Mannheim
Compact Memory

Sabbath-Blatt · 1842-10-22 · 17 (22.10.1842) · p. Seite 68

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Sabbath-Blatt
Volume
1842
Issue
17 (22.10.1842)
Date
1842-10-22
Page
Seite 68 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/8620046-8635248-8635569--093-8620219
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

68 Verwandte, nicht Brüder Ware»? der sie als solche nicht liebte? Hast du kein warmes Herz für die Leiden deines Nächsten, wendest dn dich gefühllos ab von seinen Klagen, von seinem Unglücke, so bist du sein Bruder nicht, du bist kein Ebenbild deines göttlichen Vaters, kein achtes Kind Gottes, nur an ihn allein kann sich dann der Hülflose wenden, den dein Herz kalt zurückstieß, und sein Gebet und das Wort Gottes muß hich mit Schaam erfüllen, denn: »er wird zu mir rufen, spricht Gott, und ich werde ihn erhören, denn ich bin erbarmungsvoll!" Gott gab dir, um ihm zu geben, und du entziehst es ihm! Gott! der ewige Schöpfer aller Welten, läßt sich herab ihn zu erhören, und Lu konntest stolz, als wärest du ein hohercs Geschöpf, ihn zurückweisen! Und ferner, wenn dich nur das freuet, was dich selbst betrifft,, wenn du keinen Wunsch, kein Mitgefühl hast für das Glück Anderer, wenn du selbstsüchtig nur deinen eigenen Vorthcil berechnest, und es dich nicht glücklicher macht, wenn auch Andere sich freuen, dann hast du wiederum das geheiligte Geschenk Gottes von dir geworfen, die Liebe, den warmen Antheil an dem Gleichgeschaffenen, du hast dich arm gemacht, wo du göttlich reich seyn konntest, du hast dich selbst enterbt, dich selbst verstoßen aus dem Hause deines Vaters. Und wenn du deinen Mitmenschen, der dir einst Unrecht that, wenn du ihn vor dir siehst und auf ihn böse seyn kannst, wenn du, anstatt ihm freundlich fein Unrecht vorzuhalten, oder es liebevoll zu vergessen, mit ihm heuchlerisch von andern Dingen sprichst und dabei den Groll im Herzen hältst, dann bist du nicht Gottes Kind, der dir vergiebt und dich vergeben lehrte. Sollte, wenn auch in der Abwesenheit dessen, der dir Schmerz bereitet, wenn du da, wie du wohl solltest, den sündigen Groll deines Herzens nicht ganz bekampfen konntest, sollte der nahe Anblick deines Bruders dich nicht versöhnen? willst du härter seyn, als es selbst einst Esau gegen Jakob war? Sollte die na» türlich menschliche Theilnahme für ihn, das Mitleid mit dem Gefährten einer leidensvollen Wallfahrt, in dir nicht erwachen, wenn du ihm Auge in Auge blickst? Du siehst die Spuren, die der Lebensschmerz auf seinem, wie auf deinem Angesicht zurückließ, die Prüf«»-- gen, die Angst, die Verluste, die dich betrübten, hat auch er in feinem Leben erfahren, der Alles versöh- «ende Tod erwartet dich wie ihn, führt euch beide Lurch die dunkle Pforte zum Lichte, und willst du ihm dennoch nicht vergeben, mit ungetrübter Theilnahme, auch unaufgefordert, ihm wohlthun, ihm rathe», ihn warne«, wenn du ihn unglücklich oder irrend siehst? Israelit! Nichts darf dich irre mache» in deinem Mitgefühl für deinen Nächsten, in deiner innigen Theilnähme an seinem Lebensgeschick. Nichts darf dich hin- Lern, seine Schmerzen als die deinen mitzutragen, sei» »es Glückes dich zu freuen und, wenn er gesündiget, wie Abraham für ihn Gebete an Gott zu richten. Dies Erbarmen, dies Mitgefühl ist, wie unsere Wer» fen sprechen, ein heiliges Vermächtniß der Kinder Abrahams, dies Mitgefühl für alle Menschen, von welchem Volke, aus welchen Zonen sie ftyen, in welcher Art sie auch die Gottheit anbeten! Der Bettler, der am Wege harret, er ist kein Fremder, er ist dein dürftiger Bruder, und der dich bildete, er hat auch ihn gebildet« Ein Wink, du Stolzer! der du an seinem flehenden Blick gleichgültig vorübergehest, ein Wink vom Allmächtigen und du bist an seiner Stelle. Der heidnische Sklave, den die gefühllose Gewinnsucht dahinschleppt, eisern, erbarmungslos, wie die Kette, an die sie ihn schmiedet, er ist kein Fremder, er ist ein Kind Gottes, gewiß besser, dereinst seliger, als der an ihm sich so schwer versündigte (und es tröstet bei diesem schmerzvollen, zerreißenden Anblick, daß Israeliten in alter und neuer Zeit unter den ersten waren, die die Gräuel der Sklaverei vertilget). Die göttliche Religion — sie selbst kennt keinen Unterschied der Stande, keinen Fremden; sie nennt sie dir nur, um sie deiner Liebe wärmer zu empfehlen. Gott vernimmt, wie Salomo sagt, auch das Gebet des Heiden und giebt ihm, wie unsere Weisen sprechen, Seligkeit. Aus allen Fernen, in aU len Sprachen rufen sie zu ihm und aus allen Völkern kommen sie vor seinen Thron, und Allen wendet sich Seine Allgüte zu und wer reines Herzens ist, wird als sein Kind empfangen. O möchte vor dieser Sonne der allerwärmcndcn Liebe das Eis unseres oft starren Herzens schmelzen, möchten wir lernen bei dem Geschick des Bruders wie bei unserm eignen fühlen und Seligkeit auch im Glücke Anderer suchen! Wie viel glücklicher müßten die Menschen seyn, wenn das warme Mitgefühl des Einen für den Andern sie Alle zu einer Familie verbände, in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.