Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXVIII (1966)
- Issue
- 11 (Noviembre, 1966)
- Date
- 1966-11-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 BOLETIN INFORMATIVO NOVIEMBRE 1966 U.S.A. - REISETAGEBUCH (ll) 1966: Mit keiner Stadt der Welt... Der Kantor singt ¡“Kol Nidre”. Ein Chor von dreissig Maennern, in Talare gehuellt begleitet ihn. Die akustische Kulisse wird, in schwellendem Crescendo, von zwei Orgeln auf geibaut; in der visuellen loest sich eine phosphoreszierenden Menorah in aufsteigendem Nebel auf. Wo? Natuerlich keineswegs in einer Synagoge, sondern im “Radio City”, dem groessten Kino der Welt. Und zwar als Teil der Show, die dem Film vorangeht. Auch mexikanische Volksli e d e r wurden geboten. Und zwei Akrobaten turnten auf einem Tisch. Am Schluss tanzte das Ballet der “Roekettes”, vierzig? fuenfzig? sechzig? Maedels, alle Beine gleich lang, alle Taillen gleich schlank, alle Schultern gleich hoch. Die gleichen Orgeln spielen, trara lala, trara lala, tra lala la und dann erscheinen etliche homines ex machina, aus dem Keller hervorgebohrt, und behaupten —denn so lautet der Text zur Melodie—: NEW YORK IST EINZIGARTIG Strophe auf Strophe werden die Reize anderer Staedte gepriesen, wie wunderschoen San Francisco, wie wachstumsfreudig Los Angeles, wie verwaltungseifrig Washington oder wie stilvoll New Orleans sei, aber der Refrain war immer; wieder dazu bestimmt, jeden etwaigen Zweifel zu zerstreuen und die urspruengliche Idee zu bekraeftigen: New York ist einzigartig. ■ Kein Zweifel, dass sie recht haben. Der alte Hegel schon hatte entdeckt, dass quantitative Unterschie d e, wenn sie extrem werden, in qualitative Umschlägen. Wasser bei 5°C —Verzeihung, bei 419 Fahrenheit— ist kaelter als Waser bei 209, aber Wasser bei 0° ist nicht kaelter sondern Eis, und bei 1009 ist es nicht heisser, sondern Dampf. So ist auch tfew York mit seinen 11 Millionen Einwohnern nicht doppelt so gross wie Buenos Aires oder viermal so gross wie Santiago, nicht schoener reicher besser schlechter..., es ist anders, es gehoert zu einer anderen Kategorie und diese Kategorie hat einen Namen, der ist New York. Und die vier Saenger, zwei Weisse, zwei Neger, die jetzt wieder in machina, in das Erdgeschoss versinken, haben recht: New York ist einzigartig. Man soll es mit keiner Stadt der Welt vergleichen, denn alle anderen sind irgendwie Stadt im herkoemmlichen Sinne, New York aber ist New York. Der Film, der nach dem Ballet gezeigt wurde, war so miserabel, dass er genug Müsse und Beschaulichkeit aufkommen liess, um ueber das Vorprogramm nachzudenken: Die Gitarren von Jalisco und Tehuantepec, die Akrobaten, die; Rockettes... und Kol Nidre. Kitsch? Ja, aber warum? Weil eine solche Mischung von Erhabenem und Profanem, ein solches Nebenein ander, Durcheinander unseren durch Jahrhunderte alte Tradition gepraegten Geschmack vergewal t i g t? Nun, so ist New York, so ist Amerika! Jung, lungestuem, mit einer Tradition, die keine ist, weil sie erst entsteht, aus puritanischen, juedisehen katholischen, afrikanischen Elementen, mit technologischen und kommerziellen Ingredienzen, wo die Nationalhymne gespielt und die Nationalflagge gehisst wird mit und ohne Grund, mit und ohne Konfetti, mit und ohne Ausverkauf, wo Erhabenes und Profanes zusammen gehoert und wo Kitsch kein Kitsch mehr ist, weil er gigantisch ist und perfekt. Weil es keine Frage von billigerem od e r besserem Kitsch mehr ist, keine Frage von Quantitaet, sondern von Qualitaet: perfekter Kitsch ist eben kein Kitsch mehr. Bevor man das nicht innerlich akzeptiert, es blasiert abtun will, wird man ein schlechter Tourist sein, denn man muss sich einer ungeheuren Fueille von Eindruecken —manche der bezeichnendsten unter ihnen— erwehren, statt sie zu gemessen. Freunde sollten uns helfen, die letzten Zweifel zu zerstreuen: “Wie wirkt das auf Euch, die Akrobaten, Kol Nidre...? “Durch eine Akzentverschiebung zielte die Antwort in eine andere Richtung: “Das ist selbstverstaendlich fuer uns. In der Woche von Jom Kippur wird Kol Nidre gebracht. Dafuer sehen wir bei christlichen Feiertagen Oster— oder Weihnachtslieder So ist Amerika, so ist New York!”. JUEDISCHES SELBSTBEWUSSTSEIN Es spricht daraus eine Art von juedischem Selbstbewusstsein, d i e vollkommen sui generis ist. Es ist nicht das nationale Selbstbewusstsein, das man nur in Israel erleben und miterleben kann. Es ist auch nicht das Selbstbewusstsein anderer jueöischer Gemeinschaften in der Zerstreuung. Denn das beruht zum grossen Teil auf der Tatsache, als Minderheit inmitten einer andersnationalen und anderskonfessionellen Mehrheit zu leben. Die zwei Millionen oder mehr Juden von New York sind keine Minderheit. Einen ideologischen Ausdruck hat diese Tatsache, dieses Novum in der Geschichte der Diaspora, nicht gefunden. Das ruehrt zum Teil daher dass die Amerikaner ueberhaupt mehr zum Praktischen als zum Ideologischen tendieren. “Von einer Jeschiwah am Broadway wird kein neues Licht in Israel aufgehen”, hat Nahum Goldmann einmal gesagt. Er wuerde sich wohl schon damit zufrieden geben, wenn sie hilft, das alte Licht nicht ausgehen zu lassen. Oder wenn dies den konservativen Gemeinden gelingen wuerde —“konservativ” entspricht in U. S. A. ungefaehr der Einstellung und dem Ritus, den man in Deutschland “liberal” nannte—, oder den reformierten. Oder den Logen oder, das waere wohl der sicherste Weg, der Zionistischen Organisation von Amerika. Naturgemaess hat letztere nicht die Bedeutung und den Einfluss im juedischen Leben, den sie beispielsweise unter uns hat oder anderswo, wo Juden nicht nur als Minderheit leben, sondern vor allem wie eine Minderheit. Am erfolgreichsten scheinen die finanziellen Instrumente der ZOA, beguenstigt durch Steuervorteile fuer gemeinnuetzige Spenden im algemeinen, sowie Hadassa zu arbeiten. Aber das Gemeindemitglied, das fruehmorgens mit der Untergrundbahn nach Manhattan zu seinem “job” faehrt und abends vor dem Fernseh-Bildschirm sein Nickerchen haelt, kompliziert sich im allgemeinen nicht das Leben mit philosophischen Betrachtungen. “It is the way it is” sagt er, in dieser an Worten aus zwei oder drei Buchstaben taeiglich reicher werdenden Sprache. Das ist nunmal so... Das ist nun mal so, dass Manhattan am Jom Kippur tot ist, ausgestorben, mit geschlossenen Geschaeften, leeren Fahrzeugen, entvoelkerten Strassen, schulfreien Kindern. Und ein grosser Teil der Menschen, die sonst an Werktagen produzieren und konsumieren, verkaufen und kaufen, in Taxis fahren und Taxis lenken, Propaganda machen und daran glauben, die befinden sich in orthodoxen, konservativen, reformierten Synagogen. Als Wahrzeichen der Reform steht in der vornehmsten Gegend. 5th Avenuei mit Blick auf den Central Park, der Tempel Emanu-El. Er gilt, wie dies ja nicht anders sein koennte, als die groesste Synagoge der Neuzeit, und der Baustil wird von Kennern als romanisch, mit Verwertung byzantinischer und nahoestlicher Elemente, beschrieben. Wer dessen nicht eingedenkt ist, koennte bei oberflaechlicher Betrachtung denken, sich einer suedfranzoesischen Kathedrale zu naehern. Aber die Preise der Eintrittskarten zu den Hohen Feiertagen sind amerikanisch. Gewillt, dort Neilah mitzuerleben ,naehern wir uns der Pforte, mangels einer Eintrittskarte —siehe oben— die Hand bereits am Pass —von so weit hergekommen!—, an der Pressekarte —wir wollen nur berichten, beileibe nicht gratis beten!— doch der strenge Pfoertner gebietet Halt. Zu!- Zu? Zehn Minuten nach fuenf?— Wir schliessen um fuenf. Das ganze Jahr ueber!— Was heisst das ganze Jahr ueber? Heute ist doch Jom Kippur!— Nu, und ist Jom Kippur ein Grund, spaeter zu schliessen?. Diese kategorische Antwort im rhetorischen Gewand der Gegenfrage, die zumindest ist juedisch. Inhaltlich deckt sie sich mit dem Witz, den “Time” zum Zwecke einer Charakterisierung der drei religioesen Stroemungen im amerikanischen Judentum gab: Man soll den Juden fragen, ob er am Jom Kippur fastet. Antwortet er ja, dan ist er orthodox, antwortet er nein, dann ist er konservativ. Gehoert er aber zu einer Reform-Gemeinde, dann wird er antworten: Was ist Jom Kippur?”. Drei Strassen weiter ist eine orthodoxe Gemeinde, deren Vize-Praesident der Schriftsteller Herman Wouk (“Meuterei auf dem Caine”, “Das ist mein Gott”) ist. Eine konservative befindet sich ungefaehr auf der gleichen Hoehe, der 66. Strasse, aber auf der bescheideneren, westlichen, Seite des Central Park. DER KONSERVATIVE GOTTESDIENST Sie traegt den Namen “Habcnim” und ihre Mitglieder sind Menschen unserer Emigration. Auch deren Anzahl und die Groesse des Gemeindehauses situieren sie an die Seite unserer “Bne Jisroel” und erleichtern damit aller Art Vergleiche. Dies trifft ebenso auf die Synagogen-Gemeinde einer Mittelstadt - Hartford, Conn. zu, wo wir zu Rosch Haschana einen Einblick gewannen. Naturgemaess ist Vieles sehr aehnlich. In mancher Hinsicht aber koennte der dortige Gottesdienst als Vorbild gelten, ohne dass bei der Nachahmung unüberwindliche Hindernisse auftauchen muessten.. An erster Stelle .muss da das einheitliche 'Gebetbuch erwaehnt werden, das in genuegender Anzahl fuer alle Besucher zur Verfuegung steht und in Uebereinstimmung mit der tatsaechliehen Gebetsordnung gegliedert ist. Ein Kunterbunt von neuen Gebetbuechern aus dem Verlag Sigal oder Estrellas, neben ehrwuerdigen, aber alten Teifiloth von Brandeis oder Roedelheim, wie es bei uns vorkommt und das Folgen des Gottesdienstes erschwert, gibt es dort nicht und liesse sich auch wohl bei uns ueiberwinden. Es mag stimmen, dass das Problem nicht neu ist, wenn es wahr ist, dass der auswaertige Besucher einer Frankfurter Synagoge vor fuenfzig Jahren fragte: Hier heisst es, dieses Gebet wird in einigen Gemeinden nicht gesagt. Warum wird es hier doch gesprochen? Worauf der Ein-, heiimischie antwortete: Weil Frankfurt keine “einige” Gemeinde ist! Aber auch alte Probleme koennen einmal geloest werden, wie z. B. das der Verwirrung aller jener, die sich nicht zu den Schriftgelehrten zaehlen duerfen. Wo solche Verwirrung noch bestehen oder entstehen koennte, greift vorbeugend das dientshabende Vorstandsmitglied oder der Rabbiner ein .indem er Gebet und Seite nennt. Der entsprechende Hinweis wiederum —und dies ist Punkt Nummer Zwei— wird selbstverstaendlich auf englisch v.orgetragien, ebenso wie die Predigt und ein Teil der, zum Teil gemeinsam rezitierten, Gebete selbst. Deutsch? Das gibt es einfach nicht mehr. Was die Gruende anbetrifft, so sind es natuerlich deren viele. Die Tatsache, dass fuer Deutschsprachige englisch leichter erlernbar ist als spanisch, dass diese Menschen den Krieg gegen Deutschland in USA. und zum Teil sogar bei der Armee mitgemacht haben, dass der “Schmelztiegel” —soweit es die sprachliche Integration anbeitrifft— wirklich Tag und Nacht im Feuerofen steht. Menschen, die wir hier unserer sogenannten “zweiten Generation” zurechnen wu,erden, sprechen englisch untereinander. Natuerlich koennt Ihr doch noch deutsch?, fragen wir. Oh, sure], lautet die ebenso beruhigende wie selbstbewusste Antwort. Aber von den Ursachen abgesehen und mit Hinblick auf die Auswirkungen, ist der uneingeschraenkte Gebrauch der Landessprache in Gottesdienst und Gemeindeleben natuerlich der entscheidende Schritt im Kampf um die Mitarbeit der Jugend. Andere Aspekte, die den dortigen Synagogenbesuch zu seinem Vorteil auszeichnen, sind weniger leicht nachzuahmen. Da ist z. B. die Orgel, deren Verwendung bei uns, aus Gruenden der Ruecksicht auf eine orthodoxe Minderheit, auf Schwierigkeiten stoesst. Gespielt wird sie von keinem Geringeren als Robert Johnson, dem musik alischen Programmgestalter des Lincoln- Center. Ferner interveniert ein stimmlich wunderbar dotierter, gemischter Chor, unter Teilnahme bemerkenswerter Solisten. Und last not least, ist es dort gelungen, die unwirmmdlichen finanziellen Verrichtungen ohne pekuniaere Einbusse aus ihrer deprimierenden Verstrikkung mit den religioesen Handlungen zu loesen, indem man sie aus dem Betsaal in das Buero transferiert hat. All dies sind offensichtlich Fruechte eines kulturell und finanziell und in manch anderer Hinsicht reicheren Bodens. Den koennen wir n i c ht schaffen, hoechstens ein wenig mehr ackern... EXTREMISMUS Ein direkter Kontakt mit der Orthodoxie blieb uns versagt, sowohl auf religioesem wie auf politischem Gebiet. Dabei haette sich, was letzteres anbetrifft, eine brillante Gelegenheit geboten, rief sie doch mit riesengrossen Annoncen in der Presse zum Besuch einer Protest-Veranstaltung auf. Namhafte Redner sollten die Empoerung Ausdruck bringen. Empoerung ist eine Reaktion gegen der Juden von New York zum Unrecht und wo gegen Unrecht gekaempft wird, da sind auch wir..., also, worum geht es? Gegen syrische Provokationen? Gegen die russische Haltung im Sicherheitsrat? Was ficht es uns da an, wenn die Eintrittskarten fuer “Fiddler on the Roof” verfallen, hin zur Protestkundgebung und moege sich der Madison Square Garden als zu klein erweisen fuer so viel Menschen, fuer so viel Protest und fuer so viel Empoerung! (Fortsetzung Seite 11)