es an den Vätern vor Alters gethan. Die reicheren Israeliten kamen ihren Ermahnungen durch freigebige Unterstützungen ihrer dürftigen Brüder zu Hülfe. So gestärkt, gab es nur Wenige, die als der Tag ihres Auszuges herankam, nicht vorbereitet gewesen wären, lieber ihr Vaterland als ihre Religion zu verlassen. Dieser außerordentliche Zug von Selbstverläugnung eines ganzen Volkes um des Gewissens willen, mag wohl im neunzehnten Jahrhundert andere Benennungen als: ״Treulosigkeit, Unglauben, und halsstarriger Eigensinn" verdienen, womit der würdige Pfarrer von Los Palacios, sich in dem mitleidigen Gemeingefühle jener Zeit, veranlaßt gesehen hat, ihn zu brandmarken ö) Als die Zeit der Abreise gekommen war, sah man alle Hauptlandstraßen mit Auswanderern bedeckt, Alt und Jung, Kranke und Hülflofe, Männer, Weiber und Kinder in bun: tem Gemisch; einige auf Pferden und Maulthieren, doch den bei Weitem größeren Theil die beschwerliche Pilgerschaft zu Fuße unternehmen. Der Anblick so vielen Jammers rührte selbst das Mitleid der Spanier, obgleich Keiner ihnen zu Hülfe kommen mochte; denn der Ober-Ketzerrichter, Torquemada, gab der Verordnung dadurch Kraft, daß ec jeden mit schweren, kirchlichen Strafen bedrohte, der sich unterstehen würde sie zu übertreten. Den Flüchtlingen wurden verschiedene Marschstraßen angewiesen, die weit mehr nach zufälligen Umständen bestimmt wurden, als nach Kenntniß der betreffenden Länder, an die sie gebunden waren. Die bei weitem größte Abtheilung, die sich nach einigen Schäzzungen auf 80,000 Seelen belief, ging nach Portugal, dessen König, Johann II., seine Gewissenszweifel in so weit beschwichtigte, daß er ihnen, gegen eine Abgabe von einem Cruzado für j.den Kopf, den freien Durchzug durch seine Staaten, auf ihrem Wege nach Afrika, gestattete. Man sagt sogar, daß er seine Bedenken so weit zum Schweigen im Jahre 1428 giebt Capmany auf 19 an. In Gallicien befanden sich zur nämlichen Zeit nur drei, und in Catalonien nur eine. Siehe Mein. <16 Barcelona, IV, apend. num. 11. 9) Bernaldez, Reyes catolicos, MS. cap. 10, 113. — Ferreras, Hist, de Espagne, VIII, 131.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.