Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1843
- Issue
- 44 (4.11.1843)
- Date
- 1843-11-04
- Page
- Seite 175 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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175 den seiner Väter, so schonungslos von jedem Volke der Christenheit, unter welchem es sich aufgehalten hat, fast bis zum gegenwärtigen Jahrhundert heimgesucht worden sind. Da dieses merkwürdige Volk, das die Einheit seines Charakters unter den tausend Bruchstücken, worin er zersplittert worden, unversehrt erhalten hat, in Spanien zu vielleicht größerer Bedeutung als in irgend einem andern Theile von Europa gelangte, und da die Angriffe der Inquisition wahrend der gegenwärtigen Regierung hauptsächlich gegen daffelbe gerichtet waren, so wird es angemeffen sein, seine vorhergehende Geschichte in der Halbinsel kurz zu betrachten. Unter dem westgothischen Reiche vermehrten sich die Juden in dem Lande sehr stark, und man ließ sie zu beträchtlicher Macht und Reichthum gelangen. Doch kaum hatten ihre arianischen Herren den rechten Glauben angenommen, als sie ansingen, ihren Eifer dadurch zu beweisen, daß sie gegen die Juden die unbarmherzigsten Vecfolgungsstürme los ließen. Eines ihrer Gesetze allein verurtheilt das ganze Geschlecht zur Sklaverei, und Montesquieu bemerkt, ohne große Uebectreibuug, daß man alle Grundsätze der neueren Inquisition von dem gothischen Gesetzbuche herleiten könne, da die Mönche des fünfzehnten Jahrhunderts, in Bezug auf die Israeliten, nur das Beispiel der Bischöfe aus dem siebenten nachahmten. Nach dem Einfalle der Sarazenen , welchen erleichtert zu haben man die Juden vielleicht mit Recht beschuldigte, lebten sie in den erorbercen Städten, und durften sich mit den Arabern unter fast gleichen Bedingungen vermischen. Ihre gemeinschaftliche morgenländische Abstammung erzeugte eine Äehnlichkeit des Geschmacks, die gewiffermaßen einer solchen Vereinigung nicht ungünstig war. Jedenfalls zeichneten sich die früheren spanischtn Araber durch einen Geist der Duldsamkeit aus, gegen Juden und Christen (״dasjVolk des Buches," wie sie genannt wurden), wie man ihn schwerlich unter den späteren Muselmannen gefunden hat. Unter diesen günstigen Verhältnissen sammelten nun die Juden durch ihre bekannte Betriebsamkeit nicht nur Reichthum, sondern stiegen auch allmählig zu den höchsten bürgerlichen Würden empor, und machten große Fortschritte in den verschiednen Zweigen der Wissenschaft. Die Schulen von Cördova, Toledo, Barcelona und Granada waren mit Schülern angefüllt, die mir den Arabern darin wetteiferten, die Flamme der Gelehrsamkeit in der tiefen Finsterniß des Mittelalters lebendig zu erhalten. Was man auch über ihren Erfolg in der spekulativen Philosophie denken mag, so kann ihnen doch billigerweise nicht abgesprochen werden, daß sie zu den praktischen und Erfahrungswissenschaften sehr viel beigetragen haben. Sie haben alle Theile der bekannten Welt fleißig bereist, wobei sie Reisebeschreibungen sammelten, die sich in späteren Zeiten von großem Nutzen erwiesen-, sie brachten Schätze von fremden Pflanzen und morgenländischen Spezereien mit nach Hause, die wichtige Beiträge zu den heimischen Heilmittellehren lieferten. In der Ausübung der Arzneikunst wurden^ sie so geschickt, daß sie dieselbe gewissermaßen für sich in Beschlag nahmen. Sie machten große Fortschritte in der Mathematik und besonders in der Sternkunde; während sie in der Ausbildung der schönen Wissenschaften den alten Ruhm der hebräischen Muse erneuerten. Dieses war in der That das goldene Zeitalter der neueren jüdischen Literatur, die unter den spanischen Kalifen eines so wohlthatigen Schutzes genoß, wenn sie auch zuweilen von den Launen der Gewaltherrschaft gestört wurde, daß sie zu einer schönen Blüthe und einer so vollständiger» Entwicklung im zehnten, elften, zwölften und dreizehnten Jahrhundert gelangte, als sie in irgend einem andern Theile der Christenheit erreicht hat. Die alten Eastilianer aus dem nämlichen Zeiträume, die von ihren gothischen Vorfahren sehr verschieden waren, scheinen den Juden einige Achtung erwiesen zu haben, die ihnen die höhere Bildung der spanischen Araber abnöthigte. Wir finden, daß ausgezeichnete Juden sich an den Höfen der christlichen Fürsten aufhielten, deren Studien sie leiteten, die sie als Aerzte bedienten, und noch häufiger, deren Geldangelegenheiten sie besorgten. Zu dem letztern Geschäft scheinen sie eine natürliche Anlage gehabt zu haben; und allerdings erlangten sie eine große Gewandtheit in politischen und Handelsangelegenheiten durch den Briefwechsel, worin sie mit den verschiedenen europäischen Ländern vermittelst ihrer Landsleute standen; diese waren die Makler fast aller Völker, unter denen sie im Mittelalter zerstreut waren. Wir treffen jüdische Gelehrte und Staatsmänner angestellt an den Höfen Alfons X. und Alfons IX., Peter dem Grausamen, Heinrich dem II. und andern Fürsten. Ihre Kenntniß in der Sternkunde empfahl sie besonders bei Alfons dem Weisen, der sich ihrer zur Anfertigung seiner berühmten Sterntafeln bediente. Jakob I. von Aragonien ließ sich Herhab, von ihnen Unterricht in der Sittenlehre zu nehmen, und im fünfzehnten Jahrhundert finden wir, daß Johann II. von Castilien sich eines jüdischen Schreibers bei der Abfassung eines Volksgesangbuches bediente. Doch alle diese königliche Gunst war unzureichend, den Juden Schutz zu gewahren, als ihr blühender Vermögenszustand hoch genug gestiegen war, um den Neid des Volkes zu erregen, der noch vergrößert wurde, durch den prahlerischen Aufwand in Kleidung, Wagen und Pferde, wozu dieses sonderbare Volk, trotz seines Geizes, stets große Neigung gezeigt bat. Man erzählte sich Geschichten von ihrer Verachtung des katholischen Gottesdienstes, von ihrer Entweihung der heiligsten Sinnbilder desselben, und von ihrer Kreuzigung oder anderweitigen Opferung christlicher Kinder zur Feier ihres Osterfestes. Neben diesen tollen Verleumdungen, wurden die wahrscheinlichsten Beschuldigungen von Wucher und Erpressungen angelegentlich gegen sie vorgebracht, bis zuletzt, gegen das Ende des vierzehnten Jahrhunderts, der glaubenswüthige Pöbel, auf mancherlei Weise von der nicht weniger wüthenden Geistlichkeit aufgeregt, vielleicht auch von der nicht ge-