Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1842
- Issue
- 10 (5.9.1842)
- Date
- 1842-09-05
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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38 wollen nicht weichen! — Es treten wieder Andere auf, die entgegnen: Wie soll uns nicht bitterer Schmerz ergreifen, wenn wir sehen, wie ein Jahr nach dem andern hingeht, ohne daß die Nacht des Irrthums, die Schranke des Vorurtheils, die Beschränktheit des Geistes weichen will? Wir haben Vieles gehofft, wir haben ge« hofft, daß ein biederer Sinn für Recht und Gerechtigkeit, eine hochherzige Begeisterung für Wahrheit und Licht sich überall verbreiten werde, um Menschenwohl zu begründen und Völkerglück zu befestigen, — aber alle unsere Hoffnungsblüthen scheinen welken zu müfsen, alle unsere Wünsche scheinen unerhört zu bleiben und sich in nichtige Nebel aufzulösen. »Wieder eine Ernte vorbei, wieder ein Sommer hin, und noch ist uns nicht geholfen!" (Zerm.8, 20.) Mehr noch als die Vergangenheit beunruhigt uns das Ungewisse der Z u k u n f t. Das Jahr liegt vor uns wie ein Buch mit leeren Blättern. Wir wissen nicht, in welche Farben die Schrift getaucht sein wird. Wir wissen nicht, welches Loos aus der Urne für uns gezogen wird, ob wir noch ferner werden bleiben dür« ^,fen im Lande der Lebendigen, oder ob die Pforten der Schattenwelt geöffnet sind, uns aufzunehmcn, ob bei uns bleiben alle, die wir lieben, oder ob unsere Schritte werden dem Sarge nachwanken und unser Auge am Grabe eines Geliebten und Verehrten weinen. Heute wird verzeichnet, wer im kommenden Jahre leben, wer sterben, wer steigen, wer fallen, wer in Ruhe, wer in Unruhe, wer m Glück, wer in Nsth gerathen soll, und wir sollten daher heute nicht ergriffen werden von bangen Gefühlen, sollten nicht zittern am Tage des Gerichts? Wissen wir doch, daß der Neuiahrstag ein Abbild ist von dem großen Tage des Gerichts, (יום שפר והרועה) an welchem Gott richten wird die Enden der Erde, an welchem die Stimme der Posaune ertönen wird zu erlösen die Lebendigen, zu erwecken die Todten; ein Tag, furchtbar und heilig, an welchem selbst Helden erzittern, Mächtige erbeten! 13 Wir haben nunmehr die Ursachen eingesehen, dis zur Betrübniß und Trauer stimmen am Neujahrstage. Aber Nehemia tröstete das weinende Volk und sprach:- «Der Tag ist heilig, trauert nicht und weinet nicht!" 1) Zeph. 1t 16. 16. Liegt in der hohen Bedeutung des Tages der Grund znr Betrübniß, so liegt eben auch in der Heiligkeit desselben der Balsam des Trostes. Wir antworten zuerst euch, die ihr klaget und weinet über den verrinnenden Lebensstrom, über die Flucht der Jahre: Der Tag ist heilig! Neujahr bringt neuen Lebens-Muth. Benutzet die euch noch vergönnte Zeit, kräftig und rege zu wirken. Was versäumet ihr den Tag mit unnützer Klage über die schwindende Welle, La euch das majestätische Zeiten-Meer entgegentobt und ernstlich mahnet, daß euer Nachen nicht fruchtlos durch die Wogen streiche! Wir antworten euch, die ihr über die trüben Bilder klaget, die der Spiegel der Vergangenheit heute entgegen wirft: Der Tag ist heilig! Neujahr bringt neue Kraft, zu ertragen die herben Prüfungen, zu erdulden Gottes Schickung. Weinet nicht und trauert nicht! Richtet euch auf von eurem Schmerze, mit erneuter Kraft tretet dem Unglücke entgegen. Bleibet stark und männlich, auch wenn die Wunde nicht vernarben mag, und der Gram zu tief am Herzen naget. Auch ihr, die ihr über fruchtlose Arbeit, uncrfüllte Wünsche, unberücksichtigte Rechts ansprüche klaget, höret: Der Tag ist heilig! Neujahr erfüllet mit neuer Hoffnung. Ist auch dieser Sommer vorüber, auch diese Ernte vorübergegangen, ohne daß euch geholfen worden, — Gott schaffet ein neues Jahr, es wird wieder eine Erntezeit kommen; nur sorget ihr selbst für gute Saat, verbreitet den Sinn für das Edle, Große, Schöne und Erhabene, lasset euch nicht irre leittn durch falsche Zungen, fürchtet nicht den Nachtheil des Augenblicks, bietet eure Gesinnung nicht feil um irgend einen Preis, weichet keinen Fuß breit vom Lande des Rechts, keinen Zoll von dem Gebiete der Wahrheit! Alsdann wird euch geholfen werden, alsdann muß die Morgenrölhe erscheinen, welche Menschenwohl und Völkerglück verkündet. — Auch euch, die ihr heute so unruhig seid über das Ungewisse der Zukunft, mit byngen Gefühlen den Richterspruch des Königs aller Könige erwartet, euch beruhige das Wort: Der Tug ist heilig! Ist auch der Thron zu Gerichte gestellt am Neujahrstage, zittern die Reinen und Heiligen selbst in der Nähe des Allmächtigen, liegt auch das Buch schon geöffnet, auf-