Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIX (1967)
- Issue
- 3 (Marzo, 1967)
- Date
- 1967-03-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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MARZO 1967 BOLETIN INFORMATIVO 5 REISETAGEBUCH 1967: DAS LAND, IN DEM WIR LEBEN BTaun ist die Erde, braun und gruen. Blau der Himmel. Die Kordillere zur Linken, Schnee auf den Gipfeln, wird nach und nach niedriger. Aber erst nur hie und da, dann immer haeufiger, zeichnen sich die Kogel der Vulkane am Horizont ab. Der Tinguiririca, Peteroa und Descabezado machen noch einen vereinzelten, fast zufaelligen Eindruck. Auch der Antuco, der Callaqui, der Lonquimay und selbst der herrliche Llaima mit seiner regelmaessigen Kuppe treten ein jeder erst dann in das Blickfeld, wenn der Vorgaenger schon wieder verschwunden ist. Schon bald nach Temuco aber, dort wo der eigentliche Sueden beginnt, aendert sich das Bild. Von den Anboehen der “Cuesta” zwischen Lastarria, Loncoche und Lanco aus erinnert eine ganze Familie von einst —oder immer noch?— droehnenden und rauchenden Giganten daran, dass dieser Streifen Erde zum “Feuerguertel des Stillen Ozeans” gehoert. Spaeter, im Hotel, wird man auf andere Art und Weise daran erinnert: Dieser Weg? Der ist seit dem Erdbeben nicht mehr gangbar. Jener Spaziergang? Seit damals unmoeglich, weil er unter dem Huegel, der dabei in die Breite rutschte, begraben wurde. Uebrigens mit einem Siedler, seiner ganzen Familie, Haus, Vieh, allem was er hatte und was er war. Damals, das war 1960. Es hoert sich fast so an wie heute oder morgen. Aber die menschliche Natur schiebt solchen duesteren Gedanken Riegel vor, besonders auf Ferien, besonders wenn die Sonne strahlt und die Luft lau ist. Dazu traegt auch massgeblich die unmittelbare Umgebung des Wegs bei. An die Stelle der verbrannten Huegel der Zentralzone, stellenweise nur aufgeheitert durch ein Feld von leuchtenden Sonnenblumein, von bestellten Ackern, von Wein, der hier weder Berge noch Terrassen braucht, um die ganze Suesse einer verschwenderischen Sonne im Saft von Milliarden gruener und roter Perlen zu speichern sind Waelder getreten und Weizenfelder und Herden inmitten eines immer frischen und immer gruenen Rahmens. Und verlaesst man die Chaussee, nur 50, nur 100 km auf einem —allerdings meist schlechten, um nicht zu sagen miserablen— Seitenweg: da sind die Seen. Da gibt es Aussichtspunkte, die dem Blick eine kilometerweite Sicht ueber einen See bieten. Am Ufer ist Wald. Drueben ein Wasserfall, der weiter unten einen kleinen Fluss bereichert. Das flache Land ist gruen, mit Herden auf den Weiden. Im Hintergrund die Schneeberge. Wer das richtig beschreibt, mit den dazugehörigen Adjektiven wie idyllisch, rauschend und imposant, der macht sich laecherlieh. Wer das malt, malt Kitsch, ganz besonders bei Sonnenaufgang oder -untergang. Aber er schreibt oder er malt die nackte Wahrheit. Also der Tourismus. Wir lebten schon hier, als eifrige Beamte begannen, in diesem an Kupfer —Eisen— Silbergruben gesegneten Land auch an dieser brachliegenden Goldgrube zu schuerfen: Fliegt in den Sueden Chiles. Reist in das Paradies der Seen! Aber haben sie die richtigen Werkzeuge angesetzt, um dieses Gold zu foerdern, hat das Land ueberhaupt die Mittel, sie zu erwerben? Das Problem ist kompliziert. Es beginnt damit, dass sein erster Aspekt - einfach unloesbar ist: Chile liegt am Rand, am Ende der Welt. Die Frage ist daher nicht, ob der Sueden fast so schoen oder genau so schoen oder schoener ist als die Schweiz, denn die Antwort darauf aendert nichts an der Tatsache, dass Millionen Menschen, die durch Zuerich oder Frankfurt hindurch muessen, ohne Schwierigkeit ein paar Ferientage in der Schweiz ganz nebenbei mitnehmen koennen. Nach Santiago muss kaum jemand: so faengt die Sache erst einmal an. Dann kommen zwei, drei Monate in Betracht, bei denen sich die Reise lohnt. Die Reise von immerhin nochmal rund tausend Kilometern, per Flugzeug tadellos, per Eisenbahn weniger tadellos, oder per Auto. Darueber ein spezielles Wort: die Autostrasse laesst kaum etwas zu wuenschen uebrig, gut gezogen fuehrt sie an den Staedten vorbei oder streift sie tangential, perfekt betoniert, breit, uebersichtlich, klar signalisiert, nur stellenweise unfertig oder in Reparatur, wie dies unvermeidlich ist. Aber gebaut wurde sie im Zuge der Entwicklung des Landes in den letzten zehn, zwanzig Jahren, in Funktion seiner Landwirtschaft, Industrie und Handels, der Versorgung seiner Staedte, der Hebung seines Exports: dem Tourismus kommt sie ganz nebenbei zugute. Nun brauchte dies den Reisenden wenig zu scheren, kaeme es ihm nicht sehr holprig dort ins Bewusstsein, wo die Staedtchen aufhoeren ... und der Tourismus anfaengt. In San Fernando und in Talca, in Concepción und in Angol, in Pitrufquén und in Lanco, in Osorno und in Puerto Varas. Was von dort aus zu den Seen, den Wasserfaellen, den Finessen, den Waeldern, den Bergen fuehrt, das verdient den Namen Weg nicht. Im 18. Jahrhundert in Europa muessen sie schon viel besser gewesen sein, denn waere Goethe in der Postkutsche je ueber so etwas gereist, dann haette er sich beim Herzog von Weimar beschwert und Eckermann haettei die Episode vermerkt. Es ist aber nichts derartiges bekannt. Praesident Frei, der Ende Februar in der Provinz Osorno weilte; versprach, den Weg ueber Puyehue zur argentinischen Grenze so rasch MONATSSPIEGEL wie moeglich asphaltieren zu lassen. Tatsache ist, dass bereits mit betraechtlichem Einsatz von Menschen und Maschinen gearbeitet wird. Da dort der logische Grenzuebergang nach —und von— San Carlos de Bariloche ist, spielen auch beim Bau dieses Verbindungsweges Gruende, wie die von der Integration oder von internationalem Verkehr, die schwerer wiegen als jene von der Foerderung des Tourismus. Wie dem auch sei, in absehbarer Zeit wird es dem Reisenden, der nur den Lago Puyehue zum Ziel hat, zugute kommen und aus aehniichen Gruenden werden die am Lago Villarrica von der Entwicklung profitieren. Und ebenso wie bei dem Hauptweg —der Carretera Panamericana— darf man nicht nur sagen, dass der Anstoss zu dieser Verbesserung eigentlich gleichgueltig ist, sondern man muss sich sogar fragen: wuerde der Tourismus allein die gewaltige Investition des Wegebaus denn rechtfertigen? Die Antwort ist Nein. Es fehlt naemlich nicht nur an Wegen. Es fehlt vor allem an Hotels. Da sind einige, prachtvoll gebaut, nach geschmackvollen Plaenen und mit viel Kapital. Man soll nicht sagen, dass sie heruntergekommen sind, aber es ist zumindest keine Uebertreibung festzustellen, dass die Erhaltung und Pflege, die man ihnen angedeihen laesst, dem Bau und der Einrichtung nicht entsprechen. Von ruehmlichen Ausnahmen abgesehen —ein ruehriger Kellner, ein gefaelliges Zimmermaedchen: es gibt ja so enorm viel nette Leute in diesem schoenen Land—, muss ein gleiches negatives Uiteil entweder ueber Bedienung oder ueber Kueche oder ueber Organisation gefaellt werden... wenn nicht gar ueber alles. Das Fehlen von Proportion zwischen Erstellung und Erhaltung ist nebenbei bemerkt, ein Phaenomen, das noch viele andere Sphaeren der Entwicklung im Lande beeintraechtigt und nicht nur das Hotelfach: wie viele teure Maschinen werden doch schlecht abgeschmiert, wie viele praechtige Gebaeude weisen Zeichen des fruehzeitigen Verfalls auf, wie viele Fahrzeuge schreien foermlich nach der oft einfachen, billigen und immer wieder vergessenen Reparatur. Nur die Tarife dieser Hotels, die sind mehr auf den Prunkbau als auf die weniger prunkvolle Wartung zugeschnitten. Dann gibt es andere, solche die der Entwicklung nicht mehr entsprechen, ebenso wenig wie. den Wohnungen oder den Autos der herbergsuchenden Gaeste, oder selbst nur deren Ansprueehen oder Beduerfnis nach Ruhe und Erholung. Manche ziehen daher vor, ihr eignes Hotel in Form eines Zelts gleich mitzubringen, ein Ausweg, dem sowohl durch die haeufigen Regentadle in der Zone wie durch das Fehlen der auch fuer das einfachste Camping noetigen Einrichtungen enge Grenzen gesetzt sind. Was fast vollkommen fehlt, sind mittlere Hotels, einfach sauber, modern, nicht zu teuer. Da und dort mag es eins geben, dort und da eins dazukommen, aber gewiss nicht in genuegender Anzahl. Die Saison ist zu kurz, Personal zu schwer zu bekommen, die Branche nicht lukrativ genug. Man wird sich also fuers erste damit abfinden muessen. Die Plakate druckende Beamten verschwenden ihre Zeit in einem zum Scheitern verurteilten Versuch, das Pferd vom Schwanz her aufzuzaeumen. Es sollte aber nicht schwer sein, sich damit abzufinden. Denn erstens ist die Landschaft so einmalig schoen, so ansichtspostkarten - artig schoen, das man alles andere darueber vergessen kann. Und zweitens entwickelt sich auch der Tourismus, wenn auch nicht kraft seiner eigenen Dynamik, so doch wie im Falle des Autowegs oder der Strassen zur Grenze als Folge der allgemeinen Entwicklung des Landes. Und die ist unverkennbar. Mehr als das: sie ist so augenfaellig in Hinblick auf die neuen Industrien am Weg, auf den Waldreichtum, auf die Landwirtschaft, auf den Lebensstandard in der Provinz, dass man sich unschwer darueber Rechenschaft ablegen kann, dass der Tourismus ja schliesslich gar nicht so wichtig ist. Es mag bedauerlich sein, ein solches Kapital an Naturschoenheiten nicht zinstragend ausbeuten zu koennen, aber es ist keine Tragoedie. Eine Ferienredse ist nicht der geeignete Moment, das Tempo und den Stand der Entwicklung des Landes ernst zu untersuchen und die Technik einer solchen Untersuchung hat sich selbst in den letzten Jahrzehnten so entwickelt, dass der Autor dieser Zeilen nicht ansteht zuzugeben, sie absolut nicht zu beherrschen. Heutzutage ist alles Sache von Spezialisierung und Spezialisten, von der vermeintlich einfachsten Statistik bis zur Planung der wirtschaftlichen Int egration eines Kontinents. Aber einfache Dinge festzuhalten, ohne grosse Untersuchungen und ohne komplizierte Rueckschluessei, das ist jedem erlaubt. Wie zum Beispiel zu dem Thema Agrar -Reform, das im Moment das Land bewegt. Da faellt als erstes auf, dass die Landwirtschaft technisch das Stadium des Ochsengespanns und des Pferdeflugs, in dem sie sich noch befand, als wir ins Land kamen, ueberwunden hat. Wo man hinsieht, fahren Traktoren, mit Pfluegen oder Maehmaschinen oder sonstigen mechanisierten Anhaengern. Dutzende der groessten Maschinen tragen die Aufschrift SEAM, Abkuerzung fuer “Servicios y Equipos Agricolas Mecanizados”. Es handelt sich dabei um eine von der CORFO geschaffene Institution, die schwere landwirtschaftliche Geraete gegen Zahlung einer angemessenen Miete dort einsetzt, wo besonders grosse Flaechen zu bestellen sind oder wo kleine Landwirte keine eigenen Traktoren besitzen. Dann gibt es eine ganze Reihe landwirtschaftlicher Versuchsstationen, die offenbar eine wichtige Funktion in Forschung, Pruefung von Produkten und Beratung von kleinen und grossen Unternehmen erf uellen. industrielle Unternehmungen wie zwei neue Zuckerfabriken der IANSA, Speiseoel-Fabriken, Weinkeltereien, Pasteurisierungs-Anlagen auf kooperativer Basis, Saegewerke, bieten einen wachsenden wirtschaftlic h e n Rueckhalt fuer Land —Forst— und Viehwirtschaft. Eins der erfreulichsten Resultate dieser Aufwaertsentwicklung laesst sich am Wohnungs-Standard im allgemeinen feststellen. Er laesst natuerlich weiter zu wuenschen uebrig und es gibt noch mehr armselige Behausungen, als dies gut ist, aber es ist andererseits auffallend, welch grosse Anzahl huebscher, ansprechender Wohneinheiten allenthalben das Gesicht der Provinzen vollkommen gewandelt hat. Nun heisst dies natuerlich noch nicht, dass die von der Regierung gefoerderte Agrar- Reform die erforderliche Beschleunigung des Fortschritts herbeifuehren wird oder dass nicht sogar Rueckschlaege eintreten. Aber die Behauptungen, das Land sei fuer solch einschneidende Massnahmen ueb e r h a u p t nicht reif, verlieren ihre Wirkung, wenn man die Natur und die Menschen, auf die sie gemuenzt sind, aus der Naehe sieht. Das Land ist so gross und so schoen und so leer. Es wird so viel getan und noch mehr getan werden. Die politischen Debatten der Hauptstadt, die uns die Zeitung am naechsten Tage wiedergibt, verlieren an Wirkung und muten fremd an. Man wird optimistisch. Mit Grund? Ohne Grund? Auf alle Faelle ist es ein Teil der Erholung. ATSCHEKA