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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1967-12-01 · 12 (Diciembre, 1967) · p. Seite 9

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXIX (1967)
Issue
12 (Diciembre, 1967)
Date
1967-12-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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DICIEMBRE 1967 BOLETIN INFORMATIVO 9 KUNST UND LITERATUR Zum 100. Geburtstag ALFRED KERR Von Herbert Freeden Im Januar 1948 veranstaltete der englische PEN-Club fuer den damals achtzigjaehrigen Alfred Kerr, der die Kriegsjahre.im Londoner Exil verbrachte, eine Geburtstagsfeier. Sie wurde zu einer amuesanten und nachdenklichen, witzigen und zugleich aufs tiefste bewegenden Stunde. Kerr, einer der Grossen auf dem Richterstuhle der Kritik, sprach ueber sein Leben und was ihm in der Literatur am teuersten gewesen war — Hiob, der franzoesische Baenk eisang und Ibsen. Die “grosse Stille” bei Ibsen stellte er den "Ohoeren”, dem “Giockenklang des Ewig- Weiblichen" am Ende des “Faust” entgegen. Diese “Mischung des Gegensaetzlichen”, so sagte er, habe sein ganzes Leben bestimmt: “Schoenheit der Tiefe gemischt mit einem Klang der Gasse”. Das Leitmotiv jener Rede, die man in seinem literalischen Erlebnisgut sorgsam behuetet, war “Denn die Grenze ist nahe”. Wenn man achtzig, ist, erklaerte er, wird man friedlicher; man denkt, dass auch die Gegner arme Luder sind, zum Sterben bestimmt... wenn man auch manchmal wuenschte, dass das schneller geschaehe. “Aber man wuenscht es nicht mehr mit derselben Innigkeit”, fuegte er laeehelnd hinzu. Kerr sprach von drei Erlebnissen — einer Begegnung mit Rostand im Zimmer Sarah Bernards; einem Gespraech mit Zola; und einer Szene am Totenbett von Ibsen. “Und wenn”, sagt er , “Was ist davon geblieben? Kaum etwas... Denn die Grenze ist nahe. Mit achtzig weiss man, dass es viel wichtiger war, die “Unwichtigen” zu treffen; mit achtzig traegt alles den Stempel “Und wenn”. Rueckblickend auf sein Leben, fand er” das Ganze war hoechst fragwuerdige Geschichte — schwindelhaft, toericht und ein bisschen amuesant”. Kerr wurde vor 100 Jahren als Alfred Kempner in Breslau geboren, am 25. Dezember 1867. Auch heute, zwei Jahrzehnte nach seinem Tode, ist er als Lehrer von Dramatik e r n und Dramaturgen, Schauspielern und Regisseuren nicht wegzudenken. Sein Werk “Die Welt im Drama” (S. Fischer-Verlag) ist lebendigste Theatergeschichte von Otto Brahm bis Max Reinhardt; seine zwei Baende “Die Welt im Licht” bleiben ergreifend in der einzigartigen Darstellung von Laendern und Landschaften, Schicksalen und schicksalshaften Prognosen — in der Meisterschaft der Prosa und der gedanklichen Schaerfe nur mit einem vergleichbar: Heinrich Heine. Ein Wort von Kerr wog schwer — konnte Ruhm oder Verdammnis bringen, und fuer diese seine Worte schuf er einen eigenen Stil, jenseits der Syntax gebundener Saetze. Schauspieler zitterten, wenn sie ihn im Parkett wussten und dennoch, seine Analyse ihres Spiels trieb ihre kuenstlerische Entwicklung entscheidend weiter. Kaempferisch hat er Gerhart Haupt mann durchgesetzt, aber Bert Brecht hat er missdeutet und verkannt; Ibsen und G. B. Shaw machte e” auf deutschen Buehnen heimisch, und Shaw sorgte spaeter dafuer, dass der im Februar 1933 aus Deutschland Vertriebene britischer Buerger wurde. “Ich wechselte wieder meine Nationalitaet, was ich seit 2000 Jahren erfolgreich getan habe”, war Kerrs Kommentar. Seiner Gegner war Legion, Karl Kraus und Herbert Ihering gehoerten zu den “faden Fehden” -wie er sie nanntedie seine Spalte im “Berliner Tageblatt” zu einer Kampf- Arena machten. Er hatte nicht weniger Bewunderer. Kurt Hiller fasste in seinem “Bekenntnis zu Alfred Kerr” zusammen: “Dass hier einer ueber Welt, Kunst, Angelegenheiten heu tiger Menschen ungescheut sagte, wass alle anderen zu sagen sich scheuten, es diamanten sagte (-so hart, hell, geschliffen, blitzend); dass eine Leuchtkraft, ein Feuer aus dieser Prosa sprang, ein goettlicher Glanz... Dass aeusserste Wahrhaftigkeit eines Gehirnlers und aeu s s e r t e Melodiensuessse eines Musikanten sich hier vermaehlten; zu einer Einheit die es bisher nicht gab. Diese Einheit musste bezaubern”. Ich sah Kerr kurz vor seinem Tode. Einige aus Deutschland stammende Juden hatten sich in London zu einer Zusammenkunft eingefunden, um den Plan eines Gedaechtniswaldes fuer die zerstoerten juedischen Gemeinden zu besprechen. Leo Baeck war einer der Redner. Nach dessen Rede winkte Kerr mich zu sich und fluesterte mir zu: “Sagen Sie Dr. Baeck, dass ich ein guter Jude bin!”. Ein paar Monate nach seinem 80. Geburtstag starb er in Hamburg, beim ersten Wied ersehen mit Deutschland, zu dem er sich nur zoegemd und mit vielen Vorbehalten entsch 1 o s s e n hatte. Im Jahre 1903 hatte Alfred Kerr Palaestina besucht. Sein Kapitel “Jeruschalajim” gehoert zu den schoensten und DER LEIHE GROSSE RABBI VON WIEN (Zum 40. Todestage von Prof. Chajes) Es war ein voellig unerwarteter und schwerer Schlag fuer das juedische Volk und insbesondere die oesterreichische Judenheit, als vor nunmehr vierzig Jahren, am 13. Dezember 1927 der Oberrabbiner der Wiener Kultusgemeinde, Prof. Dr. Perez Chajes, auf der Hoehe seiner Schaffenskraft, erst 51 Jahre alt, dahingerafft wurde. Ein ausserordentlicher Mensch, auch nichtjuedischen, gebildeten Kreisen bekannt und allgemein hochverehrt, sollte nicht das Glueck haben, die Verwirklichung des Traumes vom juedischen Staate und vom Heimfinden seines so sehr geliebten Volkes zum Lande der Vaeter zu erleben. Doch seine sterblichen Ueberreste sind vor etwa fuenfzehn Jahren nach Israel ueberfuehrt und dort zur ewigen Ruhe gebettet worden. Zwi Perez Chajes war Rabbiner, moderner wissenschaftlicher und juedischer Politi ker zugleich. Die ungeheure Vielseitigkeit der Aufgaben, denen er sich zuwandte, und die aufopferungsvolle Hingabe an jede dieser Missionen koennen jedoch nur verstanden werden, wenn man weiss, dass dieser Mann ein enthusiastischer, ein leidenschaftlicher Jude gewesen ist. Sohn. Enkel, Urenkel von Rabbinern und Talmudgelehrten, ist das voellige Aufgehen in der juedischen Sache von fruehester Jugend an sein Ziel gewesen. An der beruehmten Jeschiwa von Brody hatte er seine juedische Ausbildung erfahren. Als das 5-jaehrige Kind die aus den russischen Progromgebieten (1881) nach Galizien gelangenden Ueberlebenden sah, praegten sich ihm diese Eindruecke fuer das ganze Leben ein und trugen dazu bei, dass Chajes spaeterhin eine so ungewoehnliche Anteilnahme am Leiden und Ergehen seines Volkes bekundete. Er soll ein fruehreifes Kind gewesen sein, das alles erreichbare Wissen in sich aufnahm. Die Wiener Universitaet und die dortige “Israelitisch - Theologische Lehranstalt”, die er, 18-jaehinnigsten in der “Welt im Licht”: “Juden... Sie haben alle Scheiterhaufen ueberwaehrt. Sie haben allen Seelenschlaechtern getrotzt. Und wuchten die Welt vorwaertsnach zweitausend Jahren.. Ich bin ja nach den Martern der Jahrtausende auch heiter geworden. Und schlage die Harfe; wie keiner sie schlug seitdem. Weiss hebraeisch nicht zehn Worte. Dennoch klingt in mir der Klang: der gedraengten Symmetrie; der Vaeterschaft; Gottes... Ich fuehle mich bei meinen grossen Vaetern voll Hingebung . Erschu e 11 e r t, beglueckt in ihrer Naehe... Lange her, dass ich von hier weg bin. Aber heilig lebt Erinnerung bis zum letzten Atemzug... O Land voll Zitronenduft. Steinig und strahlend. Furchtbar und lieblich. Felsland und Sonnenland . Trotzl and und Leuchtland. Wueste n 1 a n d und Brunnenland. Kaemp ferland und Rachelsland. Judenland. Seelenland”. Prof. Dr. Perez Chajes gipfsfe rig, bezog, boten ihm die Moeglichkeit, seinen Forschungsdrang zu befriedigen, und schon bald danach — nur kurze Zeit war er als Gymnasiallehrer taetig — fand der junge Gelehrte Gelegenheit, eine wichtige Funktion zu uebernehmen: Das “Coilegio Rabbinico” in Florenz uebertrug ihm die Lehrkanzel fuer Bibelexegese und juedische Geschichte, wobei er sich verpflichtete, innerhalb eines vereinbarten Termins die italienische Sprache zu erlernen; bis dahin hielt Dr. Chajes seine Vorlesungen ausschliesslich in hebräisch. Aber dieser Termin war noch nicht erreicht, als der Dozent bereits in fliessendem Italienisch unterrichtete. Nur zwei Jahre spaeter finden wir Chajes bereits als Professor fuer die hebraeische Sprache an der Univesritaet Florenz, su deren gefeiertsten Dozenten er bald gehoerte. Zur gleichen Zeit bemuehte sich Chajes, neues Leben in das erstarrte Dasein der Florentiner Judenheit zu bringen. Unermuedlich weiterhin schriftstellerisch wirkend, konnte er sich nur schwer dazu entschlossen, einem immer wieder an ihn ergehenden Ruf als Rabbiner der Gemeinde Triest Folge zu leisten. Doch die Moeglichkeit, unmittelbar zur Volksmasse zu sprechen, bewog ihn im Jahre 1912 — er war damals 36 Jahre alt — seine wissenschaftliche Taetigkeit in Florenz mit dem Triester Rabbinat zu vertauschen. Sechs Jahre wirkte er segensreich in dieser einst bedeutenden, zu jener Zeit oesterreichischen Gemeinde, als ihn die Wiener Gemeinde anfragte, ob er bereit waere, das Oberrabbinat zu uebernehmen, d.h., zunaechst nur dessen Funktionen an der Seite des schwerkranken Oberrabbiners Dr. Guedemann. Dieser Berufung glaubte Chajes sich nicht versagen zu duerfen, und das Schicksal wollte es, dass es eine seiner ersten Amtshandlungen sein sollte, seinem beruehmten Vorgaenger die Gedaechtnisrede zu halten. Nun war der Zionist Chajes Oberrabbiner von Wien, in dem Amte, dem Maenner wie Mannheimer. Jellinek und Guedemann hohes Ansehen verliehen hat ten. Es wurden neun segensreiche Jahre fuer die Grossgemeinde Wien. Am 2. August 1918 wurde Prof. Chajes vom jungen Kaiser und Koenig Karl in Audienz empfangen, und er benutzte diese Gelegenheit, dem Monarchen, dessen grosses Reich einige Monate spaeter zerfallen sollte, die juedischen Rechte und Hoffnungen auf Erez Israel auseinanderzasetzen. Diese Wiener Epoche von Chajes fuehrte zu einer innigeren Beziehung der Wiener Judenheit zur zionistischen Bewegung, der Chajes mit tiefer Liebe anhing. Er, ein Pionier der Idee, ging in die zionistische Tagesarbeit hinein, und vier Jahre lang ist er auch Praesident des Grossen Zionistischen Aktionskomites gewesen. Die Fuelle der Konferenzen, an denen er teilnehmen musste, die aufreibende seelsorgerische und charitative Taetigkeit, die er ausuebte, ohne seine wissenschaftlichen Aufgaben zu vernachlaessigen, haben seine Gesundheit fruehzeitig untergraben. Vielleicht mag ihn auch seelisch betroffen haben, dass er bei der Berufung des ersten Rektors der im Jahre 1925 eingeweihten Hebraeischen Universitaet zu Jerusalem uebergangen worden ist; es heisst, dass er gern das Wiener Amt gegen eine solche Position vertauscht haette. Schliesslich versagte sein uebermaessig strapaziertes Herz. Der grosse Kanzelredner weltoffene Geist, dieser wahrhaft edle Charakter, hatte allerdings auch in diesen neun Wiener Jahren neben Anerkennung und Liebe, die er fand, Konflikte durchzustehen. Religioes - traditionell, konservativ eingestellt, sah er sich oftmals angefeindet von der in Wien einflussreichen orthodoxen Weltorganisation “Agudas Jisroel”, die scharf antizionistisch dachte, und auch von Seiten juedisch-liberaler Kreise, denen die zionistische Linie ihres Oberrabbiners nicht gefiel. Doch unbeirrt ging Chajes seinen Weg, dessen Ziel das um einen kommenden juedischen Staat geeinte, geistig - erneuerte juedische Volk war. So sollte sich die Kraft eines der besten Soehne des juedischen Volkes rasch \ erbrauchen. Doch im Geda6chtnis der Nachwelt bleibt er unvergessen, und es sind auch Hunderte von Nichtjuden unter denen gewesen, die seinem Trauerzuge folgten, waehrend die Glocken vom Stephansdom laeuteten. Unausdenkbar, was er noch haette leisten koennen, wenn ihm ein laengeres Leben vergoennt gewesen waere. Heute erinnert eine Erinnerungstafel im Vorraum des Seitenstettentempels zu Wien an den letzten grossen Rabbi dieser einst bluehenden Gemeinde. Curt Wilk Im Jahre 1933 erschien in Wien unter dem Titel "Hirsch Perez Chajes, Sein Leben und Werk” eine zweibaendige Sammlung seiner Reden und Vortraege sowie ein ausfuehrliches Lebensbild, deren Verfasser, Prof. Dr. Moritz Rosenfeld, durch lange Jahre Freund und Weggenosse des Oberrabbiners Chajes in Wien, spaeter laengure Zeit im Rahmen unserer Gemeinde als Rabbiner gewirkt hat. (Ammerkung der Red).

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