Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1843
- Issue
- 11 (18.3.1843)
- Date
- 1843-03-18
- Page
- Seite 43 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/8620046-8635247-8635216--200-8620094- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
43 eure neue Partie aufstellen, ich muß mich revangiren."— »Nein, das darf ich jetzt nicht zugeben," fiel der Doktor ein, »die Damen haben es sich schon merken lassen, daß Sie ihrer wegen der hölzernen Königin!! dort so ganz vergäßen und dann auch sollen Sie entscheiden, wer von uns beiden Recht hat, Bernhard oder ich." — » Und worüber waren Sie denn in Streit?" fragte Mendelssohn, nachdem er sich mit Lessing an den Tisch gesetzt hatte. »Sehen Sie, meine Herren," fing Bernhard an, »wir beide wareu darin ganz einverstanden, daß es um die Bildung und Wissenschaft unter den jetzigen Juden ziemlich schlecht stehe. Mur über die Mittel, wie diesem Übel abzuhelfen sei, waren wir nicht einig. Ich behauptete, daß nicht eher von einer Erhebung und Heranbildung der Juden die Rede sein könne, als bis sie der bürgerlichen Freiheit theilhaftig geworden sind. So lange man in dem Juden nur noch Len gedrückten und geduldeten Fremdling erblickt, so lange man ihm noch die Erlaubniß Schneider und Schuster za werden vorenthält, weil seine Vorfahren den Heiland getödtet haben, kann auch nicht die Rede von der Herbeiführung eines bessern Zustandes unter den Juden sein. Lassen Sie erst aber einmal den Juden Bürger sein, lassen Sie ihm einmal offen stehen alle Wege zu den Gewerben, zu den Wissenschaften, und Sie werden sehen, der Schacher ist größtentheils verschwunden, und in allen Zweigen der Wissenschaft werden Juden neben Christen glänzen. " » Und damit waren Sie nicht einverstanden, Herr Doktor?" fragte Lessing verwundert. » Ich bin es noch nicht," erwiederte der Gefragte. »Bernhard meint's ganz gut und das Mittel, das er vorschreibt, könnte aklenfalls Len kranken Zustand mildern, eine wahrhafte Genesung führt es nicht herbei. Bernhard hält die Krankheit für eine äußerliche, und er bringt deshalb seine Freiheitssalbe herbei, um das ergriffene Glied zu bestreichen. So aber ist es nicht, glauben Sie mir. Ich habe Gelegenheit gehabt zu untersuchen, zu betasten und zu fühlen, und da habe ich denn gefunden, daß die äußere Lähmung ihren Grund in einer innern Itnreinigkeit hat. Doch um meine Meinung kurz herauszusagen, die Juden müssen sich selbst helfen; aus sich selbst heraus müssen sie sich Freiheit schaffen und nicht wanken, bis man ihnen die bürgerlichen Rechte tropfenweise erchertt. Und ich sehe es Ihnen an, Herr Mendelssohn, Sie stimmen mir bei." »Aus Meiner innersten Überzeugung," sagte dieser, »Sie haben mir wie aus der Seele gesprochen. Die Juden müssen sich selbst heranbilden, sie müssen der Welt zeigen, daß sie das verdienen können, was man ihnen freiwillig nicht geden will. Sie müssen: einen Triumph feiern, über ihre Feinde, sie müssen sie zwingen ihre Ebenbürtigkeit anzuerkennen." — »Wie aber das anzufangen sei," fiel Lessing ein, sehe ich nicht ab. Sagen Sie selbst, Herr Mendelssohn, ist es nicht eine unbillige Forderung, die man an Ihre Glaubensgenossen macht, zuerst den Schacher, oder überhaupt dm Handel aufzugeben, ehe man ihnen bürgerliche Rechte erthrilen will? Jst's nicht ebenso, wie wenn ich Jemanden lang hungern lasse und ihm dann, wenn er keine Speise mehr vertragen kann, recht viele schöne Gerichte vorsetze? Ich sollte meinen man müsse gerade umgekehrt verfahren, und so materiell auch Bernhardts Ansicht zu sein scheint, ich muß ihm dennoch beipflichten. Machen Sie doch erst einmal einen Versuch, lassen Sie die Juden Bürger sein, und sehen Sie, ob sie sich der Wohl« that unwürdig zeigen; es ist ja dann immer noch in Jhrer Macht wieder zu nehmen, was Sie gegeben. Ich weiß gewiß, daß dieser Fall nie eintreten wird; im Gegentheil, der Jude wird ein besserer Staatsdiener sein als der Christ; und das eben ist's, was die Monarchen und Gesetzgeber .zurückschreckt, was sie abmahnt; sie haben Furcht, der Jude wird zu hoch steigen und den Christen verdrängen. Ist das aber nicht eine ungegründete Furcht? Ist es nicht ein scheelsüchtiger Neid, eine niedrige Habsucht? Und warum den Juden ausschließen von öffentlichen Ämtern? Etwa, weil seine Religion" »Das ist ein anderes Gebiet," siel Mendelssohn ein, »das dürfen wir nicht betreten, wenn wir uns von unserem eigentlichen Gegenstände nicht entfernen wollen. Ich kann durchaus nicht Ihrer Meinung sein. Dies Vorenthalten von Freiheiten und Rechten ist eine schreiende Ungerechtigkeit, ein Schandfleck unsres gebildeten Jahrhunderts; aber die Ursache der Gesunkenheit und Unwissenschaftlichkeit der Juden ist eS nicht. Wie gesagt, meine Glaubensgenossen müssen vor allen Dingen sich aus sich selbst heranbilden. Ihre Hausliche Erziehung, ihr Familienleben liegt ganz darnieder. Eine tadelnswerthe Gleichgültigkeit gegen alles Hohe und Erhabene hat sich in das Haus, in die Synagoge eingeschlichen, und wo noch ein Interesse für Religion vorwaltet, da ist es ein falsches. Fragen Sie doch einmal einen Juden über die Principien, nach Lenen er seine Kinder erzieht. Lassen Sie sich doch einmal in ein Gespräch über Religion mit ihm ein. Sie werden staunen über dis falschen Begriffe, über das Tappen im Finstern. Unbedeutendes wird zur Hauptsache erhoben, und diese darüber ganz vergessen. Da ist kein Sinn für Erbauung des Herzens, für Bildung des Verstandes, kein Fünkchen von echter Religiosität. Hat sich aber der Jude geistig emancipirt, so kann die materielle Enianripation nicht mehr ausbleiben. Und ich sehe es im voraus, diesen Weg werden meine Brüder einmal einschlagen. Schon jetzt erblicke ich hie und da Keime einer geregelten bessern Erziehung; hie und da wird der Gottesdienst geläutert, der Jndisserentismus fängt an zu schwinden, ein eifriges Streben nach Wahrheit bekündet sich schon in mancher Gemeinde, und wer weiß, vielleicht erleben wir es noch, Liese Keime hsranwachsen zu sehen zu schönen Bäumen, deren Frucht die Emancipation ist, nothwendig sein muß." Die Damen hatten das Gespräch ruhig mit angehört, und als hier eine kleine Pause eintrat, forderten sie Len Mendelssohn auf, doch einige Psalmen vorzulese», dis