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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1966-11-01 · 11 (Noviembre, 1966) · p. Seite 4

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXVIII (1966)
Issue
11 (Noviembre, 1966)
Date
1966-11-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 BOLETIN INFORMATIVO NOVIEMBRE 1966 ZWEI JUEDISCHE NOBEL NELLY SACHS Das dichterische Schaffen Nelly Sachs war bis vor kursem nur wenigen Freunden und Bewunderern in Schweden und in Deutschland bekannt. Die Dichterin wurde am IC. Dezember 1891 in Berlin geboren und konnte, zusammen mit ihrer Mutter im letzten Moment vor der Deportation durch Intervention der Dichterin Selma Lagerloef nach Schweden gerettet werden. Nach den ersten schweren Jahren im Exil erschien im Winter 1943-1944 das Mysterienspiel Eli. Ihre Verse, die bis (dahin nur sporadisch veroeffentlicht worden waren, erschienen 1941 in Berlin, 1949 in Amsterdam, 1957 in Hamburg um alsdann in immer neuen Auflagen gedruckt zu werden. Anlaesslich ihres 70 Geburtstages, 1961, erschien eine Gesamtausgabe ihres lyrischen Schaffens der, 1962, eine Ausgabe ihrer Buehnenwerke folgte. Nelly Sachs, die sich auch durch die Uebersetzung schwedischer Lyriker hervorgetan hat, erhielt dafuer 1957 ihre erste Auszeichnung, der 1960 der “Droste-Preis” der Stadt Meersburg folgte. 1961 wurde ihr der von der Stadt Dortmund gestiftete “Nelly Sachs Preis” verliehen und 1985 erhielt sie den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. DICHTER UEBER NELLY SACHS Entfremdung, Qualen und Tod... Die Spur der juedischen Dichtung deutscher Sprache ist gezeichnet von Entfremdung, Qualen und Tod. Von den anderthalb Jahrhunderten ihrer eigentlichen Dauer laesst sich nur ein Jahrhundert rechnen, in dem ihr freiere Entfaltung gegoennt war. Fuer das Volk des bildlosen Glaubens an den einen Gott waren Gesetze und Hoffnung von seinen Anfaengen her an das Wort gebunden, an den Ruf jener verborgenen Stimme: Hoere Israel. .. Auch in der Folgezeit blieb das Wort bei diesem Volke. Das Wort und nur dieses erschuf seine Wirklichkeit. Aus ihr wuchsen die Bilder eines Hirtenvolkes zwischen Meer und Wueste, einer Landschaft voll Einsamkeit in der das Ohr sich gewoehnt hat noch die leisesten Laute wahrzunehmen. Dies vorauszusch i c k e n scheint angebracht, um den Zugang zum Werk Nelly Sachs zu erleichtern. ¡Man wuerde der Ausdrucksform ihrer Lyrik nicht gerecht, wenn man sie, wie es geschehen ist, als neo-expressioni stisch oder symbolistisch bezeichnen wuerde. Ihr dichterisches Schaffen stuetzt sich nicht auf poetologische Theorien und folgt nicht dem Vorbild irgendeiner “Schule’ Immer mehr hat sich in ihren Strafen der Ton der Trauer ueber das Schicksal ihres Volkes geweitet zu einer grossen menschheitli c h e n Klage, zum “Seufzen der Kreatur” im Stande ihrer (Fortsetzung Seite 27) DENN SIE SIND UNSER “Wenn meine Theorie sich bewahrheitet, bin ich der Deutsche. Sollte sie aber nicht stimmen, werde ich fuer alle der Jude sein”. Wer haette sich nicht dieser melancholisch - ironischen Worte Albert Einsteins erinnert, als er am 20. Oktober von der Verleihung des Nobelpreises an S. I. Agnon und an Nelly Sachs erfuhr, denen diese Auszeichnung ausdruecklich in ihrer Eigenschaft als Vertreter des literari sehen Schaffens des juedischen Volkes, des Volk des Buches, zuerkannt wurde. Welch ein Wandel in weniger als einer Generation. Nicht das erste Mal war es, dass Juden dieser wichtigste Preis den die Welt zu vergeben hat, erteilt wurde, wohl aber war es das erste Mal, dass sie ihn als Juden erhielten, dass in ihrer Person das Kulturschaffen unseres Volkes ausdruecklich geehrt wurde. Wohl fehlte nicht die Stimme, die von Nelly Sachs als “der grossen deutschen Kuenstlerin” sprach, sie als geistige Vertreterin eben jenes Volkes feierte, das in einer Stunde des Wahnwitzes sie und Menschen wie sie und uns alle vernichten wollte. Vielleicht war es gut dass auch diese Stimme erklang, als eine Mahnung, als eine Lehre, die wir verstehen sollten ... Es ist hier nicht der Platz, ueber das literarische Schaffen der beiden Nobelpreistraeger 1966 zu sprechen. Andere, Berufenere moegen dies ,tun. Wir moechten aber hier hervorheben, dass mit dieser Ehrung auch der zwiefache Charakter unseres Volkes vor der Welt klargestellt wurde, eines Volkes, dass sich mit Nelly Sachs eine Dichterin gab, eine Meisterin der deutschen Sprache, die sie mit tiefem juedisch geistigem und nationalem Gedankengut erfuellte wie neben ihr vielleicht nur Martin Buber, und S. I. Agnon, Vertreter des im juedischen Osten verwurzelten tief religioesen, fast mystischen volksnahen Schriftstellers, Vorkaempfer der hebraeischen Sprache, der heute in Medinat Israel seine endgueltige Heimat gefunden hat. André Oesterling, Sekretaer der Schwedischen Akademie hob dies denn auch hervor, als er erklaerte: “Wir ehren heute zwei Schriftsteller, die, wenngleich sie jauch in verschiedenen Sprachen schreiben, durch ein gemeinsames Erbe verbunden sind und sich in wunderbarer Weise ergaenzen, als Vertreter des kulturellen Erbes des einen juedischen Volkes”. Ja, Vielfalt und Einheit; Vielfalt der Stroemungen und Fazetten, bedingt durch Individualitaet,. Herk unf t und Werdegang, aber Einheit im bedingungslosen Ja zum juedischen Volk. Das ist es, was die beiden Nobelpreistraeger charakterisiert von denen ,wir mit Stolz sagen koennen “Denn sie sind unser. ..” H. E. Dichtungen von Nelly Sachs Worte der Trauer und der Hoffnung □ DU WEINENDES HERZ DER WELT Zwiesipaeltig Samenkorn aus Leben und Tod. Von dir wollte Gott gefunden werden Keimblatt der Liebe. Bist du verborgen in einer Waise, die am Geltender des Lebens schwer sich stuetzend weitergeht? Wohnst du bei ihr, dort wo der Stern sein sicheres Versteck hat? O du weinendes Herz der Welt! Auch du wirst auffahren wenn die Zeit erfuellt ist Denn nicht haeuslieh darf die Sehnsucht bleiben die brueckenbauende von Stern zu Stern! ABER ES IST UNS IN DER FREMDE eine Freundin geworden: die Abendsonne. Eingesegnet von ihrem Marterlicht sind wir geladen zu ihr zu kommen mit unserer Trauer, die neben uns geht: Ein Psalm der Nacht. CHDR DER GERETTETEN Wir Geretteten, Aus deren hohlem Gebein der Tod schon seine Floeten (schnitt, An deren Sehnen der Tod schon seinen Bogen strich — Unsere Leiber klagen noch nach Mit ihrer verstuemmelten Musik, Wir Geretteten Immer noch haengen die Schlingen fuer unsere. Haelse (gedreht Vor uns in der blauen Luft — Immer noch fuellen die Stundenuhren mit unserem tropfenden Blut. Wir Geretteten, Immer noch essen an uns die Wuermer der Angst. Unser Gestirn ist vergraben im Staub. Wir Geretteten Bitten euch: Zeigt uns langsam eure Sonne. Fuehrt uns von Stern zu Stern im Schritt. Lasst uns das Leben leise wieder lernen. Es koennte sonst eines Vogels Lied, Das Fuellen des Eimers am Brunnen Unseren schlecht versiegelten Schmerz aufbrechen lassen Und uns wegschaeumen — Wir bitten euch: Zeigt uns noch nicht einen heissenden Hund — Es koennte sein, es koennte sein Dass wir zu Staub zerfallen — Vor euren Augen zerfallen in Staub Was haelt denn unsere Webe zusammen? Wir odemlos gewordene, Deren Seele zu ihm floh aus der Mitternacht Lange bevor man unseren Leib rettete In die Arche, des Augenblicks. Wir Geretteten, Wir druecken eure Hand, Wir erkennen euer Auge — Aber zusammen haelt uns noch der Abschied, Der Abschied im Staub Haelt uns mit euch zusammen.

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