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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1966-12-01 · 12 (Diciembre, 1966) · p. Seite 11

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXVIII (1966)
Issue
12 (Diciembre, 1966)
Date
1966-12-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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DICIEMBRE 1966 BOLETIN INFORMATIVO 11 WIEN - IN SEINEM WIDERSPRUCH Von Herbert Freeden (Jerusalem) Eine verhaengte Sonne liegt ueber Wien. Der Volksgarten hat die mueden Farben des Herbstes angenommen. Im ehemaligen Starhemberg - Palais am ¡Minoritenplatz ist der Sitz des Bundesministeriums fuer Erziehung. Barocke Treppen, Spiegel, Marmorsaeulen, Vasen. Der Herr Minister laesst bitten. Sorgfaeltigst gekleidet, wie zu einem diplomatischen Empfang, mit glattem, gepflegtem Gesicht, stellt mir U n t e rrichtsminister Piffl- Percevich seinen Auslandsreferenten vor. Ich frage, wie es in Oesterreich mit dem Schulunterricht in Zeitgeschichte stehe. Boese Zungen behaupteten, dass das Geschichtspensum mit dem Tode des alten Kaisers im Jahre 1916 (aufhoere. Elegant wie seine Bewegungen und sein Zigarettenetui ist die Antwort des ¡Ministers. Zweimal innerhalb der neunjaehrigen Schulzeit werde die Geschichte bis zur Gegenwart durchgenommen, einmal von der .1 - 4.' Klasse, und dann ausführlicher von der 5. - 9. Klasse. ‘Besonders diejenigen Lehrkraefte, die nicht erst nach dem 2. Weltkrieg auf die Universitaet gingen, besuchen staendig Seminare fuer Zeitgeschichte an den Universitaeten, sozusagen Schulungskurse fuer die Schulenden, in ¡denen auch Politiker als Vortragende zu Worte kommen”. DER FALL BORODAJKEWYCZ Eine weitere Frage dem Fall Borodajwekycz. Jener Wiener Professor fuer Wirtschafts - und Sozialgeschichte war bereits vor dem Anschluss ein aktiver Kaempfer der Nazi - Untergrundbewegung gewesen, und erhielt 1955 seinen Lehrstuhl wieder. Zehn Jahre lang dozierte er unveraendert und ungehindert seine Ansichten — bis zu dem eklatanten Skandal im Maerz 1955. Nach einer Pressekonferenz, in der er vor offenen antisemitischen Agressionen nicht zurueckscheute, kam es zu Studenten >- Demonstrationen fuer und gegen ihn. In ihrem Verlauf wurde ein ehemaliger KZ— Haeftling, de r Nichtjude Ernst Kirchweger, toedlich verletzt. Inzwischen ist Borodajkewycz suspendiert und wartet auf seine Pensionierung. Der Unterrichtsminister haelt die Borodajkewycz-Affaere fuer eine untypische Episode.; “Hinter den Professor stellten sich keineswegs nur solche Kreise, denen man antisemitische Tendenzen nachsagen kann. Hier ging es um die Persoenlichkeit eines beliebten Dozenten, ein gewisser Treue - Komplex spieite eine Rolle. Manche Studenten behaupteten, die Berichterstattung in der Presse waere nicht objektiv gewesen, und zogen deshalb auf die Strasse. Die Demonstration ist nicht etwa gleichzusetzen einer Identifizierung mit seinen Aussagen”. ZORNIGE JUNGE MAENNER• Bekanntlich hatten bei den Parlamentswahlen zum Nationalrat im Fruehjahr 1966 von insgesamt 165 Sitzen die christlich - konservative Oester reichische Volkspartei (OVP) 85 Mandate, die Sozialisten (SPO) nur 74 Mandate erhalten, sodass zum ersten Mal in zwanzig Jahren die “schwarz - rote” Koalition zerbrach und die OVP allein die Regierung bildete. Die sechs restlichen Sitze wurden von der Freiheitlichen Partei Oesterrei c h s (FPO) eingenommen, einem Sammelbecken nationalistischer Elemente. Unter den Studenten aber liegt das Verhaeltnis voellig anders. In ihren Vertretungen hat die OVP 55%, die SPO nur 11%, dagegen der rechtsradikale Ring Freiheitlicher Studenten (R F S) 28%. Ich bitte den Minister um eine Erklaerung. Herr Piffl - Percevich bestreitet, dass der RFS sich lediglich aus nationalistischen Kreisen zusammen setze. Manche Studenten wollen nur ihren “Aerger” abladen — “angry young men” (zornige junge Maenner) - andere seien nationalliberal oder antiklerikal, ohne Sozialisten zu sein; es stimme auch nicht, dass die Terroristen in Suedtirol sich ausschliesslich aus den Kreisen des RFS zusammensetzen. Der Minister ¡sieht in dem hohen Prozentsatz “keine sich zusammenballende Gefahr”. Seiner Meinung nach sei der Prozentsatz der Antisemiten unter den oesterreichischen Studenten s icherlich nicht hoeher als der in Frankreich oder Italien. “Ganz anders war das nach dem ersten Weltkrieg” faehrt er fort, “damalslitten die jungen Leute an einem Minderwertigkeitskomplex, Ihre Tradition war nicht oesterreichisch; sie dachten grossdeutsch und Oesterreich galt ihnen nur als Belastung. Heute ist das ganz anders: sie bejahen den oesterreichischen Staat”. PROSPERITAET STABILISIERT Die Formung eines neuen oesterreichischen Staatsbewusstseins: das betonte auch Chefredakteur Pisa in unserem Gespraech, als ich ihm in der Zentrale der OVP, in der Kaemtnerstrasse neben der Staatsoper gegenuebersass. Herr Pisa, verantwortlich fuer die Parteipublikationen, ist einer der markantesten Intellektuellen der juengeren Generation der OVP und man sagt ihm eine grosse Karriere voraus. In den Jahren nach dem 1. Weltkrieg, so meint er, liess die Schockwirkung des Zusammenbruchs ein eigenes oesterreichisches Nationalgefuehl nicht aufkommen. Das ploetzliche Fehlen eines geeinten Wirtschaftsblockes im Donauraum hatte katastrophale Folgen fuer das kleine Land; es war, mit den neuen Grenzen gegen Ungarn, Jugoslawien und der Tschechoslowakei, von seinen bisherigen Versorgungsgebieten und Absatzmaerkten abgeschnitten, und seine Konsolidierung wurde durch das Entstehen totalitaerer Regime im Sueden — Italien — und im Norden — Deutschland — behindert. Herr Pisa ist optimistisch, was die Gegenwart anbelangt. Heute iverfuege Oesterreich ueber drei grosse Wirtschaftspotentiale - Erdoel, Wasserkraft und Tourismus, sei Mitglied der EFTA und bemuehe sich um eine Assoziierung mit dem europaeischen Markt. Hier allerdings gaefoe es gewisse Probleme die aus dem 1955 mit den vier G r ossmaechten geschlossenen Staatsvertrag .resultieren, in dem Oesterreich seine “immerwaehrende Neutralitaet” erklaert. Nach russischer Auffassung sei die EWG die wirtschaftliche Basis der NATO, und eine automatische Nachvollziehung ’ der EWG - Beschluesse wuerde Russland als eine Einbusse der oesterreichischen Souveraenitaet ansehen. ANTISEMITISMUS UNERWUENSCHT In diesem Oesterreich, das sich mit Stolz zu seiner ¡nationalen Identitaet bekennt, herrsche der Geist der Toleranz, sagte mein Gespraechs- Partner. Er hofft, dass sich viele der 600.000 eingeschriebenen Nazis, die es vor dem Anschluss gab, durch die “Erziehung zur Toleranz” geaendert haetten. Natuerlich gaebe ¡es, wie ueberall in Europa, ¡eine gewisse Frustration der Jugend; anderswo druecke sie sich in Erscheinungen wie Gammler und Beatniks aus, in Oesterreich koenne sie zu Terrorakten in Suedtirol oder nazistischen Tendenzen fuehren, aber das seien Randerscheinungen. Wichtiger ist ihm festzustellen, dass die antisemitischen Entgleisungen seitens seiner Partei beim Wahlkampf im v e r g a n g enen Fruehjahr ¡gegen die Weisungen und Ueberzeugungen der Parteileitung erfolgt waeren, von untergeordneten ¡Stellen in der Provinz, und auch dort nicht, weil man antisemitisch fuehlte, sondern weil man sich dadurch einen taktischen ¡Vorteil erhoffte. In einem OVP - Flugblatt hiess es: “Die Juden in der SPO greifen nach der Macht: Pittermann, Kreisky, Czernetz, Waldbrunner” — und in einem anderen: “Herr Pittermann, Kreisky, Waldbrunner, werden Sie wieder ins Ausland emigrieren?.. Das wird Ihnen dank Ihrer Verbindung zum internationalen Judentum sicher sehr leicht gelingen” (Uebrigens sind Pittermann und Waldbrunner keine Juden). Demgegenueber erklaerte der Generalsekretaer der OVP, Hermann Withalm, als Fraktionschef am 22. April 1966 im Parlament: “Jeder Buerger... muss (den Antisemitismus als primitive Form der Pauschalverurteilung selbst verurteilen, Es darf in unseren Reihen keine wie immer geartete Form des Antisemitismus geben”. Der jetzige Bundeskanzler Dr. Josef Klaus hatte sich schon als Obmann der Partei auf dem OVP - Kongress 1963 in Klagenfurt “fuer meine Person und fuer die Partei von jedem direkten und indirekten Antisemitismus distanziert”.; Dr. Bruno Kreisky, sozialistischer Aussenminister der letzten Koalitionsregierung, war das Ziel antisemitischer Angriffe gewesen. Dr. Kreisky empfing mich im Buero der SPO fuer Niederoesterreich in der stillen Grillparzerstrasse, hinter der Universitaet. Er ist der erste juedische Staatsmann, den das Nachkriegsoesterreich hervorgebracht hat, und obwohl er es ableugnet, wurde er verschiedentlich als moeglicher Nachfolger im UN-Sekretariat fuer U-Thant genannt. “Echten virulenten Antisemitismus in der Jugend gibt es nicht”, erklaerte Dr. Kreisky kategorisch, “er hat nur in der Wahlpropaganda der OVP eine Rolle gespielt”. Er stempelte den Antisemitismus als ein “kleinbuergerliches Phaenomen” ab, das in der jungen Generation nur dann ein Echo finde, wenn sie einer entsprechenden Propaganda ausgesetzt sei. Natuerlich gebe es auch in der Jugend extremistische Gruppen, aber die seien mit Suedtirol beschaeftigt. Aus dem Archiv laesst er sich die Ergebnisse einer juengsten demoskopisc h e n Untersuchung kommen. 45% der Befragten haben den Judenmord als das groesste Verbrechen unserer Geschichte bezeichnet, 8% hatten nichts gegen ihn einzuwenden. Die Meinungen der restlichen 47% blieben mehr oder weniger farblos. Dr. Kreisky, der 1928 aus der juedischen Gemeinde ausgetreten ist, wird auch von seinen Gegnern als einer der profiliertesten politischen Persoenlichkeiten im heutigen Oesterreich respektiert. “Wie sich die SPO in ihre neue Rolle findet? “Opposition ist eine viel schwerere Sache, als sie denen scheint, die sie zu machen haben” sagt er. “Die Regierung ist ebenfalls nicht an eine Opposition gewoehnt, das ist eben die Hypothek, die auf der oesterreichischen Demokratie lastet. Es hat keine Bewusstseinsveraende tung stattgefunden, wie sie eigentlich durch einen echten Bruch nach 20 jaehriger Koalition notwendig waere. Es ist nicht leicht, Opposition zu lernen. Sie kann in ein Spiel ausarten, ein gutes oder schlechtes, aber wie in Tennisspiel kommt es auf den Gegner an...” Aussenpolitisch, so faehrt Dr. Kreisky fort, war die Koalitionsregierung ein Kompromiss. Jtetzt sei die ,SPO nicht mehr zur Rücksichtnahme gezwungen; sie habe nichts gegen einen Vertrag mit der EWG,, aber sie wuerde. sich gegen ein weitgehendes Abkommen wehren, das Oesterreich de facto integriert. Was ihm vorschwebe, sei ein lockeres, rein oekonomisches Verhaeltnis, keine Integration. Seine aussenpolitische Konzeption basiere auf einer Neutralitaetspolitik nach Schweizer Vorbild. Auf Dr. Kreisky’s Schreibtisch steht ein Kalender mit arabischer Inschrift — ein Souvenir von seinem Staatsbesuch in Kairo aus dem Jahre 1964. Er scheint meine Frage, warum er waehrend seiner Amtszeit nicht den Einladungen der israelischen Regierung nachgekommen sei, ¡nicht zu schaetzen. Er habe auch andere Einladungen abgelehnt, sagt er ausweichend, und jetzt waere eine Israelreise nicht mehr aktuell, da die Regierungseinladung entfalle und er sich primaer mit Innenpolitik beschaeftigen wolle. NICHT SEIN KANN, WAS NICHT SEIN DARF Das Fazit dieser Gespraeche, die von Begegnungen mit Maennern der oeffentlichen Meinung und des oeffentlichen Dienstes, mit Dozenten, Doktoren und Diplomaten, ergaenzt wur den: Oesterreich kann sich Antisemitismus nicht leisten und deshalb ignoriert es ihn; da das Vorhandensein von Antisemitismus seiner staatlichen Konzeption inopportun ist, wird er von den verantwortlichen Politikern bagatellisiert. Denn die staatliche und nationale Existenz Oesterreichs basiert auf einer Fiktion: dass Oesterreich nicht ein Partner, sondern lein Opfer des Nationalsozialismus war. “Im Maerz 1938 besetzten deutsche Truppen Oesterreich, das damit gewaltsam dem Deutschen Reich eingegiiedert wurde. Viele zehntausende Oesterreicher wurden verhaftet und in Konzentrationslager gebracht”, heisst es .¡in der amtlichen Publikation “Oesterreich — Tatsachen und Zahlen”; sie erwaehnt weder, dass ein grosser Teil der Bevoelkerung gefuehrt vom katholischen Kirchenhaupt die deutschen Truppen mit Jubel empfing, noch dass ein grosser Teil der verhafteten Oesterreicher Juden waren. Die Fiktion der gewaltsamen Eroberung Oesterreichs durch die Deutschen ist Voraussetzung fuer Freiheit und Souveraenitaet gewor den; auf sie gruendet sich der Staatsvertrag mit den vier Grossmaechten. Mit diesem Staatsvertrag hat Oesterreich ein Wunder vollbracht: aus einem viergeteilten Land von Besatzungstruppen und beschlagnahmten Industrie e n ist es zu einem souveraenen Staat geworden, der nicht nur seine politische und wirtschaftliche Handlungsfreiheit wiedererlangt hat, sondern (dem es gelungen ist, neutral in der Ost - West - Konfrontation zu bleiben und mit beiden Seiten im besten Einvernehmen zu leben. Oesterreichs Vergangenheit ist mit dem Staatsvetrag offiziell “bewaeltigt” worden. Deshalb 'lind antisemitische Erscheinungen nicht weniger unerwuenscht wie juedische Forderungen nach Restitution. Deshalb endeten die iwe- (Fortsetzung Seite 12)

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