Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1843
- Issue
- 21 (27.5.1843)
- Date
- 1843-05-27
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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83 chem Gott sprach: »Siehe es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Felsen stehen; der Orr da der Herr fich nahete dem sterblichen Menschen, wie ein Mann seinem Freunde nahet, und ihm verkündete in göttlicher Rede jenes Geheimniß seines Namens, das Moses in seiner Menschenrede durch die Worte aussprach: Herr, Herr Gott, barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Gnade und Treue. Der Gipfel des Berges, der ganz nahe bei der Kluft LeS Moses ist, war jetzt erstiegen; der Gipfel des Berges, welcher der größeren Hälfte der Völker der Erde ein heiliger Ort ist. Denn er ist heilig dem Volke Israel, welches nur aus ehrfurchtsvoller Ferne ihn bewachtet, heilig den Mohamedanern, welche hier, der alten, christlichen Kapelle gegenüber, eine kleine Moschee errichtet haben; heilig den Christen, Lenen ihr Glaube lehret, daß kein Titel, kein Jota dieser, prophetisch das Fernkünflige andeutenden Worte des Gesetzes, auf Sinai's Höhe gegeben, verloren gehen solle, bis daß sie einst alle in Erfülung gingen. Ich habe stark aussehende Menschen gekannt, auf welche der erstmalige Anblick des Meeres einen solch erschulternden Eindruck machte, daß sie fast ohnmächtig wurden. Ohnmächtig zwar wurde Keiner von uns; mächtig erschüttert aber wurden wir Alle durch die Aussicht vom Berge, deren schon an sich selber große Macht durch das Andenken an das, was einst hier geschehen, noch vielfach erhöht wird. Der Gipfel des Sinai raget mehr denn siebentausend Fuß hoch über das Meer, er beherrschet mithin, wie sich berechnen läßt, eine Aussicht über das niedre, ebene Land und die Wasserfläche, welche, wo sie durch vorliegende Berge nicht gehemmt wird, nach allen Richtungen hin gegen 23 Meilen beträgt, mithin einen Kreis, welcher im Durchmesser 46 , im Umfange 144 Meilen misset. Wo aber jenseits dieses Kreises ein Berg von gleicher Höhe stehet, da erweitert sich die Aus« ficht auf Das Doppelte und in gleichem Verhältniß der Gesichtskreis. Zwar sind nun die Berge, welche jenseits des Ailanitischen wie des Heroopolitanischen Busens des rothen Meeres liegen, wahrscheinlich größtentheils viel niedriger als der Sinai, indeß darf man wohl den zackigen Umriß des furchtbar schönen Wüsten - Panoramas, das sich hier dem Auge darbeut, nahe auf 200 Meilen anschlagen, eine Ausdehnung, welche unter dem reinen, klaren Himmel Arabiens, bei solch heitrem Wetter als wir hier trafen, in unverkürzter Deutlichkeit dastehet. Nach meiner Überzeugung wird wohl jeder Reisende, der den Sinai besteiget und so wie wir die Aussicht von seinem Gipfel beachtet, in ihr eine so außerordentliche und eigenthümliche anerkennen müssen, daß er Derselben keine andre auf Erden zu vergleichen weiß. Im Süden wie in Ost und West bemerkt man an einzelnen Punkten den Gürtel des Meeres, der das Hochland der peträischen Halbinsel umschlingt; jenseit des Meeres, in weiter Ferne mehrere Gebirgshöhen der Arabischen und Ägyptischen Küste. Es ist, als stünde man in der Mitte des riesengroßen Horstes eines einsamen Adlers, gegründet auf nackten, öden Felsen, zwischen Die Gränzen der Meere. Nirgends, wohin man auch sicht, eine grünende Alpenwiese; nirgends ein Wald, kein rauschender Vach noch Wasserfall, keine Alpenhütte noch Dorfschaft; und wenn nicht gerade der Sturmwind oder die Donner ihre Stimm« reden, da ist hier eine Stille, wie ich sie noch nirgends auf Erden also sehr und also tief empfunden habe. Die Wüste des Sinai mit ihrer Felsenwarte ist ein Denkstein, ein unverändert stehen gebliebenes Werkstück des dritten Tages der Schöpfung, da Gott sprach: » es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondre Orter, daß man das Trockene sehe;" eine Versinnlichung jener Zeit der Anfänge, da noch kein Gras und Kraut noch sruchtbare Bäume, kein webendes und lebendes Thier, noch Gevögel, noch Vieh, noch Menschen waren, sondern La statt der Kraft des freien Lebens nur jenes Gesetz waltete, das der Erdveste ihre Gestaltung, dem Gewässer seine bestimmten Granzen gab. Wo kann man wohl in weiterem Umfange und ungehemmter in das Getriebe der kristallinischen Gestaltung der Felsen hineinschauen als hier, wo kein Erzeugniß der späteren Schöpfungstage die des dritten überkleidet und verhüllt; wo das granitische Gebirge mit seinen riesenhaften Tafeln und Felsenpyramiden unvermischt mir jüngeren Bergarten emporsteigt, keine seiner zunächst liegenden jähen, liefen Schluchten mit Sandstein oder Kalk ausgefüllt ist, und wo man die Gänge der Wacke und des Basaltes wie schwarze Adern stundenweit durch das Gestell seiner Bergwände und Kuppen fortlaufen sieht. Und auf diese Felsenwarte lässet nun auch die Ge* schichte der vergangenen Tage ihren verklärenden Strahl fallen und erhebt den innren Blick auf einen Standort, Da derselbe, in noch viel andrem Umfange als das äußre Auge ein Reich der Zeiten und Völker überblicket. Hier ward den Menschen das Gesetz gegeben, das wie eine Erdveste dem Meere der Leidenschaften und Begierden zur sichren Gränze dient. Wie dann hier, unter dem Fittiche des einsamen Adlers, der sein Volk hierher in Die Stille der Felsenwüste führte, der Lebenskeim der beiden Religionen, der des Gesetzes und jener der Erfüllung ausgeboren ward; so nahm Dort in Südosten das stürmische Meer des Jslamismus seinen Ausgang; wir stehen hier im Geburtslands der drei Hauptreligionen der Völker. Um hier nur mit einigen Zügen die Hauptpunkte zu bezeichnen, welche an einem heitren Frühlingstage von Sinai aus ins Auge fallen, so bemerkt man in Nordwest die Meerenge von Suez und als dunkles Pünktlein, Suez selber; nahe dabei den Attakaberg. Weiter nach Westen herab hemmen zwar die Höhen des Mokkateb und Ser-