Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1843
- Issue
- 44 (4.11.1843)
- Date
- 1843-11-04
- Page
- Seite 176 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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176 ringen Anzahl von Schuldnern der Juden aufgemuntert, die darin eine bequeme Act, ihre Rechnungen abzuschließen, sahen, dieses unglückliche Volk in Castilien und Aragonien aufs Heftigste angriff. Man brach in ihre Hauser ein, drang mit Gewalt in ihre geheimsten, heiligen Stätten, streute ihre kostbaren Sammlungen und Geräthe umher und beschloß, die unglücklichen Eigenlhümer, ohne Unterschied des Geschlechts und Alters zu ermorden. In diesem entscheidenden Augenblick blieb den Juden kein anderes Mittel, als sich wirklich, oder scheinbar zum Christenthum zu bekehren. St. Vinzens Ferreci, ein Dominikaner aus Valencia, bewirkte zur Forderung dieser Absi'cht eine so große Menge Wunder, daß sie den Neid aller Heiligen i!n Kalender erregen konnten, und durch diese Wunder soll er, mit Hülse seiner Uebcrredungskunst, die Hetzen von nicht weniger als fünf und dreißig Lausend vom Stamme Israel bekehrt haben, was allerdings zum großten aller Wunder gerechnet werden muß. Die gesetzlichen Bestimmungen dieser Zeit, und noch mehr die unter Johann II. in der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts, waren ungewöhnlich streng gegen die Juden. Es war ihnen verboten, sich freiwillig mit den Christen zu vermischen und diejenigen Gewerbe zu treiben, zu denen sie am meisten geeignet waren. Sie durften nur in ihnen bestimmt angewiesenen beschränkten Theilen der Städte wohnen, worin sie sich aufhielten; sie mußten nicht nur ihrem gewöhnlichen Aufwand in Schmuck und Kleidüng entsagen, sondern wurden auch dem öffentlichen Spott preis gegeben, wie z. B. durch gewisse eigenthümliche Zeichen und Merkmale, die aus ihren Kleidern gestickt waren. So war die Lage der spanischen Juden bei der Thronbesteigung Fecdinand's und Jsabella's. Die ״neuen Christen" oder ״Bekehrten," wie diejenigen genannt wurden, die dem Glauben ihrer Väter entsagt hatten, wurden zuweilen zu hohen geistlichen Würden erhoben, denen sie durch ihre Redlichkeit und Gelehrsamkeit Ehre machten. Man übertrug ihnen städtische Aemter in den verschiedenen Städten Castiliens; und da ihr Reichthum ein unfehlbares Mittel war, durch Heirathen die gesunkenen Vermögensumstände des Adels wieder ausiurichten, gab es kaum eine vornehme Familie im Lande, deren Blut nicht zu irgend einer Zeit durch die Mischung mit dem mala sangre, wie man es nachher nannte, des Hauses Judä verunreinigt worden wäre; ein Schandfleck, von dem zn reinigen keine Zeit für hinreichend gehalten wurde. UngeachtA' dWi Anscheins von Wohlergehen war die Lage der bekehrten Juden weit davon entfernt, eine sichere zu sein. Ihr Uebertritt war zu schnell erfolgt, um allgemein aufrichtig zu sein; und da die Aufgabe der Verstellung eine zu schwierige war, Ihn fortwährend ertragen zu werden, wurden sie allmälig weniger vorsichtig, und bekamen das ärgerliche Ansehen von Abtrünigen, die wieder umkehrten, um sich im alten Schlamme des Judenthums zu wälzen. Die Geistlichenj, namentlich die Dominikaner, die den feinen Verantwortlicher Verleger C. L. Fritzsche in Leipzig. Geruch für Ketzerei von ihrem wahntollen, darin ausgezeichneten Stifter geerbt zu haben schienen, säumten nicht Lärm zu schlagen; und der abergläubige Pöbel, der im Namen der Religion leicht zu Gewaltthaten Hinzureißen war, sing an, die unruhigste Bewegung zu zeigen, und den Versuch, sie zu Jaen zu unterdrücken, mußte der Conftabel von Castilien, ein Jahr vor der Thronbesteigung Jsabella's, wirklieh mit seinem Leben büßen. Nach dieser Zeit wurden die Klagen über die jüdische Ketzerei noch lauter, und der Thron wurde wiederholt mit Gesuchen belästigt, wirksame Mittel zur Ausrottung derselben zu ersinnen (1478). Ein Abschnitt in dem Aeitbuche des Pfarrers von Los Palacios, der zu der Zeit in Andalusien lebte, wo die Juden am häufigsten gewesen zu sein scheinen, wirst ein Helles Licht auf die wahren sowohl, wie auf die angeblichen Gründe zu ihrer nachherigen Verfolgung. ״Dies verwünschte Geschlecht," sagt ec von den Israeliten, ״weigerte sich entweder, seine Kinder zur Taufe zu bringen, oder wenn sie es thaten, wuschen sie den Fleck wieder ab, wenn sie nach Haufe kamen. Sie bereiteten ihre Fleischspeisen oder anderen Gerichte mit Oel, statt mit Speck; enthielten sich des Schweinefleisches; feierten ihr Osterfest; aßen Fleisch in der Fastenzeit; sandten Oel nach ihren Bethäusern, um die Lampen darin zu füllen; und beobachten noch andere Gebräuche ihrer Religion. Sie bezeigten keine Achtung vor dem Mönchsleden und entweihten häufig die Heiligkeit von Andachtshäufern, indem sie die Bewohner derselben mit Gewalt oder durch Verführung daraus entfernen. . Sie waren ein außerordentlich kluges und ehrgeiziges Volk, das sich die einträglichsten städtischen Aemter anzueignen wußte; und zogen es vor, ihren Unterhalt durch den Handel zu erwerben, der ihnen ungeheuer viel einbcachte, als durch Händearbeit und Handwerkskünste. Sie betrachteten sich als in den Händen der Egypter, die zu betrügen und zu bestehlen ein Verdienst war. Durch ihre schändlichen Kunstgriffe sammelten sie sich große Reichthümer, und durch diese gelang es ihnen oft in adelige christliche Familien zu heirathen." Es ist leicht begreiflich, daß bei diesem Gemische von Leichtgläubigkeit und Aberglauben, sich bei den Castilianern ein geheimer Neid wegen der größern Geschicklichkeit und Betriebsamkeit, sowie wegen des daraus erwachsenden größern Reichthums ihrer jüdischen Landesgenoffen erhalten mußte; auch darf man wohl dem Argwohn Raum geben, daß der Eifer der Rechtgläubigsten durch weltliche Beweggründe bedeutend geschärft wurde. Dem sei nun wie ihm wolle, das Geschrei über die jüdischen Greuel wurde jetzt allgemein. Unter denen, die es am lautesten erhoben, waren Alfonso de Ojeda, ein Dominikaner, Prior des Klosters St. Paul zu Sevilla und Diego de Merlo, Gerichtsbeisitzer dieser Stadt, denen der Lohn des Ruhmes nicht entzogen werden sollte, aus den sie durch ihre Bemübungm zur Errichtung der neueren Inquisition gerechte Ansprüche haben. ' (Fortsetzung folgt.) Druck von I. H. Nagel in Leipzig.