Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIX (1967)
- Issue
- 1 (Enero, 1967)
- Date
- 1967-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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BOLETIN INFORMATIVO o ENERO 1967 KETZERISCHE GEDANKENGAENGE DIE SCHOEPFUNG iMtggj Die Legende, das Symbolische, die Poesie wird durch den Film schonungslos zerstoert. Aus der Bibel einen Film zu machen, konnte keine leichte Aufgabe sein. Trotzdem ist es bemerkenswert, wie schlecht sie in dem Monumentalschinken geloest wurde, der im Moment in Santiago gezeigt wird. Buchstabenglaeubige, die die altehrwuerdige Version der ersten sieben Tage Wort fuer Wort verteidigen, sind wohl heutzutage schwer zu finden. Ebenso kompliziert sollte es sein, Rationalisten im Stil des 19. Jahrhunderts zu finden, welche unter Berufung auf Kopernikus oder Darwin die biblische Schoepfungsgeschichte ins Laecherliehe ziehen. Eine solche Diskussion waere ebenso unzeitgemaess wie etwa zwischen Monarchisten und Republikanern. Die religioese, wissenschaftliche, politische Entwicklung hat diese Kontroversen ihres Inhalts .beraubt. Der des Lesens kundige Teil der Menschheit weiss heute, dass die Erde nicht das Zentrum des Universums und noch nicht einmal unserer mittelgrossen Galaxie ist. dass Licht und Finsternis in Beziehung zu kosmischen, optischen und energetischen Phaenomenen stehen, die zu biblischen Zeiten noch nicht hinlaenglich bekannt waren, dass der “erste Mensch“ nicht im reifen Alter und in seiner ganzen frischrasierten Schoenheit zur Welt kam und etliches mehr. Trotzdem ist die Bibel nach wie vor der “Bestseller“ par excellence. Warum? Weil sie grosse moralische Lehren enthaelt. Weil sie ein Geschichtsbuch von dramatischer Intensitaet ist. Weil sie den Ursprung grosser Kulturen, die noch heute wirksam sind, behandelt. Weil ueber die Epoche, die sie beschreibt, nur sehr wenige andere Zeugnisse vorhanden sind. Von all den angefuehrten Gruenden trifft aber keiner auf die Schoepfungsgeschichte zu, zu deren Gunsten man nur ins Feld fuehren koennte, was wohl fuer den Verlagserfolg der Bibel im allgemeinen der ausschlaggebende Puntk ist: dass sie wunderbar geschrieben ist. Aber sonst? Der Versuch, das literarische Kunstfragment der Schoepfungsgeschichte in eine andere Kunstsprache zu uebersetzen, erfordert, ihr Wesen zu erfassen und davon das w i d e r z ugeben, was uebersetzbar ist. Michelangelo, der ein Genie war, brachte das fertig und die Tatsache, dass er Adam und seinen Schoepfer an die Decke der Sixtinischen Kapelle malte, zeigt schon allein, wie sehr er sich der Schwierigkeit seiner Aufgabe bewusst war. Er zwang naemlich die Betrachter, sich. von der Erde weg zu wenden, von der Wirklichkeit weg, gen Himmel zu blicken... und das in einer glaeubigen Epoche! Mr. Huston dagegen ist kein Genie und macht auch vielleicht keinen Anspruch darauf. Trotzdem musste er sich klar darueber sein, dass an der wunderschoenen Geschichte von Adam und Eva nur noch zwei Dinge Gueltigkeit haben. Das erste ist, wie gesagt, die schoene Sprache. Die konnte er nicht in den Film uebersetzen und der Versuch, sie in Worten von Christopher Fry hineinzurezitieren, ist mehr gekuenstelt als kuenstlerisch. Das andere noch guelt'ige Element ist die Legende, das Symbolische, die Poesie. Weit davon entfernt, dies auch nur andeutungsweise zu vermitteln, wird es durch den Film schonungslos zerstoert. Das liegt vielleicht an dieser modernen Form der Kunstgattung, die in ihrer Veranschaulichung und Konkretisierung die Gestaltung von Gleichnissen, von Andeutungen, sehr erschwert. Das heisst aber noch nicht, dass die Aufgabe unloesbar ist. Frappant an dem durch Huston mit grossem Aufwand fabrizierten Misse rfolg ist aber nicht, dass es ihm nicht gelang, sie zu loesen, sondern dass er sie sich erst garnicht richtig formulierte. Er be gnuegte sich mit einer buchstabenglaeubigen, kindlich— naiven Uebersetzung des alten Pergaments in glorreiches Technicolor. Moege ein wirtschaftlicher Misserfolg ihn davon abhalten, die angedrohten Fortsetzungen zu drehen. DIE KANZLER Es ist gar keine Frage, dass uns die Entwicklung und die E r e i g nisse in Deutschland mehr beruehren als die der meisten anderen Laender. Dabei braucht man sich noch nicht einmal zu Extremen zu versteigen wie jener Redner, der kuerzlich daran erinnerte, welch zartes Pflaenzchen die Demokratie in der BRD nun einmal sei und wie wichtig es fuer die Welt, den Frieden und uns .luden waere, sie zu pflegen. Im Gegenteil, die Dinge dort beruehren uns, obwohl wir lieber garnichts damit zu tun haben wollten. Aber da gibt es so viele Faktoren wie die unvergessene Vergangenheit die Sprache und Kultur, kollektive und individuelle Belange, welche eine Flucht in das andere Extrem-Deutschland geht mich genau so viel an wie Frankreich oder Indien— versperren. Darum koennen Tatsachen wie der kuerzliche Kanzler - Wechsel in Bonn, die sich damit anbahnende Neuorientierung und die fast gleichzeitigen Wahlerfolge der neuen Nazi-Partei nicht unerwaehnt bleiben. Ebenso wenig kann es der Umstand sein, dass der neue Kanzler Kurt-Georg Kifs'nger von 1984 bis zum, bitteren Ende Mitglied der NSDAP und beruflich im Goebbels’schen Propaganda - Ministerium taetig war. Sein Finazminister Franz Josef Strauss hatte waehrend der Koalitionsverhandlungen erklaert, es sei nun schon an der Zeit, diese mehr als 20 Jahre zurueckliegenden Dinge zu vergessen. Das dies keine anstaendige Einstellung ist braucht nicht bewiesen zu werden, aber die Ereignisse zeigen, dass sie realistisch ist. Die neurotische Verdraengung der zwoelf Jahre Nazi- Regime aus dem deutschen Bewusstsein macht Fortschritte, die nicht aufgehalten werden koennen. Unter Adenauer schon war es moeglich, dass der Staatssekretaer im Kanzleramt PG gewesen war. Heute sind es schon gesaehlte Stimmen, die in Deutschland selbst sich erheben, weil es der Kanzler in Person war. Die Sozial-Demokraten, die als einzige einem etwaigen Protest gueltigen politischen Ausdruck haetten verleihen koennen, haben es jedenfalls nicht getan. Es ist sicher nicht abwegig, in diesem Zusammenhang noch einmal an die beiden Vorgaenger des neuen Kanzlers zu erinnern. Adenauer war waehrend des Tausendjaehrigen Reichs ein Verfolgter. Als Kanzler hat er sich historische Verdienste nicht nur zur schrittweisen Wiederherstellung des deutschen Namens erwor b e n, sondern ganz besonderes Verstaendnis fuer uns Juden und Israel unter Beweis gestellt, Manche Fehler und selbst solche ganz grober Art —das Vertrauen, das der erwaehnta Herr Globke bei ihm genoss oder die Weigerung, die Beziehungen zu Israel anzuknuepfen— koennen dieses Gesamtbild vielleicht beeintraechtigen, aber keinesfalls in ihr Gegenteil verkehren. Sein Nachfolger Erhard hat- MONATSSPIEGEL KURT GEORG KIESINGER Der dritte Kanzler der BRD. te eine ebenso weisse Weste. Als Kanzler war er in all seinen Aeusserungen und Handlungen in Bezug auf Juden und Israel absolut korrekt. Die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen war sein Werk, auch wenn dazu manch aeusserer Anstoss staerker war als der freie Entschluss. Diese fuer einen Staatsmann unguenstige Relation zwischen Zwang und Entscheidung hat aber auch andere Etappen seiner Karriere beschattet und in Grunde genommen war sie es vielleicht, die ihr ein nicht nur vorzeitiges, sondern vor allem klangloses Ende bereitete. Uns soll sie aber nicht davon zurueckhalten zu bescheinigen, dass mit ihm ein sehr anstaendiger Mann von der politischen Buehne abgetreten ist. Kiesinger dagegen ist vorbelastet. Zwar nicht als Mittaeter nazistischer Untaten, aber als Mann, der es bequemer fand, seine Karriere nicht seinen Ueberzeugungen zu opfern. Das ist nun einmal eine Tatsache, die auch durch seine sehr einwandfreie Haltung in der Nachkriegszeit und vor allem als Premierminister yon Württemberg nicht ausradiert werden kann. Andererseits ist es durchaus moeglich, dass sie in Form eines schlechten Gewissens als Ansporn dient, dieses schreckliche Versagen -es ist mehr als eine Jugendsuende!— “wiedergutzümachen”. Gelegenheiten dazu gibt es in Huelle und Fuelle. Eine davon bietet sich bei jedem Anlass, der es ihm gestattet, nicht im Sinne der macchiaveilischen Empf e h 1 u n g Strauss’ zu handeln, jene 12 Jahre zu vergessen. Die kuerzlichen Wahlerfolge der Erben des braunen Unrats stellen einen solchen Anlass dar. Was Kiesinger dazu sagte, klang, obwohl es auf eine Bagatellisierung hinauslaeuft, sehr vernuenftig. Es bleibt aber abzuwarten, was er dazu tut. Auch die Person des Vize- Kanzlers und Aussenministers Brand gehoert in diesen gedanklichen Rahmen. Dies nicht nur aufgrund des protokollarischen Ranges, sondern vor allem durch die tatsaechliche Bedeutung, die ihm innerhalb der Koalition zukommt. Mende war nie ein richtiger Vize-Kanzler gewesen, ganz einfach weil seine FDP eine recht armselige Wahimaschine ist, die ihm mit mehr Glueck als sonstigen Attributen zur Funktion des Zuengleins an der Waage verhelfen konnte. Die einzige entscheidende Tat seiner Regierungskarriere bestand daher darin, das Schiff zum Sinken zu bringen und sich selbst auszubooten. Mit dem Eintritt der SPD dagegen ist eine Regierung zustande gekommen, die zwei Partner hat. Dass ihr erster Mann darin nicht nur Vize- Kanzler ist, sondern auch Aussenminister, ist absolut kein Zufall. Die Aussenpplitik der BRD tritt naemlich, nach dem Zusammenbruch der Hallstein-Doktrin, in eine neue Phase ein. Beziehungen zu osteuropaeischen Staaten werden angeknuepft werden. Und die Beziehungen mit den arabischen Staaten werden wieder aufgenommen werden, frueher oder spaeter. Es waere ein krasser Irrtum, eine solche Entwicklung in Funktion der deutsch-israelischen Beziehungen analysieren zu wollen, wenn sie einmal eintritt. Trotzdem wird es von groesstem Interesse sein, Brand zu beobachten. Er ist jung, er kann der kommende Mann sein, auch wenn das Bild vom “deutschen Kennedy”, das seine Freunde von ihm malten, in den letzten Jahren etwas verblasst ist. Die Nazi-Zeit bat er im Ausland verbracht und im Weltkrieg auf norwegischer Seite gegen Hitler . gekaempft, sodass, was immer er auch tut, er gegen moegliche Vorwuerfe von dieser Seite gewappnet ist. Deutsche Politik ist und bleibt also komplizierter, als es in der Fibel steht. Der Redner hatte recht, dass das PFaenzchen Demok r a t i e nicht recht gedeihen will. Wenn sie nur nicht so uebereifrig allein den Baum des Wirtschaftswunders begossen haetten! Nun schwanken beide im Wind und es wird interessant sein zu sehen, was sie tun werden, um sie zu stuetzen. Sie, nicht wir, d.nn es ist nicht unsere Sache. ATSCHEKA