Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXVIII (1966)
- Issue
- 11 (Noviembre, 1966)
- Date
- 1966-11-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/8553624-8559645-9195047--4991-8559916- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
NOVIEMBRE 1966 BOLETIN INFORMATIVO 11 r V MONATSSPIEGEL Mit keiner Stadt... (Schluss von Seite 10) Doch die riesengrosse Annonce erlaeuterte auch den Zweck der Protest-Veranstaltung. E'r galt nichts anderem als der verwerflichen Israel- Regierung, die in ihrer Verblendung und unter dem Mantel der Wissenschaft die barbarische Praxis der Leichen-Obduktion in krimineller Weise foerdere. Zumal seit der beruechtigte Israel Barzilai, Mitglied der gotteslaesterlichen Mapam-Partei, gar das Gesundheitsministerium sein eigen nenne, habe die Zahl der taeglich, nein, s t uendlich vorgenommenen Autopsien derart frevlerische Ausmasse angenommen, dass den Juden New Yorks schier nichts anderes uebrig bliebe, als die Strafe des Himmels selbst zu erflehen. Laut “New York Times“ konnten die Veranstalter rund 3.000 Besucher buchen. Als das groteskeste unter allen denkbar moeglichen Beispielen stehen auch diese ueblen Fanatiker, in ihrer Art, fuer das seltsame juedische Selbstbewusstsein von New York. An jedem anderen Ort der Diaspora hueten sie ihren Fetzen Mittelalter und sind froh, wenn niemand daran ruehrt. Dort tragen sie ihn zu Markte, zeternd und schreiend, um In aller Oeffentlichkeit, der juedischen und der anderen, gegen Israel zu hetzen. EIN JUEDISCHES ERLEBNIS Wir gingen also doch zu “Fiddler on the Roof". Es ist dies ein ■“Musical”, jene Mischung aus Theater, Tanz und Gesang, zu der sich die Operette der “Welt von Gestern” hinentwickelt hat. Manch ein grosser “hit” (wieder ein Wort aus drei Buchstaben!) entstand in den letzten Jahren durch Entlehnung klassischer Stuecke, so “My Fair Lady” aus Pygmalion, “Man of the Mancha” aus Don Quijote und “Fiddler on the Roof” aus Scholem Alechems “Tewje, der Milchmann”. Der Textdichter hat es also relativ einfach. Die Musik wird eines Tages wahrscheinlich von Elektronengehirnen mit entsprechender Programmierung geschrieben werden. Aber was die Regisseure, Buehnengestalter, Choreographen und vor allem die Schauspieler da hinlegen, das hat so viel Schmiss, so viel Gemuet, das ist so hinreissend. .. Tewje hat vier Toechter in heiratsfaehigem Alter. Eine Heiratsvermittlerin macht standesgemaesse Vorschlaege, aber die Toechter treiien nach und nach anderweitige Entscheidungen. Wie der arme Tewje da reagiert, von Zweifeln geplagt wird —einerseits. .., andererseits...—, wie er per du mit dem lieben Gott hadert und sich wieder aussoehnt, wie er arbeitet und poltert, trinkt und tanzt, das laesst sich einfach nicht beschreiben. Das ist ein kuenstlerisch.es Erlebnis und ein juedisches Erlebnis, wie es eben auch nur in New York aufkommen konnte. Gegen Ende des Stuacks kommt die Polizei des Zaren und teilt den Juden von Anatevka, so heisst dass Nest, wo sie wohnen, mit, sie haben den Ort binnen dreier Tage zu verlassen. Tewje und die Seinen, sowie die anderen juedischen Familien im Dorf, ruesten zur Auswanderung. Abschiedsstimmung —es gibt kein juedisches Schicksal ohne Abschiedsstimmung— beginnt sich wie ein grauer Schleier ueber Buehne und Zuschauerraum auszubreiten. Die weibliche Haelfte des Publikums zupft an den Taschentuechlein, um die ersten Traenen zu trocknen. “Anatevka, Anatevka” ertoent es von der Buehne in Akkorden, in denen bereits wie ein fernes Echo “Amerika, Amerika” mitklingt. Im indiskreten Licht glaenzen viele feuchte Augenpaare. Es war wohl nicht der Moment, oarueber nachzudenken, wie menschlich der Zar war, als er eine Gnadenfrist von ganzen drei Tagen verhaengte. Die Enkel und TERMOMETROS INDUSTRIALES CONTROLES AUTOMATICOS PARA ENTREGA INMEDIATA E IMPORTACION DIRECTA LECHNER Y CIA. LTDA. Nueva York 52 - Of. 418 - Tel. 87765 LUDWIG MEIDNER Er wurde als expressionistischster aller Expressio. nisten bezeichnet. Wer denkt nicht an “Menschheitsdaemmerung”, jene Anthologie, die inzwischen Allgemeingut geworden? Wer entsinnt sieh nicht an die Portraets dieses Buches, deren viele von Meidner stammen? Von ihm, diesem Gefaehrten und Graphi k e r expressionistischer Dichter. Selbst wer nicht zu den eifrigen Besuchern von Galerien und Museen gehoert, wird hie und da dem Namen Ludwig Meidner begegnet sein, wird das eine oder andere seiner charakteristischen Werke kennen, diese apokalyptischen Bilder brennender Staedte, verwuesteter Landschaften. Diese Selbstbildnisse. Trotzdem: als Ludwig Meidner am 14. Mai 1966 in Darmstadt die Augen fuer immer schloss, fiel es schwer zu sagen, oh er gegen Ende seiner Tage bekannt war oder nicht. Zu den letzten Freuden seines Lebens gehoerte es, ein prachtvolles Buch in Empfang zu nehmen, das eine Meidner - Renaissance einleiten koennte. Der Verlag Aurel Bongers, Recklinghausen, hatte dieses kostspielige Wagnis unternommen, und nun liegt die erste umfassende Darstellung von Ludwig Meidners Schaffen vor uns. Thomas Grochowiak schuf diesen Monumentalband, der auf 250 Seiten, 24 Farbtafeln sowie 165 schwarz - weissen Abbildungen einen Zugang zum Werk des Meisters bietet. Biograph Grochowiak sagt: “Es war die Faszination, die von dem Werk Meidners und von dem heute 62 jaehrigen selbst ausging, die mich trieb, diesen Versuch ueber Meidner zu wagen. Ein Schuss Protest auch, gegenueber den Auguren des Kunstbetriebs und — Gott sei’s geklagt — gegenueber einer Reihe respektabler Kunsthistoriker und Museumsdirektoren, die — sicher unbeabsichtigt — mit dazu beitrugen, dass ein hervorragender Kuenstler fast in Vergessenheit geraten waere”. Thomas Grochowiak Urenkel, die da nachdenklich und beglueckt im Lichterglanz der naechtlichen Weltstadt, der Hauptstadt der Welt, ueber die George ■Washington —Bridge und ueber die Brooklyn— Bridge nach Hause fahren, wo waeren sie denn? In Anatevka? In einem Kolchos? In Sibirien? Wuerden sie leben? Leben in dieser Stadt, die mit keiner Stadt der Welt zu vergleichen ist? ATSCHEKA ANZEIGEN ANNAHME Für das B. J. jetzt Los Sereonos 476 Of. 22-23 (Catedral Höhe 1250) war es auch, der die bekannte Ausstellung SYNAGOGA zusammenstellte. Damals gab es waehrend eines Referats ueber den Beitrag der Juden zu modernen bildenden Kunst einen beklemmenden und zugleich gjaiecklichen Augenbl i c k, ueber den der Verfasser berichtet: “Der Vortragende, Professor Dr. Scheyer aus Detroit, ging, nachdem er das Werk der Maler Soutine, Modigliani und Chagall interpretiert hatte, auf das kuenstlerische Schaffen von Ludwig Meidner ein, erinnerte sich dabei seiner Begegnung mit ihm in jungen Jahren und bemerkte, dass Meidner, falls er das Regime ueberlebt haben sollte, vermutlich seinen Bericht korrigieren und ergaenzen wuerde. Betroffenheit stellte sich ein. Da erhöh sich zoegemd inmitten der Zuhoerer ein kleiner, alter Herr, hob den Finger, und man hoerte, kaum vernehmbar: “Hier bin ich - Meidner!” Ludwig Meidner wurde am 18. April 1884 im schlesischen Bernstadt geboren, Anfang dieses Jahrhunderts wurde er Maurerlehrling, denn die Familie hoffte, dass ein Architekt aus ihm werden moege. Die fast obligaten Auseinandersetzungen mit den Eltern endeten damit, dass Meidner 1903 die Koenigliche Kunstschule in Breslau besuchte: “Da musste ich zwei Jahre lang Toepfe, Totenschaedel und ausgestopfte V o e g e 1 abzeichnen, mit schweisstropfender Pedanterie. Das quaelte mich. Ich vergass meine geliebten Asketen und Heiligen und wurde auf eigene Faust ein Impressionist. Das war damals noch was ungeheuer Revolutionaeres, und ich eroberte und genoss das Neue im Sturmschritt”. Drei Jahre spaeter war er in Paris, studierte an den Akademien Julien und Cormon, schloss Freundschaft mit Modigliani: “Wir lernten uns in einer halbdunklen Spelunke auf der Butte - Montmartre kennen, jenem wundervollen Lapin agile, dem Kuenstlerlokal. wo man bei einem starken Kaffee fuer 4 Sous fiebernde Kunstgespraeche fuehrte bis in die Morgenstunden hinein. Der Gang nach Hause durch die Gaesschen der Butte-, ueberwach und entfacht, beim ersten Schimmer der Morgenroete, war ein herrlicher Abschluss solcher Naechte, die nimmer wiederkehrten und die sich nicht vergleichen Hessen mit den Naechten von Friedenau und Steglitz, wo man viele Jahre hernach in tristen Buergercafes oder emuechtemden Weissbierkneipen hockte und seine ideale im eingeschuechterten Busen barg”. Meidner' gruendete 1912 mit Janthur und Steinhardt den Malerklub “Die Pathetikfer” Kurt Hiller schrieb in der Rezension einer Ausstellung. “Ludwig Meidner fuehrt die Gruppe, und er scheint unter den Kumpanen der reichste. Von Joachim Hemmerle' Hier haben wir jemanden, der kein Geflissentlich- Verschwommener und kein Spielerischer ist, sondern ein Leidend-Gestaltender. Einen mit vielleicht nicht uebertrieben hoher Neuheitsrate ..'. der aber — und dies entscheidet — ein Mensch, ein Mensch, ein Mensch ist”. In diesen Jahren vor Ausbruch des ersten Weltkrieges hatte Meidner Gesichte, die den buergerlichen Zeitgenossen fremd waren. Fast visionaer schilderte er Dinge, die wenige Jahre spaeter Wirklichkeit wurden. Was fuer die meisten unvorstellbar war, Inferno des Krieges, brennende Staedte — in den Bildern und Zeichnungen Meidners wurden diese Gefahren, wurden Angst und Tod erahnt. Inferno des Krieges? Brennende Staedte? Revolten? Der Buerger lehnte ab, verwarf, ahnte nicht, wie wenig utopisch solche Phantasien waren. Allerdings: Im Nachhinein laesst sich sagen, dass sich Avantgardisten und Biedermaenner doch verwandter waren, als sie es je zugegeben haetten: Das Pathos war ihnen gemeinsam, der Rausch. Wer liest diese Zeilen Meidner aus dem Jahre 1915 heute nicht mit zwiespältigen Gefuehlen?: “Ich denke mir die grossartigsten Dinge aus, apokalyptis che Gewimmel, hebraeische Propheten und Massengrab — Halluzinationen (denn der Geist ist alles, die Natur kann mir gestohlen bleiben)... Dies ist die Sehnsucht des wahren Malers: Umbra mit Zinkgelb und Pariserblau! Eine Rumflasche! Maggiesuppen! Die Donnerwetter - Palette, Verzückungen und die Hand ausgestreckt nach den Sternen!” Mit dem Unheilsjahr 1933 begann fuer Ludwig Meidner eine Zeit, die ihm einen Schlag nach dem andern versetzte. Er, der nach dem Massaker noch immer sich zu seinem1 Geburtsland bekannte, wurde verf e m t. Schon vor der NS — Zeit hatte er sich gegen die antisemitische Hetze gewandt. 1929 veroeffentlichte Meidner in der “Deutschen Allgemeinen Zeitung” ein Bekenntnis: “Der dieses schreibt, ist dem konservativen Judentum aufs engste verbunden. Er steht unbeirrt zu seinen Lehren und Gebraeuchen, findet sie wahr, ueberaus schoen, dass sie das einzig Richtige fuer ihn sind, und er ist.entschlossen, der Zeit und Ewigkeit Trotz zu bieten mit ihnen”. 84 Bilder und Zeichnungen Meidners standen zur Beschlagnahme auf einer Liste fuer die von den Nationalsozialisten organisierte Ausstellung “Entartete Kunst”. Drei seiner Gemaelde wurden in Muenchen unter unwürdigsten Umstaenden angeprangert. Als Zeichenlehrer fand Meidner 1935 Zuflucht (Fortsetzung Seite 27)