Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1843
- Issue
- 42 (21.10.1843)
- Date
- 1843-10-21
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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166 Selbst wenn der Dichter die Schattengestalten eines erträumten Glückes vor uns vorüber ziehen laßt, so können wir nicht umhin, mit Aufmerksamkeit und Theilnahme zu folgen. Er führt uns durch ein Labyrinth von Ereigniffen, er läßt ein ersehntes Ziel sich zeigen und wieder schwinden, und täuscht und verwirrt uns vielfach durch ein kunstvoll ersonnenes Gaukelspiel. — Und doch verfehlen selbst diese Nebelgestalten von Ereigniffen auf uns den berechneten Eindruck nicht. Wir mögen uns immerhin sagen: Diese Gestalten waren nie, der Schmerz, die Lust, von denen die Fabel spricht, sie wurden nie empfunden — und doch wird dieser Schmerz, wird diese Lust in uns zur Wahrheit, und erheitert sehen wir die willkürlich geschlungenen Faden zu einem schönen Ganzen sich vereinen. Denn es sind die Räthsel, die Icrgänge des wirklichen Lebens, die in diesem Bilde uns vorübergesührt werden, und der Traum hat Wahrheit, weil er in den Ereignissen des Tages wurzelt. Der lebendiger angeregte Glaube an den Sieg, das endliche Gelingen dessen, was recht ist und gut, wecket in dem Menschenliebenden die schönsten Hoffnungen. Um wie viel tiefer müssen wir uns nun ergriffen fühlen, wenn das, was schon im Bilde uns entzückt, sich in der That vor unserer Gegenwart gestaltet, mit welchem innigen Blicke der Andacht müssen wir zu Gott, dem väterlichen Lenker der Menschenschicksale, emporschauen, wenn die Skizze, die der sterbliche Künstler mit schüchterner Hand entwarf, von den Händen des ewigen Meisters im Leben ausgeführt vor uns dasteht. Vor unfern Augen erhebet sich die Hütte, in welcher jene Geschenke des Allliebenden, der Friede und die Freude walten sollen; sie. ziehen ein, die Freude in ihren Festgewändern, der Friede, lächelnd in dem Zuge der Kommenden. Denn die Weihe des Momentes, da die Herzen der Liebenden sich verbinden, kann festgehalten werden für die Dauer des Daseins. — In ein Paradies führte Gott das erste Menschenpaac ein — und dies Paradies winkt noch immer denen, die in Liebe vereint sind und im Schutze des göttlichen Vaters fehllos wandeln. Freilich dauerte das Glück jener ersten Geweiheten nur kurze Zeit. Sie vergaßen, daß sie, von Gott für einander geschaffen, nur seiner Weisung folgend, und ihr Glück in ihrer Liebe suchend, es wahrhaft finden konnten. Sie suchten es in den schönen Früchten der Außenwelt, in den Gaben der Täuschung und des Scheines — so sahen sie sich denn aus dem Paradiese verstoßen, hinausgestoßen aus dem milden Sommer in die rauhen Stürme einer dornenvollen Welt. Und diese bedeutungsvolle Erzählung — sie hält uns zugleich den Spiegel aller Zeiten vor. Denn wo die einander Verbundenen vergessen, in Gottes Vertrauen und Zuverficht, in ihrer Liebe und in dem Innern ihres Hauses den Quell ihrer Freuden zu suchen, wo sich nach außen hin der Blick verirrt, sie einander nichts Besseres zu bieten haben, als den tauschenden Genuß der Zerstreuungen des Lebens — da wird sich gar leicht der heitere, milde Himmel ihres Glük-- kes trüben, das lachende Paradies ihrer jugendlichen Träume ihnen entschwunden sein. Aber den Gottesfürchtigen, den Treuen, ihnen ist die Erde fort und fort ein liebliches Eden, der Lebensbaum blühet zu ihrer Seite, und. gekräftiget durch ihr Vertrauen, ist kein Gut des Lebens ihnen unereichbar — denn von der Gottesfurcht, von der weisen Frömmigkeit heißt es: ״Langes Leben kommt zu ihrer Rechten, zu ihrer Linken Reichthum und Ehre; lieblich sind ihre Wege alle, in ihren Pfaden waltet der Friede. Ein Baum des Lebens ist sie denen, die an sie sich halten, und wer auf sie sich stützet, ist beseliget. Amen." 8 — 2. Die Ernancipationsfrage. Nachdem in dem Beschlüsse der Rheinischen Stände die Sache des Rechts und der Wahrheit einen glänzenden Triumpf gefeiert hat, ist es um so erfreulicher, daß erleuchtete Staatsmänner und Gesetzeskundige für dieselbe Sache in die Schranken treten. Hieher gehört die neulich in diesen Blattern gerühmte Schrift von Rönne und Simon. Eine andere von Carl Streck fuß (Königl. Preuß. Wirklichen Geheimen Ober-Regierungsrathe a. D.): ״Aeber das Derhältniß der Juden zu den christlichen Staaten. Berlin. Verlag von Veit und Comp. 1843" ist um so bedeutsamer, als dieser Staatsmann sich in einer frühern (im Jahre 1833 erschienenen) Schrift unter demselben Titel, nicht so günstig für allgemeine bürgerliche Gleichstellung der Israeliten ausgesprochen hakte. Er gestehet nun, durch reiflicheres Nachdenken und neue Ersahrungen über diesen Gegenstand, zu der Ueberzeugung gekommen zu sein, daß einzig eine vollkommene, allgemeine Zulassung der Israeliten zu allen Staalsbedkenungen und sonstigen Bürger-Rechten, im wahren Interesse Beider, sowohl der Israeliten selbst als namentlich des Staates liege, und sich als eine unumgängliche Forderung der Gerechtigkeit ergebe. Ueber den Wechsel seiner Ansicht spricht sich Herr Geheimerach Streckfuß also aus: