Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIX (1967)
- Issue
- 5 (Mayo, 1967)
- Date
- 1967-05-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/8553624-8559960-9195070--5137-8560056- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
20 BOLETIN INFORMATIVO MAYO 1967 stige Interessen gibt, wenn er sieh fast'in seiner gesamten Freizeit mit seinen Partnern trifft. Welches Vorbild kann er fuer seine Kinder bilden, wenn er gamicht erst den Versuch unternimmt, mit der geistigen Entwicklung der Welt Schritt zu halten und wenn sie ihn mit ihren modernen Kenntnissen bereits ln sehr jungen Jahren ueberfluegeln? Was kann er ihnen an Juedischkeit mit auf den Weg geben, wenn seine Vorratskammer hier fast leer geworden ist und wenn er nicht einmal die Notwendigkeit spuert, sie wieder aufzufuellen, wenn er buchstaeblich unseren groessten Reichtum, naemlich unsere geistige Potenz verspielt? Einen grossen Teil dieser aelteren Generation bindet an das Judentum oft nicht viel mehr als eine Art Traegheitsgefuehl, eine meist ziemlich farblose Mischung von Erinnerung und Respekt vor dem Judentum ihrer Eltern und Grosseltern. Aber das Traegheitsgesetz der Materie hat seine unbestrittene Gueltigkelt nur in den Gefilden der Mechanik, waehrend ihm die junge und moderne Generation keinen Platz mehr in Ihrer Gefuehls- und geistigen Welt einraeumen will. Auch ihr Verhaeltnis zum Judentum unterliegt zumeist ganz anderen Kriterien. Wenn man von ihr lediglich verlangt, Respekt fuer den Respekt ihrer Eltern zum Judentum der Grosseltern aufzubringen, dann ist die Basis dieses Judentums zu klein und sein Inhalt zu armselig, als dass sie noch den geistig regsamen jungen Juden von Heute ansprechen koennten. DIE ZWEITE GENERATION Wie steht es jedoch um die zweite, dem Schul- und Hochschulalter bereits entwachsene juedische Generation von Heute? Wie ist es um ihren juedischen Standort bestellt? Auch hier wollen wir zunaechst die Haltung dieser Generation im Allgemeinen betrachten, bevor wir den Rueckschluss auf diese junge juedische Generation zwischen 20 und 40 Jahren ziehen. Es ist eine Binsenweisheit, dass sich die Welt von Heute im Umbruch befindet und dieser Umbruch sich im Zeichen einer technologischen Revolution vollzieht, die unser Leben schneller veraendert, als jede andere gesellschaftliche Wandlung bisher. Die aelteren Generationen koennen diese sich in einem rapiden Tempo vollziehende Metamorphose nur mit Muehe geistig erfassen. Der Mensch unserer Zeit ist im Begriffe, in neue, unbekannte Welten zu dringen, naehert sich den Sternen und dem Monde und wird von dem blossen Gedanken fasziniert, nicht nur neuen Raeumen sonder auch neuen Lebewesen zu begegnen. Er hat bereits ein Tor in Raeume geoeffnet, wo sich DER ZIONISMUS UND DER MODERNE MENSCH ihm nicht nur ein Ausolick in unbekannte Welten bietet, mit Chancen, wie sie keiner seiner Ahnen je besessen hat, aber er steht zugleich aucn fassungslos und bestuerzt vor den unerhoert gefahrvollen Quellen seiner Macht. Diese Entwicklung muss den modernen Menschen, der sich Gedanken ueber den moeglichen Gang einer kuenf t i g e n Entwicklung macht, sehr nachdenklich stimmen. Er ist zwar voller Bewunderung fuer die grossen Errungenschaften der Technokraten und Astronauten aber er weiss auch sehr wohl, dass die menschliche Gesellschaft von Heute eigentlich noch mehr “Astronauten'’ fuer die bereits genuegsam bekannte Erde, fuer die Gefilde der bekannten und unbekannten Probleme auf dieser Erde benoetigt. Hier warten noch immer unzaehlige grosse und kleine ungeloeste Aufgaben des menschlichen Alltags auf ihre Loesung. Aber auch die Technokrate - das haben wir schon vor langem bei Chaim Weizmann gelernt — wird nur dann sinnvoll wesentliche wissenschaftliche und auch soziale Probleme loesen koennen, wenn ihre Triebkraefte serioese historische Ideen sind und ln einer menschlich verantwortungsvollen Atmosphaere zum Einsatz gelangen. Der moderne Mensch sieht sich jedoch auch oft ganz unerwartet und fassungslos mit einem anderen Problem konfrontiert. Trotz des gehobenen Lebensstandards und des auf allen Gebieten nach vorwaerts draengenden technischen Fortschrittes bereitet sich heute im Leben der meisten Menschen eine beklemmende Leere aus. Der Einzelne fuehlt sich trotz der Vermassung, in die auch sein Leben immer wieder einbezogen wird, verlassener denn je gegenueber einem Weltgeschehen, das wie eine unaufhaltsame Lawine auf ihn zurollt und ihn, und den groessten Teil der Menschheit in einen. Abgrund zu schleudern droht, dessen Schrecken die fantasievollsten Visio n e n uebertreffen duerften. Die natuerliche und erloesende Reaktion auf diesen Zustand muesste ein umso intensiveres Suchen nach einem Standort sein, wo der Mensch nicht passives Objekt dieser wild gewordenen Kraefte, sondern schoepferischer Gestalter seiner neuen Kenntnisse ist. Aber statt diesen schwierigen, weil unbekannten Weg zu waehlen, fluechten viele — und unter ihnen nicht wenige Intellektuelle — in die seichten Gefilde eines totalen Eskapismus, in einen Vergnuegungsbetrieb, in ein Narrenparadies, in dem es keine dunklen Wolken, keine Konfrontation mit den grossen Problemen unseres Alltags und den nicht minder ernsten Verheissungen und Gefahren der Zukunft gibt. Der fruehere Pressesekretaer des Praesidenten Johnson, Bill Moyers, legte die gleiche Problematik als eines der Hauptprobleme der Tntellektuellen der USA dar. Auch ihre Alternative lautet: passiv zuschauen oder aktiv Anteil nehmen. Und Moyers erinnerte sie, etwas unsanft, daran, dass das Wort “Idiot” dem griechischen Sprachbereich entnommen ist und dort nicht mehr, aber auch nicht weniger bedeutet als einen Menschen, der nicht am oeffentlichen Leben Anteil hat. EIN ZUSAETZLICHES FRAGEZEICHEN Der moderne juedische Mensch jener Altersschichten, die praedestiniert erscheinen, die Haupttraeger der Entwicklung zu sein, ist ueberall in der freien Welt mit dieser Problematik konfrontiert, die noch unter einem zusaetzlichen Fragezeichen steht, naemlich der Frage nach seiner juedischen Identitaet und seiner Zugehoerigkeit zur juedischen Gemeinschaft, ein Fragezeichen, das, gross oder klein, nahezu automatisch in das Leben jedes Einzelnen hineinreicht. Er ist heute durchweg ein Nutznlesser des Phaenomens der geographischen Zerstreuung seines Volkes. Die Geographie hat durch 2000 Jahre hindurch eine schicksalshafte Rolle im Leben des juedischen Volkes gespielt. Sie hat uns oft grosses Unglueck gebracht, weil in entscheidenden Momenten wesentliche Teile unseres Volkes in den aktuellen Gefahrenzonen siedelten und so Opfer unserer spezifischen geographischen Situation wurden. Zugleich jedoch hat die permanente Migrationsbeweg u n g auch wiederum grosse Teile des juedischen Volkes rechtzeitig ausserhalb jener Gefahrenzonen konzentr i e r t und sie dadurch vor einem boesen Schicksal bewahrt. Diese geographische Situation ist heute besonders guenstig fuer uns. Die ueberragende Majoritaet unseres Volkes lebt zur Zeit in jenen Teilen der Weit, die in einem demokratischen Rahmen eine bereits lange andauernde wirtschaftliche Prosperitaet erleben. Noch nie in der juedischen Geschichte ist es einem so grossen Teil unseres Volkes materiell so gut gegangen! Vergessen wir jedoch nicht: noch zur Zeit unserer Grossvaeter waren die Juden ein sehr armes Volk, aus dessen Reihen zwar, weithin sichtbar, einige ganz grosse Finanz- und Wirtschaftsmagnaten herausragten — aber die Masse lebte in den grossen Zentren der juedischen Konzentration in den duerftigsten Verhaeltnissen. Das gilt fuer die Mehrheit der europaeischen und der orientalischen Gemeinden und auch fuer einen hohen Prozentsatz der juedischen Immigranten in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts nach ihrer Ankunft in den Ueberseegebieten. Die juedische Literatur, juedlsches Folklore, vor allem jedoch der juedische Witz jener Epoche hat fast ausschliesslich die juedische Armut zum Subjekt. Auch die typisch juedischen Speisen sind die eines armen Mannes. Die Besserung der allgemeinen oekonomischen Lage hat in grossen Teilen der Welt auch der Judenfrage die bisherige Schaerfe genommen. In einer Welt, in der es einen empfindlichen Mangel an qualifizierten Arbeitskraeften gibt und in der die meisten nationalpolitischen Probleme bereits ihre Regelung fanden, hat auch einer der gefaehrlichsten Herde fuer das Aufflammen des Antisemitismus von anno dazumal, naemlich die Sorge der heranwachsenden nichtjuedischen Intellektuellen — Generation um ihre berufliche Zukunft, seine einstige Explosionskraft eingebuesst. Die jungen Aerzte, Ingenieure, Architekten und Technokraten werden heute ohne besondere Schwierigkeit von einer staendig sich ausweitenden Industrialisierung und dem immensen Bedarf der wachsenden Wirtschaft und des nicht minder in Entwicklung begriffenen Wohlfahrtsstaates an gebildeten und fuer alles Neue aufgeschlossenen Administratoren absorbiert und brauchen nicht mehr die Konkurrenz ihrer jungen juedischen Kollegen zu befuerchten. Und in einer Welt, in der liberales Gedankengut wieder gesellschaftsfaehig geworden ist und in der zur gleichen Zeit der Lebensstandard gerade dieser Schichten immer hoeher ansteigt, verblassen gar manche Grenz- und Scheidelinien, die frueher sichtbare oder unsichtbare Ghettomauern auch um den Lebensbereich der jungen juedischen Generation im Westen gezogen hatten. Der moderne juedische Mensch der zweiten Generation ist darum neben der allgemeinen, frueher geschilderten Zeiterscheinung, die auch seinen nichtjuedischen Altersgenossen in der Regel Gemeinschaftsbetaetig u n g so unattraktiv erscheinen laesst, noch einer zusaetzlichen zentrifugalen Kraft ausgesetzt, die ihn in vielen Faellen ohne besondere Schwierigkeit von seiner eigenen Gemeinschaft hinwegfuehrt. Er wird sich umso leichter und mit einem umso groesseren Gusto dieser Flucht in das Schneckenhaus seiner materiellen und geistigen Bequemlich k e i t, Zerstreuung und Müsse hingeben, wenn die juedische Substanz seines Elternhauses bereits so mini"- mal war, dass sie ihm nur wenig geben und darum auch nur ganz wenig, wenn ueber haupt, zu beeinflussen vermochte. ANALPHABETEN IN JUDAICIS All das vorausgesetzt, ist; trotzdem immer wieder •staunlich, mit welcher Selbstverstaendlichkeit viele von ihnen, auch wenn sie ansonsten In allen anderen Bereichen intellektuell ueberaus anspruchsvoll sind, in judaicis nahezu als Analphabeten bezeichnet werden muessen; dass sie sich damit begnuegen, sehr wenig, wenn ueberhaupt irgendwel che Kenntnisse der hebraeischen Sprache zu besitzen und von der juedischen Geschichte meist nicht viel mehr als der durchschnittliche Nicht jude wissen, waehrend sie in der Kenntnis der Probleme der juedischen Soziologie in der Regel nicht ueber die elementarsten Anfaenge hinaus gelangt sind. Hier und heute hat die alte klassische Formel Theodor Herzls, “der Zionismus ist die Rueckkehr zum Judentum vor der Rueckkehr ins Judenland” wieder ihre volle Gueltigkeit und Aktualitaet erlangt. Der Mensch neigt immer wieder dazu, wie vor vielen Jahren der zionistische Historiosoph Josef Kastein darlegte, sich auf seinen eigenen Traegheitspunkt zurueckzuzlehen. Erst wenn seine Festung der Traegheit und Beharrlichkeit angegriffen wird, wenn ihn das Schicksal anpackt, wenn seine Sicherheit bedroht erscheint oder wenn der behagliche Kreislauf des Verdienens und Geniessens in Unordnung geraet, dann erst beginnt er zumeist nachzudenken. Unser zentrales Problem diesem modernen Menschen gegenueber scheint demnach darin zu bestehen, ihn dazuzu bewegen, einmal auch etwas frueher oder unter anderen Umstaenden nachzudenken zu beginnen und Mittel und Methoden aufzufinden, um den Zauberkreis seiner Apathie gegenueber seiner eigenen Gemeinschaft zu durchbrechen. Es gibt einen Weg, auf dem man, wie mir scheint, dieses Kunststueck zuwege bringen kann: das Erlebnis: Ein starkes Erlebnis — und nicht nur das Erlebnis einer dumpfen feindlichen Macht und einer persoenlichen Gefahr, sondern auch ein geistiges und nicht selten ein sentimentales Erlebnis — hat oft schon dieses Wunder zuwege gebracht. In den Dreissiger - Jahren, in der Zeit des Aufstieges Hitlers, und dann angesichts der fuerchterlichen Katastrophe, gab es nicht nur in Europa, sondern auch in den anderen nicht unmittelbar bedrohten Erdteilen Hunderttausende, die neuerdings oder gar zum ersten Mal die Situation des juedischen Volkes und ihre eigene zu betrachten und zu analysieren begannen und sich dann zu einer radikalen Wendung in ihrer Haltung zum Judentum durchrangen'. Wir wollen jedoch gewiss nicht auf eine Wiederkehr oder das Auftauchen einer aehnlichen “Chance” spekulieren, sondern an Erlebnisse ganz anderer Art denken, die genug