Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIX (1967)
- Issue
- 5 (Mayo, 1967)
- Date
- 1967-05-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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MAYO 1967 BOLETIN INFORMATIVO 17 GEDANKEN ZWISCHEN ZWEI -E3- UND DREI PLAUDEREI Im und am menschlichen Koerper ist alles funktionell. Es gibt nichts, was nicht einen bestimmten Zweck erfuellen muss. Fuesse, Haende, Nase, Leber, Ohren, und wie sie alle heissen, die kleinen und grossen, alle so wichtigen Maschinerien des Organismus, die wir in staendigem Betrieb in und an uns durchs Leben schleppen. Will man einen Menschen richtig kennen lernen, prueft man ihn auf “Herz und Nieren”. Komisch, nicht wahr? Herz, gut, das ist zu begreifen, glaubt man doch, dass dort das Zentrum des Gefuehls sitzt. Aber Nieren? Was will man da feststellen? Ist Jemand schlechter Laune, sagt man, ihm sei “eine Laus ueber die Leber gelaufen”. Das ist anatomisch total unmoeglich, ebenso, wie der oft zitierte ‘Floh im Hirn”. Wohingegen einem Koleriker im Wutausbruch effektiv die “Galle ueberlaufen” kann. Warum glaubt man, ein eifrig-tapferer Verteidiger neuartiger Ideen sei “von saemtlichen Affen gebissen”? Gibt es dafuer einen Praezedenzfall? Einem etwas tappsigen Geschoepf nachzusagen, es habe zwei linke Haende, ist ein Spruechlein, das reichlich ueb e r h o 1 ungsbeduerf tig ist. Heute ist Linkshaendigkeit kein zu bekaempfendes üejbel mehr. Zwei linke Fuesse sind viel unangenehmer. Hat Jemand Schlappohren, kann er sie mit aller Anstrengung nicht spitzen; er kann sie hoechstens als Schalltrichter verwenden. Der Gesichtshaarschmuck ist ein Privileg des maennlic hen Geschlec h t s. Bob Hope, der bekannte amerikanische Komiker, behauptet allerdings, er habe nirgends so prachtvolle Schnurrbaerte gesehen, wie bei den Frauen von Neapel. Haare auf der Zunge sind noch unangenehmer, besonders fuer den, der sie zu spueren bekommt. Aber nun zum Ernst der Sache und zu dem Organ des menschlichen Koerpers, das bei weitem am meisten vom Menschen, seinem Charakter, seinen Wuenschen, seinen Traeumen, seiner Intelligenz verraet, das Auge, dieser Spiegel der Seele, das Fensterchen, das die Schoepfung verraeterisch zu unserem innersten Wesen und Gemuet offen liess. Der Kopf, als Koerperteil, hat eigentlich eine ziemlich routinierte Ausstattung mitbekommen. (Alles andere natuerlich auch; aber schliesslich ist es ja der sichtbare Kopf, der uns voneinander unterscheidet.) Zwei Ohren, die Nase, der Mund, bei einem feiner gezeichnet, beim anderen groeber; die Wangen, Kinn und Stirne geben den Rahmen, rund, laenglich, spitz. Haare und Augen sind die einzigen fantasie vollen und variierten Ausstattungsstücke. Das Haar hat - auch im selten gewordenen Naturzustand - Farbnuancen, ist glatt oder kraus, voll oder schuetter, ist modisch veraenderlich tragbar. Ohren, Nase und Mund muss man akzeptieren, wie die Natur sie gegeben hat. Man kann sie kaschieren, verbessern, durch schmerzhafte Operatio n e n veraendern, nicht immer zum Vorteil des gesichtlichen Charakterausdruckes. Man “trug” eine Zeitlang ein kleines Schmollmuendchen, das vom grosszuegig - sinnlich wirkenden, voll ausgemalten Mund abgeloest wurde. Das sind Mode-Diktate, Zeitgeschmacksfragen, die an der eigentlichen, fast uniformen Grundform, die die Natur in unsere Gesichter gegeben hat, wenig aendert. Die Augen dagegen sind der wahre Ausdruck der Fantasie in der Schoepfung. Sie sind, was in der traditionellen, etwas langweiligen Maennerkleidung die Krawatte ist: das einzig Bunte, das Verschiedene, das bei Jedem Andere. Ihre. Farbskala ist unendlich. Jedes Blau, Grau, Schwarz oder Braun ist nuanciert, Selbst “Familien - Augen”, gleich im Grundton der Farbe, wirken total verschieden durch Ausdruck von Temperament und Intellekt. Ein Auge kann gut sein und schlecht, nicht in biologisch - pathologischem Sinn, es kann lebhaft und stumpf wirken, falsch und aufrichtig, guetig und grausam, mutig und verzweifelt. Es strahlt und weint, auch ohne sichtbare Traenen, es verwirft und troestet, gibt preis und verbirgt oeffnet und verschliesst Herz oder Seele; es ist, ungebunden an Jahre, alt oder jung, froh oder tiefsinnig, warm oder eisig kuehl, verderbt oder naiv. Das heute strahlend blaue Auge, kann morgen grau-verhangen wirken, dass offene, lichtbraune, tiefdunkel und abgruendig. Ein aussergewoehnlich haessliches Gesicht hat oft den guetigen A u s g 1 e i ch der schoenen, ausdrucksvollen Augen, die vergessen lassen, was sie umgibt. Das regelmaessigste Idealgesicht bleibt, ohne Augen-Waerme, eine kalte Maske, die langweilt. Ein Blick kann verletzender sein, als ein grobes Wort, beglueckender, als ein kostbares Geschenk. Glaeubige Kinderaugen, voll uneingeschraenkten Vertrauens sind verpflichtend, wie ein gegebenes Ehrenwort. Es gibt typische Augen, wie die schraegen asiatischen, die s c h w erlidrigen semitischen, die kleinen, tiefliegenden Kalmueckenaugen, alle drei Arten Rassezeichen, die schwer zu kaschieren sind. Je staerker die Sonnenstrahlung, desto dunkler ist das Zu seinem 75. Geburtstag DER SCHMER ■ REGISSEUR FRITZ KORTNER Auge; die helle Iris ist wesentlich lichtempfindlicher. Die Schoepfung hat weise den in sonndurchgluehten Laendern lebenden Menschen diesen Schutz mitgegeben. Albinos leiden am schmerzhaftesten unter der erbarmungslosen Einwirkung des Lichtes in ihre pigmentlosen Augen. Das Mode-Ideal zur Zeit sind Sofia-Loren-Katzenau gen, ein Wunschtraum jeder Frau. Ein “nacktes” Naturauge wird heute kaum mehr “getragen”. Es wird mit viel Zeitaufwand und Geduld ummalt, vergroessert durch mehr oder weniger kleidsame Tuschstriche, Farbauflagen auf Lid und Wimpern, die der Iris mehr Ausdruck verleihen, aber oft clownhaft laecherlich wirken, Man fcraegt Tag- oder Abendmakeup in dem tollsten Zeichnungen und bizarrsten Linien zur Kleiderfarbe abgetoent. Eine Frau mit grasgruener Augenummalung findet man ganz normal und recht attraktiv. Die neuste Verruecktheit der Schachbrettzeichnung wirkt allerdings noch reichlich extravagant. Falsche Wimpern verschleiern mysterioes den Blick; sie sind nicht mehr, wie frueher, der Buehne reserviert, man kann sie in jeder gewuenschten Toenung, Laenge und Dichte ueberall kaufen. Brillen sind heutzutage kein stoerendes Gestell mehr, sondern Gesichtsschmuck, oft ohne Notwendigkeit getragen . Das impertinente Lorgnon ist abgeloest vom strassbesetzten Luxusrahmen in allen Toenungen der Farbskala. Schmal, breit, laenglich, schraeg, eckig, ue-, bergross rund — alle Formen sind erlaubt und akzeptiert. Die Wahl eines Brillen-Gestelles ist persoenlich und vorsichtig geworden, wie das Aussuchen eines kostbaren Schmuckstueckes. Ein originelles Augenglas kann das ganze Gesicht veraendern, — zum Guten, wie zum Laecherlichen. Wieviele Menschen, meistenteils Frauen, die stoerende Brille durch unsichtbare, in’s Auge aufgesetzte, winzige Linsen ersetzt haben, ahnt man kaum. Damit kann man sogar die Farbe der Iris nach Wunsch aendern. Es ist garnicht selten, dass man eine Nordisch - Blauaeugige ploetzlich mit feurigen Zigeuner- oder grau-gruenen Katzenaugen sieht. “Ojo que no ve, corazón que no siente”, was das Auge nicht, sieht, verletzt das Herz nicht, so sagt man. Die Augen vor etwas Persoenlichem bewusst zu verschliessen, ist bequem, aber als egoistischer Selbstschutz verstaendlich. Sie aber verschlossen zu halten vor den Notwendigkeiten des Lebens, vor Elend, Not und Kummer Anderer, vor Verantwortlichkeit und Fortschritt ist Feigheit und unentschuldbares Vergehen. Offenen Auges Gutes, Edles, Schoenes, Beglueckendes zu suchen, Widriges, Schlechtes, Verbesserungsmoegliches zu erkennen und dazu Stellung zu nehmen, ist leben und wachsen. ■ g Vor etwa acht Jahren ver« oeffentlichte der hervorragende juedische Charakterdarsteller Fritz Kortner, 1947 aus der Emigration nach Deutschland zurueckgekehrt, seine Lebenserinnerungen unter dem Titel “Aller Tage Abend”. Dieses 600 Seiten starke Buch, bei Kindler verlegt, bringt eine Uebersicht ueber des Kuenstlers Werdegang in Verbindung mit dem jeweiligen Zeitgeschehen. Es ist zugleich ein interessanter Bericht ueber Kortners Begegnung mit anderen bedeutenden Schauspielern, mit b e k a n nten Schriftstellern und auch wichtigen Politikern. Dieses Buch, mit hoher Intelligenz verfasst, ist mehr als eine Selbstbiographie; es ist ein Stueck Zeitgeschichte. Fritz Kortner ist ein Mensch, der sich frueh vom Konventionellen geloest, als 15-jaehriger bereits Schauspielunterricht in seiner Heimatstadt Wien erhalten hatte, ein Jahr spaeter Prof. Max R e i nhardt “vorsprechen” durfte. Im Jahre 1911, 19 Jahre alt, fand er sein erstes Engagement in Mannheim; dann folgten die “Volksbuehne” Wien, und die Hamburger “Kammerspiele”. Doch die sensationelle Karriere sollte erst beginnen, als Kortner in der Eroeffnungsvorstellung eines Berliner Experimentiertheaters, der “Tribuene”, in Tollers “Wandlung” einen aus dem Felde heimgekehrten Soldaten spielte, der sich zum entschiedenen Pazifisten wandelte. Mit schnei dender Schaerfe schmetterte er die aus vollem Herzen kommenden Antikriegsreden ins Parkett, und fortan konnte die Kortnersche Stimme nicht mehr ueberhoert werden. Prof. Leopold Jessner, der neue republikanische Intendant des einstigen “Koeniglichen Schauspielhauses” zu Berlin, zieht Kortner an das Staatstheater. Es kommt zur beruehmten “Teil”-Auf fuehrung auf Jessners vieldiskutierter “Treppe”. Kortner ist der “Landvogt Gessler”, und jedes seiner Worte gleicht einem Peitschenhieb. Der damalige Eindruck war ungeheuer stark und wiederholte sich, als bald danach der Kuenstler seinen furchterregenden “Koenig Richard III” darzustellen hatte. Und dann gab es weitere Triumphe: Wedekindsche Figuren wie “Hidalla”, “Koenig Nikkolo”, der “Marquis von Keith”. Auch einen sehr beachtenswerten “Shylock” im “Kaufmann von Venedig” bot er einem ihm zujubelnden Publikum. Um 1926 verliess er die Staatsbuehne, um an grossen Privatbuehnen aufzutreten und Gastspielreisen zu unternehmen. In jene Epoche faellt seine grosse Leis tung als berauschter Sklave in Strindbergs “Rausch”, und im Drama “Der Vater” dieses Dichters gab er gleichfalls Hervorragendes. Wer vergaesse, der es erlebte, seinen grossartigen “Verrina” in Schillers “Fiesko”? Und dann ist Kortner noch u. a. ein grandioser “Herodes” in Hebbels Tragoedie gewesen. Noch kurz vor dem Jahre 1933 war dieser Schauspieler ein Liebling des deutschen Theaterpublikums. Doch in den Tagen der “Machtuebernahme” befindet sich der Kuenstler auf einer Tournee mit dem Staatstheaterensemble ln Skandinavien. In Kopenhagen spendet von seiner Loge aus der edle Koenig Christian dem nunmehr heimatlo sen juedischen Schauspieler spontanen Beifall. Ueber London geht Kortner nach USA; er und seine Lebensgefaehrtin, die hochbegabte Schauspielerin Johanna Hofer, eine Halbjuedin, landen schliesslich im grossen Emigrantenreservat von Hollywood. Hier, in der Fremde, litt der Kuenstler zwar keine Not, doch war er einer der ersten Prominenten, welche nach Kriegsende z u r u e ckgingen. Das neue deutschsprachige Theater, aufs den Truemmern des “Dritten Reiches” errichtet, gab Fritz Kortner in Muenchen und Berlin neue Schaffensmoeglichkeiten, indem es ihm wichtige Neuinszenierungen anvertraute. Fritz Kortner Ist ein bewusster Jude, der in seinen Lebenserinnerungen “A11er Tage Abend” gern vom frommen und gelehrten Vater erzaehlt, der sein Ladengeschaeft in der Wiener Leöp o 1 d s tadt vernachlaessigt hatte, um in den heiligen Schriften zu studieren. 1958 besuchte der Kuenstler Israel, von vielen Juden europaeischer Herkunft erkannt und herzlich begruesst. Das juedische Land beeindruckte ihn tief. Ueber seine “Heimkehr” nach Deutschland befragt, erwiderte er: “Wenn die Ursache des Exils wegfaellt, weshalb im Exil bleiben? Es ist bei mir in der Hauptsache eine Rueckkehr in meine Sprache. Man kann eine fremde Sprache nicht als Mann erlernen, wenn man ihr kindliches Lallen nicht mitbekommen hat und schon garnicht in einem Beruf, in welchem die Sprache das Hauptausdrucksmittel ist”. Vielleicht war Kortners juedischste Rolle, wenn man so sagen darf sein “Professor Bernhardi”, in Schnitzlers Drama. Als er um 1930 im Dreyfus-Film Richard Oswalds den juedischen Hauptmann Dreyfus spielte, hatte man den Eindruck, dass damals, als die nationalistischantisemitischen Wogen im S t e i gen begriffen waren, Kortner sich mit dem Judenschicksal von Dreyfus seelisch tief verbunden fuehlte. Dieser vom Thater besessene Kuenstler setzt seine ausgepraegte Individual itaet durch. Manche seiner Inszenierungen der letzten Jahre sind hart umstritten, doch immer haben sie hohes künstlerisches Niveau und eine besondere Note. Auch der 75 jaehrige ist voller Plaene; moegen sie ihre Verwirklichung finden und ihn zufrieden, gluecklich machen. Dies wuenschen ihm seine Bewunderer in aller Welt. Curt Wilk.