Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIX (1967)
- Issue
- 2 (Febrero, 1967)
- Date
- 1967-02-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 BOLETIN INFORMATIVO FEBRERO 1967 “WIR KAEMPFEN GEGEN DIE SALAMITAKTIK” Von Ernst Cramer “Pst, sie schlafen!” Der israelische Oberst, der bisher in der knappen, manchmal ein bisschen zu selbstbewussten Sprache seine Erklaerungen abgegeben hatte, die Militaers ueberaH in der Welt gerne anwenden, wurde in'seiner Stimme weich. Mit dem Zeigefinger auf den Lippen fuehrte er uns in eines der Kinderhaeuser des Kibbuz Tel Kazir, einer Grenzsiedlung in dem kleinen Zipfel israelischen Landes zwischen dem See Genezareth und den Laendern Syrien und Jordanien. Wenige hundert Meter von' der Siedlung entfernt und in guenstiger Position auf den Huegeln gelegen, konnte man mit blossem Auge arabische Stellungen ausmachen: Maschinengewehrnester, Posten; Tanks, schlecht getarnt, zwischen halb verfallenen Lehmhaeusern. Die Grenze zwischen syrischem und israelischem Gebiet verlaeuft hier voellig irregulaer. Da, wo am Tage der Unabhaengigkeit vor 18 Jahren gepfluegt gewesen war, gehoert das Land zu Israel, da, wo es brachlag, zu Syrien. Manchmal trennte nur ein zwei Meter breiter, nicht geackerter Streifen zwei nebeneinanderliegende Felder. Aber wehe dem, der heute diese zwei Meter ueberschreitet. Er wird sofort von Scharfschuetzen aufs Korn genommen und verursacht ausserdem einen “internationalen Zwischenfall”. Zuweilen werden israelische Siedler bei der Arbeit auf ihrem eigenen Land beschossen. Um sich wehren zu koennen, nimmt deshalb jeder Mann dieses Kibbuz Waffen mit aufs Feld. Manchmal streifen auch Schuesse ueber die Siedlung manchmal schlagen sie ein. Als Schutz fuer die Kinder steht zwischen deren Haeusern und der Grenze eine hohe Mauer, hinter der die Kleinen spielen koennen. Ein aehnlicher Schutzwall steht vor dem grossen Kuhstall, der lange ein besonders beliebtes Ziel arabischer Schuetzen gewesen war. EIN BUNKER AM SPIELPLATZ Die Kinder, jeweils sechs bis acht in einem Zimmer, schliefen ruhig und friedlich. Spaeter tummelten sie sich auf dem gruenen Spielplatz, von dem aus man im Notfall gleich in einen der Erdbunker oder Laufgraeben gelangen kann. Die groesste Attraktion des Spielplatzes ist ein buntbemaltes Schiff, ein ehemaliger Fischerkahn mit dem Namen “Schalom”. Sehalom — Friede — ist der Gruss Israels (ebenso wie “Selam Saleikum” — Friede sei ueber Euch — die Grussformel der Araber ist). Schalom, das Wort hoert man immer wieder. Fried“ ist die Hoffnung der Menschen, die nach fast 2000 Jahren in das Land ihrer Vaeter zurueckgekehrt sind, um sich hier eine Heimat und einen modernen Staat zu schaffen Diesen Frieden aber hat Israel bis heute noch nicht gefunden, auch wenn die durch den friedlichen Aufbau des Landes erreichten Leistungen auf allen Gebieten menschlichen Zusammenlebens und Wirkens immer wieder die Besucher ueberraschen. Alle benachbarten Araber betrachten den juedischen Staat als ein "illegales Gebilde”, das ausgerottet werden muss. Die Vehemenz, mit der die einzelnen Laender diese “Ausrottung” betreib e n, mag unterschiedlich sein, das Ziel bleibt. Die fuehrenden Maenner Israels wissen andererseits, dass das Fernziel ihrer Politik der Ausgleich mit den arabischen Nachbarn sein muss. Ein Staat auf einem Gebiet, das halb so gross ist wie die Schweiz, kann nicht ewig in einer feindlichen Umgebung existieren Dieser Ausgleich mit den Arabern aber wird, so argumentiert man, nicht kommen, solange die derzeitigen Gegner auch nur die geringste chance sehen den Staat Israel eines Tages doch noch beseitigen zu koennen. Die Poltiik dieses Landes, das sich als Vorposten Europas im Vorderen Orient betrachtet, ist deshalb in allen Phasen darauf gerichtet, den Arabern diese Hoffnung zu nehmen. Auf zwei Gebieten wird das besonders deutlich, auf dem der Verteidigung und auf dem der Wirtschaft. Internat ional gesehen richtet sich die Militaerpolitik der Regierung in Jerusalem gegen jede Veraenderung des Gleichgewichts der Kraefte im Nahen Osten. Das wurde erst in diesen Tagen wieder besonders deutlich: Die Vereinigten Staaten haben Koenig Hussein von Jordanien Infanteriewaffen und Kampfflugzeuge geli e f e r t; seine Position gegenueber der von Kairo unterstuetzten radikalen "Palaestin e n s 1sche Befreiungsorganisation’' die in den vergangenen Wochen in vielen Teilen des Landes gegen den Koenig gerichtete Unruhen angezettelt hatte, sollte verstaerkt werden. Israel aber sieht in der innenpolitischen Staerkung des jordanischen Koenigs gleichzeitig eine Vergroesserung des allgemeinen arabischen Angriffspotentials und fordert deshalb seinerseits zusaetzliche Waffen. Dies geschieht, und muss nach Meinung der Israelis geschehen, obwohl Israel ebenso wie Amerika groesstes Interesse daran hat, dass in Amman der gemaessigte Haschemiten-Koenig das Heft in der Hand behaelt. DIE “STRAFAKTION” Die israelischen Reaktionen auf kleinere Grenzzwischenfaelle sind ebenfalls nur verstaendlich als Teil der allgemeinen Militaerpolitik. Die Israelis kennen ihre Nachbarn. Viele Maenner, die heute fuehrende Positionen in dem juedischen Staat einnehmen, sind in Palaestina geboren und haben jahrzehntelang mit der Arabern zusammengelebt. Es ist heute fast vergessen, dass in frueheren Zeiten zwischen Arabern und Juden meist ein recht gutes Verhaeltnis bestand, dass sogar die Balfour-Dekläration, in der England grundsaetzlich ja zum juedischen Staat sagte, von dem arabischen Chefdelegierten auf der Pariser Friedenskonferenz des Jahres 1919 ausdruecklich unterstuetzt wurde. Die Israelis stehen immer wieder vor der Frage, wie sie auf kleinere Grenzverletzungen, Schiessereien, Verlegung von Minen auf ihrem Gebiet, reagieren sollen. Wuerde jede derartige Aktion geahndet, gaebe es fast jeden zweiten Tag Irgendwelche kriegerischen Verwicklungen. Liesse man aber alles hingehen, wuerden sich die Araber ermutigt fuehlen, groessere Schritte zu wagen. “Wir wollen die Salamitaktik hier gar nicht erst beginnen lassen”, meinte einer der fuehrenden israelischen Militaers in einem Gespraech. “Wir kennen die Araber. Wenn wir nicht reagieren, nehmen sie an, wir haetten Angst, und werden von Mal zu Mal kuehner. Durch kleine, im voraus genau festgelegte und limitierte Gegenschlaege glauben wir, verhindern zu koennen, dass einmal ein ganz grosser Gegenschlag notwendig wird”. Diese Argumentation gilt im Prinzip sogar fuer den Angriff auf das Dorf Samua am 13. November 1966, der auch in Israel herbe Kritik hervorrief und dem Staat eine Ruege des Weltsicherheitrats einbrachte. Diese “Strafaktion” war eine Antwort auf einen Terrorakt einer Grupe der syrischen Guerilla-Organisation El — Fathach, die von jordanischem Boden aus operiert hatte. Der israelische Geheimdienst wusste, dass es in der Grenzgegend bei Hebron eine relativ grosse Zahl von Doerfern gab, deren Aelteste mehr mit der Aggressionspolitik der Befreiungsorganisation als mit dem gemaessigten Kurs des Koenigs sympathisierten. Ausserdem ist bekannt, dass sich keine Fremden und schon gar keine fremden Terroristengruppen in irgendeinem arabischen Gebiet ohne Wissen der Mullahs, eben der Aeltesten, aufhalten koennen. Der Schlag auf Samua war deshalb gedacht als eine Warnung an alle Dorfaeltesten der Gegend, Terrorgruppen keinen Unterschlupf, keine Operationsbasis zu bieten. Dass dieser Angriff dann allerdings innenpolitisch Koenig Hussein in Gefahr brachte, zeigt, dass auch limitierte Aktionen anders ausgehen koennen, als vorher auf dem Reissbrett geplant. Die Hoffnung der Israelis geht deshalb dahin, in absehbarer Zeit doch die Feindschaft ueberwinden zu koennen, das Gegeneinander irgendwann durch ein Miteinander zu ersetzen. Man ist ueberzeugt davon, dass die Kenntnisse, die man sich bei der landwirtschaftlichen und industriellen Erschliessung des Landes erworben hat, auch eines Tages den Nachbarn nutzbar gemacht werden koennen, so wie jetzt schon israelische Entwicklungshelfer ln der Tuerkel, in Persien und ln vielen nichtarabischen Staaten Afrikas mit ausserordentlichem Erfolg taetig sind. Zur Voraussetzung fuer eine derartige Aera der Zusammenarbeit, so wird argumentiert, gehoert freilich, dass die Araber die wirtschaftliche Potenz Israels ebenso hoch einschaetzen wie seine militaerische. Die Hoffnungen, man koenne den juedischen Staat durch einen Krieg "ausrotten” werden von ernst zu nehmenden arabischen Politikern heute kaum noch gehegt. Dieses Thema wird, wenn man von dem Fuehrer der Palaestinensischen Be f r ei - ungsorganisation, Ach m e d Schukeiri, absieht, fast nur noch fuer Propagandareden verwendet. Man spekuliert jedoch in den arabischen Hauptstaedten nach wie vor auf den eventuellen wirtschaftlichen Ruin des jungen Landes. Das wissen die Israelis ganz genau. Die Frage des Ausbaus der Wirtschaft ist heute das Zentralthema, mit dem sich die fuehrenden Kraefte des Landes befassen und mit dem sie ihre Besucher beschaeftigen. Man kann das in Zahlen ausdruecken; Das Aussenhandelsdefizit Israels betraegt fuer das Jahr I960 etwa 1,35 Milliarden israelische Pfund (oder 1,8 Milliarden D-Mark). NUR EXPORT KANN HELFEN Dieses Defizit ist durch Einschraenkungen nur sehr gering zu mindern, fuehrl Israel doch neben Industrie, und anderen wesentlichen Konsumguetern auch lebenswichtige ( Nahrungsmittel (allen Reis, zwei Drittel des Getreides, zwei Drittel der Oelfruechte, die Haelfte des Rindfleischs), ein. Nur ein vergroesserter Export kann, auf lange Sicht gesehen, dem Staat helfen; Export nicht nur der jetzigen Hauptausfuhrware, der Zitrusfruechte, sondern auch industrieller Produkte. Die fuehrenden W i r tschaftspolitiker des Landes wissen, dass dafuer neue Industrien aufgebaut werden muessen, Industrien, die sowohl den besonderen Gegebenheiten des Landes als auch den speziellen Kenntnissen und Faehigkeiten seiner Bewoehner entsprechen. Um diese Industrien sinnvoll planen und vorantreiben zu koennen, —und erst in zwei- (Fortsetzung Seite 8) Zu dem vorstehend abgedruckten Artikel erhielt die Zeitung “Die Welt” folgenden Brief, den wir ebenfalls von grossem Interesse fuer unsere Leser erachten: Zu Ihrem Artikel erlaube ich mir folgendes zu ergaenzen. Ernst Cramers Bericht ueber die Zwischenfaelle an den israelischen Grenzen stellt die juengst durch die europaeische Presse gegangenen Behauptungen des schwedischen Generals von Horn sachlich richtig. Ich selbst war im Mai 1966 in Israel, als zwei Gegenaktionen erfolgten. Seit Wochen war von Jordanien aus auf israelische Bauern geschossen worden. Vieh war geraubt, Minen waren gelegt worden. Auf der Strasse nach Jerusalem gab es einen Toten. Eines Nachts ueberschreiten junge Israelis die Grenze. Sie naehern sich dem Dorf, dessen Vorratslager zerstoert werden soll. Sie verteilen sich und rufen vor jedem Haus “Jehuda!”, das heisst: Juden, Israelis sind da! Die aus dem Schlaf geweckten Einwohner werden auf der Strasse zusammengetrieben. Der israelische Kommandofuehrer sagt ihnen: “Wir haben den Auftrag, euer Vorratslager zu sprengen. Wir tun das nicht gern. Aber wir sind in letzter Zeit wiederholt von eurem Land aus angegriffen worden. Einer unserer Kameraden wurde von euren Leuten getoetet. Unser Gesetz verbietet uns das Toeten. Wir wollen keinem von euch ans Leben. Aber ihr muesst wissen, dass wir uns gegen Angriffe zur Wehr setzen. Bleibt hier stehen, bis es geknallt hat. Dann geschieht niemand von Euch ein Leid”. Die psychologische Kriegfuehrung der Israelis ist perfekt: Die Soldaten des Vergeltungskommandos holten Lutschbonbons aus der Tasche und gaben sie den Muettern, die kleine Kinder auf dem Arm trugen. "Fuer den Schrecken, den die Kleinen erlitten haben!” Dann fliegt das Vorratslager in die Luft. Das Kommando rueckt ab. Niemand ist verletzt worden. Im zweiten Falle stellt das Vergeltungskommando fest, das in dem jordanischen Dorf eine Hochzeit gefeiert wird. Die israelischen Burschen legen sich in den Wuestensand und warten, bis die letzten Gaeste gegangen sind. Erst dann jagen sie das dafuer bestimmte Gebaeude auftragsgemaess in die Luft. Keiner wurde verletzt. So etwas steht nicht in den Zeitungen. Das erfaehrt kaum einer der auslaendischen js-orresporidenten. Die Israelis selber sprechen wenig darueber. Ich kenne die Orte ,an denen das hier Geschilderte geschah. Sie heissen: Aimagor und Qualquilia. Uno ich kenne Namen der Angehoerigen der beiden Vergeltungskommandos aus den Kibbuzim, in denen ich Freunde habe. Auch diese Art der Vergeltung gehoert zur Wirklichkeit dieses vielschichtig interessanten Landes. ERHARD EVERS, Hamburg