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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1967-10-01 · 10 (Octubre, 1967) · p. Seite 11

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXIX (1967)
Issue
10 (Octubre, 1967)
Date
1967-10-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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OCTUBRE 1967 BOLETIN INFORMATIVO 11 Zu einem Gedicht von Pani Celan Die Aktualitaet des Themas, seine zeitliche, uns anrufende Bezogenheit, die so eindringliche, grandios gelungene V ergegenwaertigung des Geschehens unserer Tage durch das Dichterwort — all das draengt uns, das Meisterwerk eines zeitgenoessischen Lyr i k e r s und seine wahrlich vollendete Deutung unseren Lesern zur Kenntnis zu bringen. Das Gedicht von Paul Celan veroef fen 11 i c h t e die “Neue Zuercher Z e itung” am 24. Junio 1967. Am Tage darauf liess Dr. Werner Weber, der verdienstvolle Feuilletonredakteur dieses Blattes, seine Auslegung folgen. Beide, der Dichter und sein Kommentator werden verzeihen, wenn wir gegen unsere Gepflogenheit und den allgemeinen Brauch ihr Einverstaendnis zu dies e m Nachdruck z unaechst voraussetzen. Die Redaktion DENK DIR Denk dir: der Moorsoldat von Massada bringt sich Heimat bei, aufs unausloeschlichste, wider allen Dorn im Draht. Denk dir: die Augenlosen ohne Gestalt fuehren dich frei durchs Gewuehl, du erstarkst und erstarkst. Denk dir: deine eigene Hand hat dies wieder ins Leben emporgelittene Stueck bewohnbarer Erde gehalten. Denk dir: ' das kam auf mich zu namenwach, handwach fuer immer, vom Unbestattbaren her. Ein vollkommenes Gedicht wie dieses ist nicht auszudeuten. Die nachzeichnende Sprache ist den Zeichen nicht gewachsen; ihr Deuten bleibt ein Andeuten. — Paul Celan sagt mir, das Gedicht sei am 7. und 8. Juni entstanden. Ich erinnere mich: am Mittwoch, 7. Juni, vormittags, kaempfen sich israelische Streitkraefte in die Altstadt von Jerusalem vor; am Nachmittag ertoent der Ruf des Schofar, des Widderhorns: die Juden aller Welt sollen erfahren, dass sie wieder in der Stadt Davids an der Klagemauer des Salomonischen Tempels beten koennen. Der Ruf des Widderhorns weckt die Gedanken auf. Das, was Nelly Sachs die “Qualenmeilen” genannt hat, ist ploetzlich gegenwaertig: Israel unterwegs: Im Buch “Exodus” steht: “Gedenket an diesen Tag, an dem ihr aus dem Diensthause gegangen seid, dass der Herr euch mit maechtiger Hand von hinnen hat ausgefuehrt.” Gedenket. Das ist keine beilaeufige Aufforderung. Es ist der Ruf zur Pflicht, den Lebensweg als den Offenbarungsweg zu erkennen; Erloesungswerk im Dasein der sichtbaren Gemeinschaft. “Denk dir.” So setzt es Paul Celan hin, wiederholt. Mit jedem Mal, da das Wort faellt, “Denk dir”, fallt esmitgroesserem Gewicht; man kann sagen: es faellt in groesserer Erfuellung. “Denk dir: / der Moorsoldat von Massada / bringt sich Heimat bei...” Im Jahr 1935 ist das Buch erschienen, in welchem Wolfgang Langhoff ueber seine Erfahrungen im Konzentrationslager Beorgermoor Bericht erstattet. Das Buch heiss: “Die Moorsoldaten”. Es erzaehlt Leiden der Häftlinge. Langhoff schreibt: “Hundert Mann in Hemden. So, als waere es eben geschehen, sehe ich die Kameraden vor mir. Das endlose dunkle Moor... der Stacheldrahtwall, das Mondlicht und die dunkle Baracke”. Moorsoldaten; in dem Wort sind die Erinnerungen an alle Scheusslichkeiten zusammengenommen, denen Haeftlinge ausgesetzt waren und ausgesetzt sind. Doch nun: "der Moorsoldat von Massada”. — Die Sprache des Erinnerns arbe itet schrankenlos in der Zeit. Massada liegt ihr so nah wie jeder Gegenwartspunkt. Massada” heisst Felsen’festung. “Masada” heisst im besondem die Festung auf dem schwer zugaenglichen Fels, von dem der Blick ueber die Strandebene zum Toten Meer hin frei ist. Herodes hat das Werk bis ins letzte ausgebaut. Der Forscher Adolf Schulten sagt: “Die eigentliche Geschichte von Massada ist kurz. Sie beginnt mit Herodes und endet hundert Jahre spaeter mit dem tragischen Ende seiner letzten Verteidiger, das zugleich ihr wichtigstes Er e i g n i s darstellt.” Josephus erzaehlt dieses wichtigste Ereignis: Kampf der Roemer unter Flavius Silvus gegen die Sikarier unter Eleazar, dem Nachkommen von Judas Galilaeus. Als Eleazar sab, dass Massada nicht mehr zu halten war, trat er vor die Besatzung und ueberzeugte sie, dass der Tod, den man sich gegenseitig gebe, beser sei als der Tod. den die Feinde bringen wuerden. Josephus erzaelilt: “Und schliesslich fand sich keiner, der sich dem furchtbaren Entschluss nicht gewachsen gezeigt haette, sondern alle mordeten ihr Liebstes voller Schmerzen ueber die bittere Notwendigkeit, Weib und Kind zu toeten, weil der Tod von ihrer Hand das geringste der Uebel war... So starben 960 Juden, Weiber und Kinder eingerechnet. Und diese Tragoedie ereignete sich am 15. des Monats Xanthikos“ Es war der 15. April des Jahres 73. Noch einmal: das Erinnern arbeitet schrankenlos in der Zeit. Zum Sprachvermoegen des Erinnerns gehoert die Fuegung “der Moorsoldat von Massada”. In ihr ist Allgegenwart von Leiden, Kraft zum Tod, Glauben an die Erwaehlung — und in dem allem brachte und bringt sich Israel “Heimat bei”. Der Leidensweg ist Erloesungsweg: “wider allen Dorn im Draht”; durch nichts zu hin. dern. “Wider allen Dom im Draht”; da wird “Stacheldraht” vom Material zur Zeichengruppe, in welcher die Sprache streng sparend den Bericht von Bedraengnis und Muehsal gibt. Leidensweg ist Erloesungsweg. “Denk dir”: Nichts geht verloren. Gelebtes Leben aus Jahrtausenden muendet ins Gegenwaertige; der Geist der Uralten, der Alten und der Naehern lebt im Jetzt-Geist. Leidensweg, Erloessungsweg. Und das heisst nun: ein Weg des Staerkerwerdens; des Starkgenug - Werdens fuer die verheissene Heimat. “Du erstarkst und erstarkst”. Und jetzt laesst die Sprache die Pause nach dem “Denk dir” nicht mehr so gross hingehn. Das, was zu Sprache kommen will, drgengt heran- “Denk dir: deine”. Und nun sucht jedes Wort einen ausgezeichneten Ort" im Rhythmus; jedes Wort wird gegen seinen schwersten Sinn ausgewogen:: “dein”, “eigen”, “dies”, “wieder” — selbst was beilaeufiges Sprachgut sein koennte, wird im Rhythmus Ereignis neben Ereignis, so, als kaemen Woerter zum erstenmal zu ihrem vollen Sinn. Dieser von Ueberwaeitigung bestimmte Rhythmus bricht das Wort “emporgelitten” in Stuecke; “empor”, “gelitten” — das ist die Chiffre fuer die Erfuellung, der ein Leidensweg ist; Chiffre fuer die Erfuellung, welche den Verlust in sich birgt; und fuer den Verlust, welcher die Erfuellung verheisst. Chiffre fuer das Mysterium vom Leiden Israels. Ist das Du, welchem das “Denk dir” gilt und das angesprochen ist (“fuehren dich frei durchs Gewuehl, du erstarkst”; “deine eigene Hand) ist es Israel? Aber dann die Wendung zuletzt: “Denk dir: das kam auf mich zu...” Da wird dein ich jenem Du verbunden. Das “Denk dir” faechert sich auf in “erinnere dich”, “stell es dir denkend, gedenkend her”; und es faechert sich auf in (Fortsetzung Seite 12) -^ KUNST UND LITERATUR DER MALER Wir sassen zusammen und sprachen ueber den Maler Julo Levin: der Intellektuel le aus Nigeria, die Krankenpflegerin aus Trinidad und Mrs. Else Levin, die Schwester des Kuenstlers, eine Emigrantin aus Deutschland. Das Fenster des Zimmers gewaehrte Sicht in eine der schier endlosen Strassen Londons; liess man den Blick zurueck durchs Zimmer schweifen, traf er auf Zeichnungen und Gemaelde eines schoepferischen Mannes, der vor 66 Jahren in Stettin geboren wurde. Doch* er,—lieber den wir uns unterhielten und dessen Bilder wir betrachteten, lebt nicht mehr. Die Spur seines Lebens endet am 17. Mai 1943. Damals, als ein Gueterzug den Berliner Bahnhof Putlitzstrasse verliess - Richtung Auschwitz. Nach 1933 riet Julo Levin anderen zur Emigration aus Deutschland und half ihnen dabei. Er selbst verwarf den Gedanken an Flucht, sah seine Aufgabe darin, verfolgten juedischen Glaubensgenossen zu helfen; “Hier bin ich hingestellt, hier muss ich mein Werk tun”. Das Gedenken an diesen Mann verbindet Ueberlebende, sei es in England, Israel oder Deutschland. In Duesseldorf wohnt die Physiotherapeutin M i e k e Mönjau, Witwe des im KZ Buchenwald ermordeten Malers Franz Monjau, der ein Mitschueler und Freund Levins war. Ihr ist zu danken, wenn es heute ueberhaupt noch in groesserer Zahl Werke Julo Levins gibt. Denn als nationalsozialistische Schergen auf Raub ausgingen, die Museen pluenderten und Kunstwerke an den Pranger stellten, da rettete sie Levins Schoepfungen unter Lebensgefahr. Frau Monjau stellte die Bilder und Kunstmappen — in Matratzen versteckt — bei Spediteuren unter, schaffte sie zu Freunden, zu Bauern und Fischern. Dennoch ging, als die Bomben fielen, auch vom Geretteten noch manches verloren. Vielleicht waere die Erinnerung an den Kuenstler Levin heute ausgeloescht, wie an so viele, die umgebracht wurden und dem Vergessen anheimfielen. Doch unermuedlich arrangiert die Nachlassverwalterin seit dem Jahre 1946 Ausstellungen in Deutschland und in Israel. Das Leben Julo Levins begann hoffnungsvoll: Bereits als kaufmaennischer Lehrling besuchte er in den Jahren 1917 bis 1919 Abendkurse der Stettiner Kunstschule, dann ging er an die Kunstgewerbeschule in Essen, spaeter nach Muenchen und Duesseldorf. Er wurde Schueler von Thorn-Prikker und Caihpendonck, schliessl ich Meisterschueler von Profes- JULO LEVIN Von Joachim Hemmerle sor Nauen; wirkte als fuehrendes Mitglied des Jungen Rheinland, stellte unter anderem in Muenchen, Berlin und Stettin aus. Im Jahre 1928 besuchte Slement Morro fuer die Zeitschrift “La Revue Moderne” (Paris) eine Ausstellung in Hannover und vermerkte ueber den 27 jaehrigen Levin: “Er hat seine besten Geisteskraefte noch nicht preisgegeben. Eine Zeit wird hoffentlich recht bald kommen, in der Julo Levin Gelegenheit finden wird, sich voll und ganz auszudruecken, zu diesem Zeitpunkt werden wir mit einiger Ueberraschung sehen, dass er seine Meister und Vorgaenger auf dem von ihnen vorgezeichneten Weg bereits ueberholt hat, dass er zum Wegbereiter berufen ist”. Wer ahnte, dass Julo Levin nur noch wenige Jahre bleiben wuerden? Als Nachexpressionist suchte er in dieser kurzen Zeitspanne neue Formen. Er vereinfachte den Gegenstand, doch gab ihn nicht auf. Mit zunehmender Sicherheit liess er das Wesentliche seines Sujets durch maechtige Pinselstriche hervortreten, gestaltete er Menschen, Tiere und Landschaften. Zu einem Hoehepunkt wurde ein halbjaehriger Aufenthalt in Marseille. Hier lebte er mit Intensitaet und Entdeckerfreude, ueberwaeltigt von den neuen Eindruecken, den Farben, den Lichtern. Sind seine Stettiner Hafenbilder von der Schwere des europaeischen Nordens beeinflusst, so dienen ihm leuchtende Farben zur Gestaltung von Menschen, Schiffen und Haefen des Mittelmeeres. Man muss diese Farben gesehen haben, um Levin wuerdigen zu k o e n n e n. Die schwarzweissen Wiedergaben sind unzulaenglich, verfaelschen fast schon die Wirklichkeit, wenngleich die Pinselfuehrung gerade in solchen Reproduktion hervortritt. In Marseille entstand eines der liebenswertesten Bilder Levins, das Portraet mit dem Titel “Mein Freund Ibrahim”. Die geistig-seelische Sphaere des Kuenstlers offenbart sich in der Darstellung eines auf seinen Armen ruhenden Negers in besonderem Masse. Nur wenige Jahre nach der gluecklichen Zeit in Suedfrankreich begann das Leiden, begann der Weg in den gewaltsamen Tod. Julo Levins Werk, aber auch sein Handeln, wurde durch soziale Verantwortung gepraegt. 1933 verhafteten ihn die Nazis unter dem Verdacht, Emigranten beguenstigt zu haben. Zugleich verhaengten sie Terrormassnahmen. Der Maler erhielt (Fortsetzung Seite 12)

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