Mannheim
Compact Memory

Sabbath-Blatt · 1843-11-25 · 47 (25.11.1843) · p. Seite 187

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Sabbath-Blatt
Volume
1843
Issue
47 (25.11.1843)
Date
1843-11-25
Page
Seite 187 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/8620046-8635247-8637371--380-8620348
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

187 Auswanderer, die Gesammtzahl der Verbannten und die Urtheile der Zeitgenossen mit steter Angabe der Quellen. In der Zeit, wo die spanischen Herrscher vor Granada standen, erließen sie ihre merkwürdige und höchst unselige Verordnung gegen die Juden; sie schrieben sie gleichsam mit der nämlichen Feder, womit sie die ruhmwücdigen Uebergabebedingungen von Granada, und den Vertrag mit Columbus Unterzeichneten. Der Leser ist schon in einem vorhergehenden Hauptstücke mit der glücklichen Lage der Juden aus der Halbinsel, sowie mit dem Ansehen bekannt gemacht worden, zu dem sie daselbst, mehr als in irgend einem anderen Lande der Christenheit, gelangten. Der durch ihren Wohlstand erweckte Neid, in Verbindung mit der großen religiösen Aufregung, die in dem langen Kriege mit den Ungläubigen angefacht worden war, richtete, wie schon gesagt, den schrecklichen Arm des Ketzergerichts gegen dieses unglückliche Volk; der Erfolg zeigte aber, daß der Versuch mißlungen war, da man verhältnißmäßig nur wenig Bekehrungen bewirkte, und diese häufig von zweifelhafter Art waren, während die große Masse beharrlich bei ihren alten Jrrthümern blieb. Unter diesen Umständen wurde der VolkShaß, den das Mißvergnügen der Geistlichkeit über den Widerstand, auf den sie in ihrem Bekehrungswerke stieß, noch steigerte, allmälig stärker und stärker gegen die unglücklichen Israeliten. Alte Uebeclieferungen, aus dem dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert, wurden wieder hervorgesucht, und dem gegenwärtigen Geschlechte zur Last gelegt, mit allen Einzelnheiten in Bezug auf Ort und That. Man sagte, daß christliche Kinder gestohlen würden, um sie zur Verspottung des Heilands, zu kreuzigen; man sprengte aus, daß die Hostie den gröbsten Unwürdigkeiten preisgegeben werde; und Aerzte und Apotheker, deren Kunst die Juden im Mittelalter vorzüglich trieben, wurden beschuldigt, ihre christlichen Kranken zu vergiften. Kein Gerücht war zu unsinnig für die Leichtgläubigkeit des Volkes. Man beschuldigte die Israeliten des wahrscheinlichem Vergehens, dahin zu streben, die alten Christen zu ihrem Glauben zu bekehren, sowie diejenigen ihres Geschlechts wieder zurückzubringen, die neuerlich erst zum Christentbum übergegangen waren. Ein großes Aergerniß gaben auch die Verheirathungen, welche 'noch zuweilen zwischen Juden und Christen stattfanden; indem die Letzteren sich herabließen, ihren verfallenen Vermögensumständen durch In wie hohem Ansehn solche Israeliten standen, die willig zum Christenthum übergingen, beweist der Umstand, daß drei von ihnen, Alvarez, Avila und Pulgar, Geheimschreiber der Königin gewesen sind. (Ment. de la acad. de hist., VI, ilust. 18.) Ein zufälliger Ausdruck Martyr's, sowie viele ähnliche bei Zeitgenossen, liefert den wahren Schlüssel zu dem Volkshasse gegen die Juden: ״Cum namqne viderent, Judaeorum tabido comniercio qui hac hora sunt in Hispania innumeri Chrhtiani ditiores, plurimorum animos corrumpi ac seduci“ etc. Opus epist., epist. 92. diese reichen Verbindungen wieder aufzuhelfen, obgleich sie dabei die gepriesene Reinheit ihres Blutes zum Opfer brachten. 2) Diese verschiedenen Vergehen wurden gegen die Juden mit großer Hartnäckigkeit von ihren Feinden geltend gemacht, und man bestürmte die Herrscher, strengere Maßregeln zu ergreifen. Die Ketzerrichter besonders, die mit dem Werke der Bekehrung vorzugsweise beauftragt waren, stellten vor, daß alle milden Maßregeln zur Erreichung des Endzweckes unzureichend seien. Sie versicherten, der einzig übrig bleibende Weg zur Ausrottung der jüdischen Ketzer sei der, die Nachkommenschaft zu vertilgen; und sie verlangten dreist die unmittelbare und gänzliche Verbannung jedes ungetauften Israeliten aus dem Lande. 2 3 4) Die Juden, welche einen Wink von diesen Vorgängen erhalten hatten, nahmen zu ihrer gewohnten schlauen Handlungsweise, die Herrscher für sich zu gewinnen, ihre Zuflucht. Sie beauftragten Einen aus ihrer Mitte, ein Geschenk von 30,000 Dukaten zur Bestreitung der Kosten des Maurenkrieges anzubieten. Doch die Unterhandlung wurde durch den Ober-Ketzerrichter Torquemada plötzlich abgebrochen, der in das Zimmer des Schlosses stürzte, worin die Herrscher eben dem jüdischen Abgesandten Gehör gaben, und indem er ein Kruzifix unter seinem Mantel hervorzog, hielt ec es in die Höhe und rief aus: ״Judas Jschariot hat seinen Meister für 30 Silberlinge verkauft. Eure Majestäten wollen ihn von Neuem gegen 30,000 verkaufen; hier ist er, nehmt ihn, und verhandelt ihn." Bei diesen Worten warf der rasende Priester das Kruzifix auf den Tisch, und verließ das Zimmer. Statt diese Anmaßung zu züchtigen, oder als einen Ausbruch von Wahnsinn zu verachten, wurden die Herrscher vielmehr dadurch in Schrecken gesetzt. Weder Ferdinand noch Jsabella, wären sie der unbefangenen Vorschrift ihrer eigenen Vernunft gefolgt, würden auch nur einen Augenblick eine so unkluge Maßregel genehmigt haben, die sie des fleißigsten und geschicktesten Theils ihrer Unterthanen beraubte. Besonders widerstrebte sie durch ihre Ungerechtigkeit und Grausamkeit der menschlichen Gesinnung der Königin.H 2) Paramo, De origine Inquisitionis, 164. — Llorente, Hist, de!’Inquisition, 1, cap. 7, sec. 3. — Peter Martyr, Opus epist., epist.94. —Ferreras, Hist. d’Espagne, VH!, 128. 3) Paramo, De origine Inquisitionis, 163. — Salazar de Mcndoza schreibt die Einwilligung der Herrscher in die Werbannung der Juden großentheils den dringenden Vorstellungen des Cardinals von Spanien zu. Der blinde Religionseifer des Verfassers seiner Lebensbeschreibung veranlaßt ihn, zu verlangen, daß man seinem berühmten Helden jede glaubenswüthige Handlung zutraue. Siehe Cronica del gran cardenal, 250. 4) Llorente, Hist, de 1’Inquisition, 1, chap. 7, sec, 5.— In einem Briefe Pulgar's an den Cardinal von Spanien, worin derselbe sich streng tadelnd über den Inhalt gewisser obrkgkeitlicher Verordnungen von 1482 gegen die Juden von Guipuscoa und Toledo ausspricht, giebt er deutlich zu verstehen, daß sie der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.