Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIX (1967)
- Issue
- 5 (Mayo, 1967)
- Date
- 1967-05-01
- Page
- Seite 22 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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22 BOLETIN INFORMATIVO MAYO 196? DER ZIONISMUS UND DER MD DER NE MENSCH ♦ Deutschlands unter Anleitung Martin Bubers und des Professors der Universitaet Jerusalem Ernst Simon, ein Erwachsenen- Bildungswerk aufgebaut, das natuerlich zwangslaeufig und sehr bald der Barbarei zum Opfer fallen musste. Aber es hat in den wenigen Jahren seiner Existenz grossartige Arbeit geleistet. Wenn es damals moeglich war eine Atmosphaere zu schaffen, in der sich juedische Erwachsene wieder hinsetzten, um zu lernen, um grosse Luecken in ihrem Wissen zu schliessen, in Kursen, in kleinen Zirkeln, allein oder auf grossen zentralen Zusammenkuenften, sollte es doch auch in einer ganz anderen, in einer ruhige Atmosphaere, wo weder die Berufnoch die persoenliche Existenz der Lernenden staendig gefaehrdet erscheinen, moeglich seih, vielleicht zunaechst nicht die gleiche Intensitaet und die gleiche Bereitschaft, aber immerhin einen Anfang auf diesem Gebiet zu wagen. In den Bibliotheken in den juedischen Haeusern sind in den vergangenen Jahren die juedischen Buecher ganz in den Hintergrund getreten. Es gibt bereits viele juedische Familien, besonders der juengeren Generation, in denen ueberhaupt keine juedischen Buecher vorhanden sind. Es muesste moeglich sein, in diesem Kontinent einen “Juedischen Buchklub'' zu schaffen, der in enger Zusammenarbeit mit den bereits bestehenden Verlagen in der Lage waere, regelmaessig juedische Buecher zu billigen Preisen ins juedische Haus zu liefern. Es sollte sich auch als ein unumgaengliches Muss durchsetzen, zu Barmitzwoth, Verlobungen und Hochzeiten, aber auch zu den vielen anderen Anlaessen, die heute so gerne gefeiert werden, juedische Buecher zu schenken. Ein junges Ehepaar wuerde gewiss von einer ihm so auf einmal uebermittelten Bibliothek oder zumindest von dem Ansatz zu einer juedischen Hausbibliothek gröess e r e n Nutzen ziehen, als von unzaehligen Kristalischuesseln, Aschenbechern und dergl. (Nebenbei: Wenn es einen solchen Buchklub schon frueher gegeben h a e t t e, wuerden wir heute nicht vor der betrueblichen Tatsache stehen, dass der erste Nobel- Preistraeger Israels, Agnon, in diesem Kontinent bisher nahezu unbekannt war, weil seine Werke oder zumindest einige seiner Buecher bisher nicht ins Spanische uebersetzt wurden). Auch an das Lernen der hebraeischen Sprache sollte man sich wieder heranwagen, all die Vielen, die vor einer langen Reihe von Jahren bereits einmal den Versuch unternommen haben, sollten sicn von frueheren Rueckschlaegen nicht beirren lassen, aber auch alle jene, die erst spaeter Interesse fuer die moderne juedische Renaissance - Bewegung'und ihren bedeutungsvollsten Ausdruck, die neue Realitaet Israels, gewonnen haben. Das reale Ziel eines jeden Zionisten sollte es sein, sich in absehbarer Zeit an die Lektuere der hebraeischen Presse heranwagen zu koennen, ein Ziel, das mit ein wenig Energie und Ausdauer auch von Erwachsenen erreicht werden kann. Damit wuerde er sich neue und sehr ergiebige Quellen der Information ueber Israel, das Judentum in aller Welt und nicht zuletzt auch den Zugang zu den literarischen Schaetzen seines Volkes erschliessen. Es gibt heute, im Zeitalter der hochwertigen Stereo- und Tonbandreproduk t i o n e n, mehr Moeglichkeiten denn je, juedische Musik und besonders die sichtlich an Zahl zunehmenden modernen israelischen Volkslieder ins juedische Haus zu bringen auch der guten juedischen Musik einen Ehrenplatz in allen juedischen Veranstaltungen und Festen einzuraeumen. Der vorgeschlagene “Juedische Buchklub’’ koennte gewiss auch mit grossem Erfolg und in beachtlicher Zahl regelmaessig Gramophonplatten mit israelischer und juedischer Musik herausbringen. FORMEN UND RITEN Der juedische Mensch von Heute ist zwar in seiner Mehrheit skeptisch gegen leere oder leer gewordene Formen und Riten jeder Art, aber er schaetzt trotzdem sehr den Wert von Zeremonien, die ihn ueber den grauen Alltag erheben und eine warme Atmosphaere auch bei sich zu Hause zu schaffen vermoegen; in der er aufhoert, ein loses Blatt zu sein, das von jedem Windhauch aufgewirbelt werden kann; eine Atmosphaere, in der er sich vielmehr als ein Teil eines grossen Stammes fuehlt, der tief im Bereiche der Geschichte wurzelt und dessen Gipfel weit in die Zukunft weisen. Durch Jahrhunderte hindurch haben juedische Familien jeden Freitagabend beim Scheine der beiden Sabbatlichter immer wieder von Neuem dieses warme geschichtliche Zusammen gehoerigkeitsgefuehl erlebt. Das Anzuenden der Kerzen am Freitagabend hat auch im Israel von Heute sich bis tief in die nichtreligioesen Kreise durchgesetzt. Diese Sitte sollte auch in der Diaspora in jedem zionistischen Haus erneuert werden. Ueber das schoene Symbol hinaus wird der Schein der Kerzen die Familien regelmaessig vereinen und an ihr Judentum erinnern. Vom regelmaessigen Anzuenden der Kerzen bis zu einer wirklichen Festgestaltung der Freitagabende im Rahmen der Familie wird es dann keine allzu grosse Entfernung mehr geben. Die zionistischen Frauenorganisationen haben hier ein weites Feld, um besonders ihre juengeren Mitglieder anzuleiten und ihnen die Mittel und das Wissen zu geben, selbst den Freitagabend ausgestalten zu koennen. Kinder und Jugend liehe, die sehr viel Sinn und Vorliebe fuer aesthetische Formen und Riten haben, werden dann bald herausfinden, dass ihnen hier etwas zu Hause geboten wird, was ihnen niemand sonst geben kann. Der Freitagabend kann zum permanenten zionistischen Erlebnis einer ganzen Generation werden: durch das Anzuenden der Lichter, durch einen feierlich gedeckten Tisch, durch das Singen juedischer Lieder, durch Darbietungen juedischer Musik, durch gemeinsame Lektuere von lesenswerten Nachrichten und Artikeln aus der juedischen Presse, durch die gemeinsame Lektuere und die Besprechung juedischer Buecher. Das sind nur einige Winke, wie auch der moderne juedische Mensch fuer sein Judentum interessiert werden koennte. ISRAEL UND DER MODERNE JUDE Aber auch Israel selbst, das seinen gewaltigen Aufgaben nur gewachsen sein wird, wenn ein staendiger Zustrom von Menschen die Kraefte ins Land fuehrt, die eine wachsende Wirtschaft mit beachtlichen technokratischen Aspirationen benoetigt, muss daran interessiert sein, nicht den Kontakt zu den modernen juedischen Menschen in aller Welt zu verlieren, die nicht durch die Schule des juedischen Leids gegangen sind, ueber denen nicht staendig das Damoklesschwert eines dumpfen und rabiaten Antisemitismus hing, die nicht aus einem juedisch-bewussten Milieu kommen, die nicht Kinder der Aufstiegsepoche des Zionismus gewesen sind. In der sich von Jahr zu Jahr vergroessernden Masse der jungen juedischen Intelligenzler auch in diesem Kontinent - der Mediziner, Ingenieure, Elektr o n i k e r, Chemiker, Architekten und alle verwandten Berufewird nicht wenige gerade die Chance anziehen, in einem Lande sich bewaehren zu koennen, das noch nicht bis ins Letzte entwickelt, das noch unfertig ist und wo es noch etwas zu leisten gibt, was ueber den einzelnen hinaus neue geschichtliche Tatsachen schafft. Hier erwartet ihn echte Befriedigung: Befriedigung ueber die unproblematische Freiheit als Jude ohne irgendwelche Hemmungen in Wuerde und Selbstachtung leben zu koennen, aber auch die Befriedigung als denkender und strebender Mensch, der irgendwo in sich das Verlangen spuert, nicht nur zu leben, sondern auch sinnvoll zu leben. Wir duerfen ihm jedoch keineswegs Israel als idealisiertes Wunder- und Traumland vorstellen, in dem alles besser, schoener und leichter ist als in der uebrigen Welt, dessen Bewohner durchweg unfehlbare Idealisten oder nahezu Engel sind und das ein Leben in ewiger Sorglosigkeit, Freude und Genuss garantiert. Ein solches Israel gibt es nicht. Es waere zu schoen, um wahr zu sein, aber auch zu glatt, zu saturiert und unproblematisch, um dem modernen Menschen noch ein besonderes Interesse abgewinnen zu koennen. Wir sind noch lange nicht fertig und haben noch sehr viel zu lernen, um mit der technologischen Revolution Schritt halten zu koennen. Aber gerade das Unfertige, die Luecken, die noch auszufuellen sind, diebunte und bewegte soziale Problematik, der Schrei nach einer permanenten Initiative und immer neuen schoepferischen Leistungen sind es, die den an Neuerungen und an Loesungen interessierten modernen Menschen anziehen und aus seiner anscheinenden Desinteressiertheit hervorzulocken vermoegen. Wer einmal ernsthaftes Interesse an seiner eigenen Gemeinschaft geno m m e n hat, an der Geschichte und dem Schicksal seines Volkes, an seiner Kultur, an seinem Folklore, wird gewiss auch eine andere Beziehung zur juedischen Gegenwart gewinnen. Er wird das juedische Problem, d. h. das Problem der juedischen Existenz und der juedischen Kontinuitaet von nun an mit ganz anderen Augen betrachten und eher geneigt sein, die Zeichen der Zeit zu verstehen und auch auf sich selbst zu applizieren. Er wird die Geschichte nicht mehr als eine Art Wuerfelspiel auffassen, bei dem es in die Haende des Einzelnen gelegt erscheint, allerlei Zugehoerigkeiten vor sich auszustreuen und sich dann nach eigenem Belieben jene auszuwaehlen, die ihm gerade unter seinen gegenwärtigen besonderen Bedingungen am besten behagt oder ueberhaupt auf jegliche verbindliche Zugehoerigkeit zu welcher Gemeinschaft auch immer zu verzichten. Eine intensivere Kenntnis der juedischen Geschichte und Kultur, eine Identifizie.- rung mit der juedischen Vergangenheit wird auch den Sinn fuer das zukuenftige Wesen des juedischen Schick sals schaerfen. Wer sich des grossen juedischen Beitrags zur menschlichen Kultur bewusst wurde, wird auch in der kuenftigen Entwicklung unseren spezifischen Beitrag nicht missen wollen. Wer das stolze und heroische Ringen des juedischen Volkes um seine physische Exi stenz durch ungezaehlte Generationen hindurch verfolgte, wird nicht zum Schlüsse die Rolle des Totengraebers dieses Volkes uebernehmen und den grossen Traum der Hitlers aller Zeiten zu verwirklichen helfen wollen, nachdem selbst dem aergsten unter ihren sein satanischer Plan misslungen ist, naemlich uns aus der Geschichte auszuloeschen. Wenn es uns gelingt den modernen juedischen Menschen - zugegeben, mit vielen Anstrengungen - bis zu diesem Punkte zu bringen, dann wird er auch bereit sein, sich mit der juedischen Zukunft zu identifizieren. Er wird ebenso wie seine Ahnen und Urahnen ein neues Glied jener alten Kette sein wollen. die durch Jahrhunderte reicht, und der allein er es zu danken hat, dass er und wir alle unsere heutige geachtete Stellung in der Welt einnehmen. Die Hauptsache ist, nicht resigniert den Versuch aufzugeben, an diesen kuehlen, mit einem anscheinend undurchdringlichen Panzer des Desinteressements geschuetzten modernen juedischen Menschen heranzükommen. DER NEURALGISCHE PUNKT Es gibt eine Legende von der Prager Altneuschul, der heute aeltesten Synagoge Europas, die aus dem XIII. Jahrhundert stammt und als eine der wenigen Synagogen der Welt im gotischen Stil gebaut wurde. Dieser Sage zufolge soll beim Bau der Synagoge in einen der Hauptstuetzpfeiler ein Stein von den Resten des II. Tempels in Jerusalem eingebaut worden sein, der eine besondere Eigenschaft besitzt. Findet man, der Sage zufolge, diese Stelle und beruehrt sie, dann beginnt der ganze grosse Bau zu zittern. Es scheint —und das hat uns nicht unsere eigene Erfahrung, sondern auch die moderne Psychologie gelehrt— auch im Menschen solche neuralgische Stellen zu geben. Werden sie beruehrt, d.h. wird er an jenem empfindlichen Punkte seiner Seele angesprochen, dann tritt seine Gleichmut, sein Desinteresse und sein seelischer Widerstand zurueck und er ist von neuem aufgeschlossen : auf geschl o s s e n meistens fuer Neues, Grosses und Wertvolles, das auch sein Interesse einfangen und ihn fuer neue Aktivitaeten zu interessieren vermag. Ein Volke mit einer solchen Geschichte, mit solchen Leistungen und mit solch grossen Aufgaben und Chancen, wie dem juedischen Volk, sollte es in einem soL chen Momente nicht schwer fallen, dieses einmal geweckte Interesse zu befriedigen. Es gibt ohne Zweifel in unserer heutigen juedischen Welt nur eine Kraft, die diese Wendung beim einzelnen Juden herbeizufuehren vermag und die gleichzeitig in der Lage ist, ihm dann einen Inhalt zu geben, der seinem neu erwachten Interesse entspricht. Diese Kraft ist, wie in der Vergangenheit so auch heute, der Zionismus. Aber nur ein Zionismus, der sich diese Aufgabe stellt, wird kraft einer solch bedeutsamen Funktion und Leistung mit Recht seine Fuehrerrolle im juedischen Volk beanspruchen duerfen.