Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1842
- Issue
- 20 (12.11.1842)
- Date
- 1842-11-12
- Page
- Seite 81 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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81 Jüdische Verbrecher. ES war vor einiger Zeit in den öffentlichen Blättern eine statistische Übersicht der im Preuß. Staate eingeleiteten criminellen Untersuchungen mitgetheilt worden. Als Resultat hatte man gefunden, daß verhältnißmaßig die mei« sten Untersuchungen auf Juden, die wenigsten auf Katholiken und die mittlere Zahl auf Evangelische kamen. Hiernach schien die Geneigtheit zu Verbrechen bei Juden am stacksten zu seyn und es war die Bemerkung daran geknüpft worden, daß dies auf die Emancipation der Juden eine sehr ungünstige Rückwirkung haben müsse. Zwar ist dieser Gegenstand bereits auf eine für die Juden ehrenvolle Weise erledigt worden. Der Vorstand der Berliner Gemeinde hat in einer Eingabe an das Ministerium nachgewiesen, daß die Basis jener statistischen Zusammenstellung und ihre Resultate irrig seyen. Dies ist von dem Ministerium, in edler Gerechtigkeit, förmlich zugestanden und die Bekanntmachung dieses Zugeständnisses freigestellt worden. Es scheint indeß nicht ganz überflüssig zu seyn, noch einmal auf jene Streitsache zurückzukommen und die Unhaltbarkeit der scheinbar gewonnenen Resultate und der daran geknüpften Bemerkungen noch von einer andern Seite zu zeigen, selbst für den Fall, daß die allgemeinen Zahlangaben richtig gewesen wären. 1. Was ist die Emancipation, welche die Israeliten von der Gnade des Königs erhoffen? Ist sie an und für sich eine Auszeichnung, eine Ehrenerklärung, eine Anerkennung der in einer Gesammtheik angetroffenen Zugenden und Lasterlosigkeit? Gewiß nicht. Sie sagt in Bezug auf die Juden weiter Nichts, als: Sollten unter euch Einige gefunden werden, die durch die Unbescholtenheit und Trefflichkeit ihres Charakters, durch die Gediegenheit ihrer Kenntnisse, fähig wären in den Staatsdienst zu treten, so soll ihrer Aufnahme in denselben Nichts entgegenstehen. Was läge in einer solchen Bestimmung Bedenkliches, auch wenn alle Juden Verbrecher wären? Eben so wenig, als daß jene Tausende aller Confessionen, welche die Gefängnisse füllen, ursprünglich das Recht haben (oder hatten) in Len Staatsdienst zu treten. Das Recht genügt hierbei nur gefahrlos sich selber, weil von dessenWohlthaten der Verbrecher sich ausschließt. Die Emancipation will nur, durchaus gefahrlos, die allgemeine Erfahrung benutzen, daß durch Concurrenz alle Arten menschlicher Thätigkeiten gewonnen haben, sie will eine allgemeinere Concurrenz des Geistes, der guten Köpfe, der ausgezeichneten Talente, deren man wohl nie zu viel haben kann, zum Nutzen de? Gemeinwohles, eröffnen. Und es liegt in ihrem Wesen, nur die Guten zuzulassen, die Schwachen aufzumuntern und geistig zu erheben und den Verbrecher in seinen eignen Augen um so verächtlicher, also das Verbrechen seltener zu machen. 2. Sollten wir wohl wirklich aus den angegebenen (selbst als richtig angenommenen) Verhältnisse, crimineller Untersuchungen je schließen können, daß die Evangelischen zu Vergehen geneigter als die Katholiken, und die Juden mehr als beide seyen? Gewiß stehet die Geneigtheit zu Vergehen in keinerlei Verbindung mit den Confessionen. Vielleicht wäre daher Folgendes geeignet, eine so auffallende Erscheinung zu erklären: 1) Die bei weitem größte Zahl crimineller Untersuchungen betrifft kleinere Vergehen und 2) die erste Quelle der meisten dieser Vergehen ist Armuth und Neth. Wo also die Verhältnisse dis Armuth begünstigen, wo es an Anstalten fehlt, die Noth zu mil« Lern, La werden sich jene kleinen Diebstähle u. s. w. häufen. Möglich also, daß es unter Katholiken mehr reiche Stiftungen giebt, in welchen der Arme eine letzte Stütze stndet. Ferner, die kleinern Vergehen fallen, ungeachtet ihrer großen Menge, doch stets nur einem kl einen Th eile der Gesammtheit zur Last, weil sie von denselben Individuen wiederh öffentlich begangen werden. 12 Diebstähle deuten nicht wahrscheinlich auf 12 Diebe in einer Gesammtheit hin, sondern sie können vielleicht nur von einem und demselben nach und nach begangen worden seyn. Dies, wie wir zur Ehre der Mensch« heit wollen, als richtig angenommen, wird auch dem größern Theile der Juden zu Gute kommen, deren allgemeine Ehrenhaftigkeit als Bürger selbst von ihren Feinden langst anerkannt worden ist. Man schlage die Bücher der Criminal-Gerichte nach und man wird finden, daß die von Ju« den begangenen Vergehen fast durchaus zu jenen kleinern gehören. Es sind meistentheils von Individuen der ärmeren Klasse begangene kleinere Diebstähle und Defraudationen, indem sie aus Armuth keinen Gewerbeschein, keinen Paß gelöst haben u. s. w., und dies trotz der erlittenen Strafe, aus Armuth, wiederholen. Größere Verbrechen, als Mord, starke Leibesverlstzungen, Unzucht, wird man wohl nicht so leicht von Juden begangen finden, und zwar ist die Seltenheit, ja Unerhörtheit solcher Verbrechen unter Juden größtentheils daraus zu erklären, Laß sie von ei» nem Laster fast ganz frei sind, Las oft jene größeren Verbrechen herbeizuführen pflegt, nämlich Trunkenheit, und weil ihre Häuslichkeit und Familienliebe im Allgemeinen auf die Empfindung mildernd einwirkt, und jene brutale Roheit, die die Quelle mancher Verbrechen ist, zurückhält. Auch eine gewisse religiöse Innigkeit, die sich in der nie- Lern Volksklasse noch immer erhalten hat, trägt hiezu bei, und ist um so mehr zu würdigen, als von Seiten der Behörden für den religiösen Unterricht der israelitischen Jugend an kleinen Orten noch fast Nichts geschehen ist. Eine bessere Sorge für diesen, die Eröffnung neuer Quellen auch namentlich geistiger, ehrenvoller Thätigkeit, wie sie die Emancipation herbeiführen müßte, würde die Noth unter den Juden mildern, die in Folge derselben öfter von der ärmer« Klasse begangenen kleinern Vergehen, (die wir natürlich nicht entschuldigen wollen, sondern nur zu erklären versuchen) minder zahlreich machen und, in jener unendlich großem Anzahl durch ehrenwerthe Betriebsamkeit und