Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1843
- Issue
- 13 (1.4.1843)
- Date
- 1843-04-01
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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51 folgt, so thut Ihr es." — Der Jüngling konnte sich eines Lächelns nicht enthalten, und Rabbi Samuel, der dies für Spott und ein Anzeichen hielt, als zweifle der Jüngling an seiner Macht, das Gesagte ausführen zu könneu, wurde nur um so mehr in seiner Meinung bestärkt und setzte sich hin, um für die Synagogenthür einen Anschlag in hebräischer Sprache zu verfassen, in welchem der Bann publicirt werden sollte. — » Mit dem Cheirern bin ich nicht ganz einverstanden," sagte Rabbi Jakob, indem er den Folianten bedachtsam zumachte, zum Bücherschrank ging und ein anderes Buch herausnahm. »Ihr wißt ja, daß leider Gottes in unfern bösen Zeilen nicht mehr viel damit anzufangen ist. Auch hat ja der Mendelssohn zu viele neumodische Freunde, die ebenso denken wie er; und er und sie könnten über den Cheirem lachen und thun, wie wenn garnichts geschehen wäre. Aber ein anderes Mittel fällt mir ein, wir wollen ihn öffentlich beschimpfen lassen; unsre Bocherirn^) sollen ihn auf öffentlicher Straße mit Steinen und Koth bewerfen, und dabei ausrufen: Das ist der Lohn für dein gottloses Verfahren, bleib bei deiner Elle und kümmere dich nicht um unser heiliges Gesetz." — »Ganz herrlich," rief Rabbi Samuel, indem er aufsprang und sich die Hände rieb, »ganz herrlich, und mit dem Luther machen wir es ebenso." — »Der Luther geht uns nichts an, Rabbi Samuel, der ist noch nicht in Berlin; ich glaube aber gewiß, daß, wenn man erst unser Verfahren mir angesehen hat, so wird es dem Luther auch nicht besser gehen; das Bes-din^) in seiner Stadt wird ebenso mit ihm verfahren, wie wir mit dem Men- Lelssohn." — Wenn es nur euren Bocherim nicht so geht wie jenen Gassenbuben," fing der Jüngling an, Lurch den unwürdigen Vorschlag dreister gemacht: »der Mendelssohn ist ein kluger Mann, das weiß ein Jeder." »Und was ist das für eine Geschichte?" fragte Rabbi Jakob. »Je- Lesrnal, wenn Mendelssohn ausging, lief ihm eine große Schaar Gassenjungen nach, verhöhnte ihn wegen seiner Gesialt und schalt ihn immerfort Len buckligen Juden. Mendelssohn fuhr ganz gelassen mit der Hand in seine Tasche, holte einiges Geld heraus und vertheilte es unter die Vuden mit der Bedingung, daß sie ihn dafür schimpfen müsfen. So that er am folgenden und am dritten Tage. Am vierten versammelte sich der Pöbel wieder und als Mendelssohn betheuerte, er habe kein Geld bei sich, entfernten sie sich milder ernsten Versicherung, daß sie nicht eher wieder schimpfen würden, als bis sie ihre Dreier erhielten. Auf diese Weift entfernte er die lästigen Begleiter von sich." Der Jüngling empfahl sich und ging in den Laden des Fabrikanten Bernhard. Mendelssohn, der gerade mit Abwiegen der Seide beschäftigt war, hörte die Erzählung seines jungen Freundes mit an, ohne sich in seinem Geschäfte stören zu lassen. »Meinen herzlichsten Dank," rief er, als jener die Erzählung geendet hatte, »für meine von dir so wacker geführte Vertheidigung. Aber sei nur ganz unbekümmert, es wird mir nichts Leids geschehen." Er begab sich in Begleitung des Jünglings nach dem beth-hamidrascl1 und trat ein, als Rabbi Jakob gerade seinen Schülern die Rollen austheilte, die ein Jeder bei der Reinigung Mendelssohns übernehmen sollte. »Hier bin ich selbst," redete er die Versammelten an, »vielleicht bedarf es dieser harten Mittel nicht, um mich auf die rechte Bahn zurückzuführen. Macht doch erst einen Versuch mit Worten und sanfter Belehrung, und wenn dies fruchtlos ist, habt Ihr ja immer noch Zeit, die Hand nach Len Steinen zu strecken." Die Ruhe und Zuversicht, mit denen Liefe Worte gesprochen waren, übten einen nie- Lerschlagenden Eindruck auf den Rabbi Jakob und Samuel aus, und sie wiesen ihre Schüler, die in eilfertiger Bereitwilligkeit ihre Sitze schon verlassen hatten, auf die Bänke zurück. »In Mischlei8) Kap. 23 Vers 13 heißt es," fing Rabbi Jakob an: »Entziehe dem Knaben die Zucht nicht; wenn Lu ihn mit der Ruthe züchtigst, davon stirbt er nicht. Züchtigst du ihn mit der Ruthe, so rettest du seine Seele vom Untergange." — »Sagt über nicht auch der weise Salomo," entgegnete Mendelssohn: »Eine sanfte Antwort besänftigt Len Zorn, ein hartes Wort entflammt den Grimm? Warum wolltet Ihr gleich zur Harte schreilen, ohne vorher einen Versuch mit der Sanftmuth gemacht zu haben? Ihr werft mir Sünde gegen unser heiliges Gesetz vor, begeht Ihr nicht eine viel größere?" — »Du bist Loch nicht etwa hieher gekommen, um uns zu ermahnen und Moral zu predigen?" sprach Rabbi Jakob entrüstet, » wir wissen was Recht ist, du aber weißt es nicht. Bedenke doch, wer dein Vater war; das war ein frommer, gottesfürchtigsr Mann, der schrieb die Lhaure in unserer heiligen Sprache ab; warum übersetzest du sie ins Deutsche? Willst du klüger sein als dein Vater? Was für einen Nutzen versprichst du dir von deinem sündhaftem Unternehmen? Für jeden Vortheil, den du mir anführst, will ich dir zehn Nachtheile angeben." »Diesen Kontrakt könnte ich schon eingehen. Doch laßt uns umgekehrt verfahren; sagt einmal eure sogenannten Nachtheile her." Es darf durchaus nicht auffallen, daß Rabbi Jakob, so beredt gegen den Jüngling, den Mendelssohn angeklagt hatte, in der Gegenwart des Angeklagten selbst verstummte. Gründe, die er vor dem Richterstuhle eines ihm untergebenen Jünglings für triftig und ausreichend hielt, durfte er einem Mendelssohn gegenüber nicht aufstellen. Um so unangenehmer war es ihm, als der Jüngling sich erhob, um in seines Lehrers Namen zu sprechen, und dieser wußte sich in seiner Verlegenheit nicht anders zu helfen, als Laß er seinem Schüler Stillschweigen gebot. »Warum laßt ihr ihn denn nicht sprechen? fragte Mendelssohn iro- 6) Schüler. 7) jüdische Gericht. 8) Sprüche Salomo's.