Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIX (1967)
- Issue
- 5 (Mayo, 1967)
- Date
- 1967-05-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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MAYO 1967 BOLETIN INFORMATIVO 19 Der Zionismus und der Mensch Von Dr. Uri Naor Der folgende Beitrag ist die Uebersetzung eines bemerkenswerten Vortrages, den Dr. Uri Naor am 6. Dezember 1966 in der Federación Sionista in Santiago hielt. Die hier vorgelegten Gedankengaenge stellen einer wesentlichen Beitrag zur Klaerung der juedischen Gegenwartssituation dar, und verdienen darum, auch den Lesern des “Boletín Informativo” uebermittelt zu werden. Der Vortrag erschien vor kurzem in spanischer Sprache als Broschuere im Rahmen der Publikationen der Zionistischen Foederation Chiles, die bereits im Jahre 1964 den Vortrag “Der Zionismus in einer sich wandelnden Welt” veroeffentlichte, den Dr. Naor auf dem Jahreskongress der Zionistischen Federation gehalten hatte. Die Hauptsorge der juedi- 5chen Gemeinschaften in allen Laendern der Diaspora ist heute auf die juedische Jugend gerichtet. Ueberall, ob in Stockholm oder Johannisburg, in London oder in Sidney, in New York oder in Santiago, begegnen wir der bangen Frage, ob nicht diese Jugend ueber kurz oder lang ihrem eigenen Volk den Ruecken kehren, ob nicht durch diesen Prozess des Nein - Sagens zum Judentum die juedischen Gemeinschaften schon in absehbarer Zeit zusammenschrumpfen werden und vor allem die juedische Kontinuitaet bedroht erscheint. Ueberall in der Welt wird diese beunruhigende Frage gestellt, nur in einem Lande nicht-in Israel. Hier existiert sie in keinerlei Form und Variante. Das war ja auch der Hauptsinn des Zionismus, als er die Erneuerung des alten Kraftzentrums des Judentums anstrebte, in dem unserem Volke von dieser Seite her keine Gefahr mehr drohen sollte. Wieso haben wir frueher niemals vor einer aehnlichen Situation gestanden? Gab es eine andere juedische Jugend oder befand sich unser Volk in einer anderen objektiven Situation, die diesem Zentrifugalprozess die Erfolgschance verwehrte? Die allgemeine Situation war gewiss eine andere, aber es kann nicht Aufgabe dieser Darlegung sein, sie neuerdings zu analysieren und den Unterschied zu Heute darzulegen. Aber auch die juedische Jugend von Heute, weist zahlreiche Zuege auf, die sie wesentlich von allen ihren frueheren Altersgenossen unterscheidet. EINE SKEPTISCHE GENERATION Zunaechst haben sie als Kinder ihrer Zeit, einer liberaleren Zeit denn je. viel mehr gemeinsame Zuege mit ihren nichtjuedischen Altersgenossen als ihre Vorgaenger ehedem. Ein europaeischer Soziologe hat der Schilderung und psychologischen Durchleuchtung der jungen Generation von Heute ein beachtliches Werk gewidmet und es “Die skeptische Generation” genannt. Dieser Titel allein sagt schon das wesentlichste zu dem Problem aus. Die heutige junge Generation ist recht skeptisch, wesentlich skeptischer als die jungen Generationen vor ihr. Sie betrachtet die Welt, die ihr die Erwachsenen vorbereitet haben, mit einem, gestehen wir es doch ein, reichlich berechtigten Mass Skeptizismus. Die Welt der Erwachsenen bietet sich ihr als das Werk von Menschen dar, die zwei Weltkriege ueber sich ergehen liessen, die den Absturz der neuzeitlichen Kultur in eine wueste praehistorische Barbarei vielfach ganz passiv erlebten, eine Welt, die an allen Ecken und Enden in Unordnung geraten ist und brennt, wobei die meisten Erwachsenen diesem schwelenden oder auch zuweilen in hellen Flammen aufflackernden Brand apatisch zusehen; eine Welt, in der noch immer ueber eine Milliarde Maenner, Frauen und Kinder hungern und in der es in unseren Tagen noch immer ueber 700 Millionen erwachsene Analphabeten gibt. Sie hat keinen sonderlichen Respekt vor den Politikern und Staatenlenkern, die in ihren Augen mehr als Tohuwabohu - Stifter denn als schoepferische Persoenlichkeiten der zeitgenoessischen Geschichte erscheinen. Kann ihr solche eine Welt, in die die junge Generation hineingeboren wurde, einen besonderen, oder ueberhaupt einen Respekt einfloessen? John Kennedy hat in seiner beruehmten Praesidentschafts - Antrittsrede von einer Generation gesprochen, die “einen Kampf fuehren soll, den sie nicht begonnen, in einer Welt, die sie nicht geformt hat”. Und als junge Juden, die erst nach der grossen juedischen Katastrophe und nach der Gruendung des Staates Israel geboren wurden, muessen ihnen ueberdies noch zwei Erscheinungen jener Epoche zutiefst unverstaendlich bleiben: einmal das Verhalten jenes Teiles des Judentums, der, obgleich von einer gewaltigen Gefahr bedroht, so erstaunlich wenig Voraussicht dafuer bewiesen hatte und sich dann im entscheidenden Moment, mit wenigen grandiosen Ausnahmen, wuerdig, aber fatalistisch dem grausamen Schicksal hingab. Sie werden wohl auch nie verstehen koennen, dass zur gleichen Zeit so viele der Gluecksritter des juedischen Volkes in jener Epoche, naemlich jener Judenheiten, die die Geografie und ein guetiges Schicksal vor dem fuerchterlichen Unheil bewahrt hatte, passiv und ohne besondere Erschütterung das Schicksal der weniger beguenstigten Teile des juedische Volkes in jenen Jahren des Grauens ueberlebten. Sie werden,wenn sie ernsthaft den weiteren Gang der Geschichte in den vergangenen zwei Dezennien verfolgen, ebenso kopfschuettelnd vor dem Phaenomen stehen, dass nach der Errichtung des juedischen Staates, nach der Erfuellung des groessten und dauerhaftesten Traumes unseres Volkes waehrend mehr als fuenfzig Generationen, gerade die entscheidende Generation jene grosse Sternstunde der juedischen Geschichte nur als ein freudiges Erlebnis und nicht als die ernste und verpflichtende Wendung auch fuer sie persoenlich auffasste. In der Welt hatte sich so viel geaendert, im Schicksal des juedischen Volkes hatten diese Aenderüngen giganti sehe Ausmasse nach der guten und nach der boesen Seite hin angenommen, und fast eine ganze Generation der Erwachsenen — Mit dem Gros ihrer Fuehrer — weigerte sich in dieser historischen Stunde ernsthafte persoenliche Konsequenzen daraus zu ziehen. Aber es hat auch bei frueheren jungen Generationen oft an einem gebuehrenden Respekt vor den Erwachsenen gemangelt und aus dieser Spannung hat stets, der "Kampf der Generationen”, die Revolution der Jungen gegen die Alten, ihren Stimulus empfangen. Dieser Gegensatz bezog sich jedoch zumeist auf die verschiedenartige Bewertung von bestimmten Lebensformen und konventionellen Manier e n, auf die unterschiedliche Auffassung der sozialen Stellung, die Familie und Gesellschaft bereit oder meist nicht bereit waren, dem aufstrebenden jungen Menschen einzuraeumen. Die heutige junge Generation ist, zum Unterschied von ihren Vorgaengern, ueberdies noch durchdrungen von einem mangelnden Respekt gegenueber dem intellektuellen Niveau der Erwachsenen, die wissensmaessig sehr oft nicht mehr Schritt halten koennen mit den technologischen Errungenschaften unserer Zeit, die immer mehr auch in ihren Alltag eingreifen. In den Naturwissenschaften, der Basis der technokratischen Revolution, sind sogar auch die meisten intellektuellen Erwachsenen bei dem Stand des Wissens ihrer Jugend- und Studienzeit stehen geblieben und erscheinen den jungen Menschen, die modern geschult sind, wie geistige Mumien, bestenfalls naiv und geistig gehoerig verstaubt. Aber wenn diese Generation auch skeptischer als je eine junge Generation vor ihr ist, insbesondere ueber die Welt, die Geisteshaltung und Leistungen der zwei, drei Generationen vor ihr, die sie fuer die ersten zwei Drittel dieses Jahrhunderts verantwortlich macht und auch dafuer, dass sie sich in unserer unruhigen und verwirrenden Weltsituation so ratlos fuehlt — so ist sie deswegen jedoch nicht weniger aufgeschlossen fuer Ideen und Chancen, die einen Weg nach Vorwaerts weisen, die echte Loesungen fuer jene Probleme versprechen, die allem Fortschritt dieses Jahrhunderts zum Trotz keine, oder bisher nur ungenuegende Loesungen gefunden haben. Der juedische Jugendliche, der nicht a priori eine besondere Bindung zum Judentum besitzt — und das ist heute in den Laendern der Diaspora nur eine Minderheit, naemlich diejenigen, die eine juedische Erziehung zu Hause und in den juedischen Schulen und eine engere Verknüpfung mit Israel in den Jugendbuenden aller Schattierungen erwerben — hat noch einen Grund mehr, um sich von jedem Sog eines ganz und gar unverbindlichen Skeptizismus so leicht mitreissen zu lassen. Wenn die juedische Substanz seiner Eltern und der Atmosphaere zu Hause minimal oder ueberhaupt nicht mehr vorhanden ist, wird er in juedischen Bel a n g e n zwangslaeufig die Position der Vogelfreiheit beziehen. Da er von seinen Eltern als Jude wenig oder gar keine Stuetze mitbekommt, ist er bei der Konfrontation mit der Judenfrage ganz auf sich selbst angewiesen. DAS BILD UNSERER AHNEN Was sich durch ungezaehlte Jahrhunderte an geistigem Gehalt in unserem Volk angesammelt hat, dieses grossartige geistige Potential, von dem wir alle noch in dieser oder jener Form zehren, fiel, das sollte uns klar sein, nicht als Geschenk vom Himmel. Fuer Lernen und Erweiterung des geistigen Horizontes gab es im Judentum zu keiner Zeit und unter keinerlei Bedingungen altersmaessige und soziale Begrenzungen. Der Jude, selbst der alleraermste, war stets bereit, fuer die Erziehung — und umso mehr noch fuer die juedische Erziehung — seiner Kinder auch das Wenige, das er besass, zu opfern. In der juedischen Gemeins c h a f t wurden stets nur diejenigen ernsthaft geachtet, die ihre Freizeit dem Studium widmeten. Wenn wir uns unsere Ahnen bildlich vor Augen fuehren, dann erscheint zunaechst die Gestalt des Juden, der abends nach schwerer Muehe und oft unter den schwierigsten objektiven Bedingungen beim schwachen Scheine einer Lampe im Studium vergraben ist und fuer den die ganze Welt versinkt, wenn er ein Buch zur Hand nimmt, wenn er sich in den geistigen Bezirk zurueckzieht. Sein Beispiel uebte natuerlich einen entscheidenden erzieherischen Einfluss auf seine Kinder aus, die von fruehester Jugend an geistige Betaetigung schaetzen lernten, denen diese Wertskala und ein schier unersaettlicher geistiger Hunger als wichtigste Gabe ihres Elterhauses auf den Lebensweg mitgegeben wurde. Wenn man sich jedoch dereinst einmal den Durchschnittsjuden von Heute ins Gedaechtnis fuehren sollte, dann wird wohl weit, weit vorne — verzeihen Sie diesen kritischen Vergleich! — der Kartenspieler den Hauptplatz einnehmen, fuer den auch in der Regel die ganze Welt versinkt und fuer den es dann sehr wenig andere, wenn ueberhaupt noch gei-