Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1843
- Issue
- 48 (2.12.1843)
- Date
- 1843-12-02
- Page
- Seite 190 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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190 Messen, noch ein anderer tiefer, erschüttender Ernst auf unserem Leben ruhete. Wie ein Vorhang, verbergen die Nebel unserer wirren Gedanken uns oft den Himmel; der blendende Glanz unferer Glückstage, die schwarze Nacht unserer Sorgen verhindern uns in seine tiefen Raume zu blicken. Aber wenn dieser verhüllende Vorhang einmal aufrollt, und wenn es uns vergönnt wird, einen Blick in die uns bisher unsichtbaren Fernen zu thun, dann sehen wir erstaunt und vor heiliger Scheu erbebend, daß wir aus ״dem Schemel" am Throne Gottes, daß wir wirklich an dem ״lichten Throne des Himmels" stehen. Und also war die Offenbarung, die Jakob auf seinem Wege zu Laban in einem erhabenen Traumgesichte erhielt. Zu wie vielen Besorgnissen gab diese Reise Anlaß; er vcrließ, durch den Haß seines Bruders verfolgt, sein väterliches Haus, nicht wissend wann und wie er in dasselbe zurückkehren würde, er kam in die Umgebung Fremder, von denen er abhängig wurde, und deren Verschiedenheit in Sitten und Lebensweise und auch im religiösen Glauben, an ihn zunächst eine Anforderung war, sich ihnen gleichzustellen, unr nicht durch Beibehaltung dessen, was seinen Vätern als Wahrheit und als heilig galt, in ihrer Mitte als Sonderling zu erscheinen. So ward ihm denn jenes Traumgesicht, um ihn zu.trösten in seinen Besorgnissen und um ihn zu erheben in dem Ernst und in den Heiligthümern des Lebens. Eine Leiter stand auf Erden und ihre Spitze reichte bis zum Himmel — es giebt eine Verbindung zwischen beiden, zwischen der höhern und der niedern Welt, und die Engel Gottes wallen auf und nieder aus jener Stufenleiter der Schöpfung, auf deren höchster Stufe Gott, der heilige Urheber dieses All, mit seinem umfassenden, allgegenwärtigen Blicke, den Gang der Ereignisse im Größten, wie im Kleinsten verfolgt, denn es giebt eine göttliche Ordnung der Dinge, die im Himmel wie auf Erden waltet, es giebt eine Vorsehung, die ihre Engel, ihre ewigen Boten aussendet, um zu ordnen und zu leiten Alles, von jenen gewaltigen unsichtbaren Kräften, die die Welten beflügeln und binden, bis zum Eintagsleben des Schmetterlings, der sich wandelt, entfaltet und dahin ist. Und auch zu dir, du einsamer Wanderer in der Wüste sendet sie Gott hinab, um dich zu leiten und zu schützen, und wo du stehest, und wo du immer dein müdes Haupt zur Ruhe legst, da ist das Thor des Himmels, da ist Gott und all seine Herrlichkeit dir nahe. Und Jakob rief, erwachend, aus: wie furchtbar ist dieser Ort! Und um so mehr rufen wir mit ihm: wie furchtbar ist dieser Ort! Denn müssen nicht auch wir sein Gefühl theilen? Wenn es wahr ist, daß alle jene ewigen Mächte uns unsichtbar nahe sind, daß die flammenden Boten Got- Les uns umringen, und sein alldurchdringender Blick die unausgesprochenen Geheimnisse unseres Herzens schauet und prüfet — wenn es wahr ist, daß wo wir uns unbewacht glaubten, daß wir, vielleicht auf einem Sündenwege, an dem lichten Himmelsthor vorüber wandelten, daß eine Geisterwelt uns umwaltet, wir gesehen werden ohne selbst zu sehen, und wie die Fülle des Segens, also auch das blitzende Schwerdt der göttlichen Gerechtigkeit, uns ungeahnet nahe, über unserm Haupte schwebt — dann muß uns der Gedanke furchtbar werden, daß wir an einem Orte sind, dessen Heiligkeit wir nicht kannten, dann muß das Erwachen schrecklich sein, wenn wir in sanften Schlummer gewiegt, etwa Gottes vergaßen. Selbst Jakob, der auf dem Wege war, den ihn die Eltern sandten, und welchem Gott seinen Schutz und seinen Segen verkündet, ward von der Gewalt jenes Gedankens ergriffen und er ward sich inniger seiner Abhängigkeit von Gott und seiner Verantwortlichkeit vor ihm bewußt. Und sollten wir es auf unserm oft irren Lebensweg nicht sein, wir, die wir jene Verantwortlichkeit nur zu oft verkannten und sündigten, weil wir des Himmels nicht gedachten? — Ja, heilige Scheu muß uns ergreifen, wenn wir bedenken, daß, -wo wir auch sein mögen, daß wir im Hause Gottes, daß wir vor dem Thore des Himmels stehen. Die: ser Gedanke giebt unserm Leben, wie all seinen Trost und seine Zuversicht, so all seinen erschütternden Ernst. Die Pflichten dieses Lebens reichen weit über seine irdischen Grenzen, die Verantwortlichkeit für uns und die Unsrigen übersteigt die Sorge für den Bedarf der wenigen Lebensjahre, deren Glück, deren Dauer so wenig zu berechnen und zu verbürgen ist. So lasset uns das Ungewisse nicht hintenansetzen, nicht opfern, was gewiß und unausbleiblich ist. Wir stehen am Thore des Himmels, am Thore der Ewigkeit. Wenn des Grabes Pforte sich öffnet, dann treten wir ein in ihre Hallen. Wenn der letzte Seufzer verflog, dann stehen auch wir an jener Himmelsleiter, die von der Erde zu Gottes Thron emporführt. Mögen dann keine Sünden um uns und die unsrigen die Schwingen unserer unsterblichen Seele belasten, daß sie sich nicht vergebens emporsehne in die Regionen des Lichtes! Möge dann der furchtbare Gedanke nicht mit uns sein, daß wir die Wahrhaftigkeit und den Adel unserer Denkweise für Nichts geachtet und zum Kausschilling vergänglicher Güter herabgewürdigt. Was