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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1966-10-01 · 10 (Octubre, 1966) · p. Seite 10

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXVIII (1966)
Issue
10 (Octubre, 1966)
Date
1966-10-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 BOLETIN INFORMATIVO OCTUBRE 1966 DAS FANAL antworlich, der, wo er steht und es sieht, nicht eingreift. Die Zuege duerfen nicht mehr fahren, dafuer muesst ihr sorgen. Die Vernichtungsstaetten duerfen nicht mehr existieren. Wir werden sie durch Bomben zerstoeren, wo wir sie finden”. — Aber das alles ist ja gerade nicht geschehen. Den Begriff des Verbrechens gegen die Menschheit hatte noch niemand gedacht. Der Ausdruck Genocid schloss diesen Begriff nicht in sich. Und es ist nicht zu vergessen: Sich ausdrueeklich fuer die Juden einzusetzen, wagten die alliierten Regierungen vor ihren Voelkem nicht. Der Antisemitismus in der matteren Gestalt einer Gleichgueltigkeit gegenueber den Juden und einer Furcht, sich allzu judenfreundlich zu zeigen, verhinderten es. Die Juden haben erfahren, dass sie, wenn es sich um sie in der Gesamtheit handelt, allein auf sich angewiesen sind. Drei Tatsachen: der Staat Israel, der Zusammenhalt des Weltjudentums auf biblischem Grunde, die einzelnen Juden, sind nicht dasselbe. Israel, ein Nationalstaat, hat das Selbstbewusstsein aller Juden gestaerkt. Eine Katastrophe Israels waere eine Katastrophe fuer alle Juden Heute, in der weltlichen Welt der Politik traefe das Judentum ein Stoss wie eins’ durch die Zerstoerung des Tempels. Darin ist man einig. Wie aber der Nationalismus in Israel zur Erscheinung kommt, das erblicken Juden und Israelis keineswegs mit gleicher Zustimmung. Israel ist nicht das Judentum. Dieses umfasst immer noch in der Diaspora die ueberwaeltigende Mehrheit der Juden. Das Judentum hat sich in Israel einen weltlichen Staat geschaffen, historisch auf Bar Kochba blickend, nicht auf die Propheten. Ginge Israel zugrunde, so ginge noch keineswegs das Judentum zugrunde. Dieses hat sein Schicksal nicht auf die eine hoechst gefaehrliche Karte gesetzt. Die einzelnen Juden sind ein wunderbarer Reichtum von Persoenlichkeiten, bei einem so kleinen Volke vielleicht einzig durch ihre grosse Zahl. Aber von ihnen spricht man nicht. Sie sind unwichtig vor dem Gang der Dinge im Grossen. Ich moechte zum Abschluss von einer kleinen aussterbenden Gruppe solcher einzelnen sprechen, den deutschen Juden. Sie gehen uns Deutsche auf das Naechste an. Was in der verborgenen Seele des einzelnen deutschen Juden oder wie man frueher sagen durfte, der juedischen Deutschen, geschehen ist und geschieht und bald mit ihnen vergangen und vergessen sein wird, ist vor dem grossen Gang der Geschichte belanglos. Oeffentlich spielen sie keine Rolle. Die Dampfwalze der Geschichte geht ueber sie hinweg. Vor der Ewigkeit aber bedeuten die einzelnen vielleicht mehr als die Geschichte, die ohnehin fuer menschliche Erkenntnis im Ganzen ohne Sinn ist. Die deutschen Juden verhalten sich zu den Deutschen und die Deutschen zu den deutschen Juden so verschieden, dass man sieht: es gibt keine Loesung. Die langsame Ausschaltung der Juden, die schliesslich im -Massenmord endete, war selber schon vorweg gleichsam ein Seelenmord. Die Juden wurden ihrer Heimat, Herkunft, ihres Vaterlandes, ihrer wirklichen und anerkannten Einheit m i t dem deutschen Geist beraubt. Nun sind sie nirgends zu Hause, finden nirgends eine Welt, die ihnen Heimat und Herkunft ersetzen koennte. “Es ist schrecklich zu emigrieren”, kann noch der anderswo erfolgreichste Jude sagen. Eine untilgbare Sehnsucht nach dem Unwiderbringlichen bleibt ihm. er hoert nicht auf, Emigrant zu sein. “Wenn mir die Heimat genommen ist, kann ich keine andere wollen, es gibt nur eine”, sagte ein Jude, der redlich eingestand, woraus er faktisch lebt. Deutsche Sprache, deutscher Geist, deutsche Dichtung, deutsche Musik und deutsche Philosophie und deutsche Freunde bleiben der Boden seines Daseins, waehrend Deutschland ihn ausgestossen hat. Sein Dasein in der Welt ist gebrochen. Kommt er nach Deutschland zurueck so findet er es nicht mehr, ausser in ein paar alten ueberlebenden Freunden und in der Landschaft. Gleich 1945 war die Erfahrung schrecklich, dass auch dann noch die meisten Deutschen den Juden gleichgueltig gegenueberstanden. Waren die Juden vorher des Vaterlandes beraubt durch die Gewalt (wenn sie rechtzeitig auswanderten o d e’r durch glueckliche Zufaelle auf deutschem Boden gerettet wurden), so jetzt noch einmal durch diese Gleichgueltigkeit. Es war fuer einen deutschen Juden schwer ertraeglich, damals, wenn er die freie Wahl hatte, noch in Deutschland zu bleiben. Es war dort kein Wandel der lallgemeinen Gesinnung eingetreten. Immer wieder ergaben sich schiefe Situationen und falsche Gespraeche. Andere deutsche Juden scheinen ihr klares neues Vaterland nun in Israel zu haben. Aber Israel ist fuer viele deutsche Juden nur eine Notloesung, die sie bejahen, aber kein Ersatz fuer das Verlorene. Sie bleiben deutsch, doch duerfen sie e3 nicht bleiben. Sich selbst gestehen sie es vielleicht nicht ein. Nur wenige ganz Unbefangene sprechen es erschuetternd aus. Andere sagen, sie haetten nicht die geringste Sehnsucht. Denn jetzt haetten sie ihren eigenen Boden. Sie brauchten Deutschland nicht mehr. Es interessiere sie nicht einmal. Juden sprechen kaum von Treue, wie es so oft die Deutschen tun. Aber sie koennen substanziell von jener tiefen und herrlichen und qualvollen Treue sein, die die eigene Wurzel und Herkunft und die Identitaet mit sich nie preisgibt. Doch solche Treue hat keine oeffentiiche und keine staatliche Bedeutung. Auf die Frage: Koennen Juden und Deutsche miteinander reden, gibt es keine allgemeine Antwort. Mit nationalistischen Juden ist so schwer zu reden wie mit deutschen National i s t e n. Zwischen einzelnen Juden und einzelnen Deutschen, beide sie selbst, beide ihres Judeseins und Deutschseins bewusst, kann ein Gespraech stattfinden in inniger Verbundenheit. Man sollte aufhoeren, allgemein von den Juden und den Deutschen als Kollektiven zu reden. Unfruchtbarer, fuer Frieden und Vernunft und Menschsein boeser Nationalismus sollte auf beiden Seiten verschwinden. Heute ist ein Staat so viel wert, als er an Gerechtigkeit und politischer Freiheit seiner Buerger verwirklicht. Die nationalen Ueberlieferungen sind kostbar, aber nunmehr unpolitisch. Sie finden sich in einem wahren politischen Staat als vielfache zusammen. Zu Anfang sagte ich, die Probleme zwischen Juden und < Deutschen seien unloesbar. Ich wollte nicht sagen, sie seien hoffnungslos. Das Judentum hat seine Kontinuitaet von drei Jahrtausenden. Die Frage nach Juden und Deutschen trifft, in dem grossen Strom nur eine Welle: Alles hat in der Geschichte sein Ende, auch die Erscheinungen, in denen das Judentum in einer staatlichen Gesellschaft lebte, in deren Kultur es als wirksamer Faktor mit ihr eins wurde, ohne ganz in ihr aufzugehen. So war es einmal in Spanien, so war es durch anderthalb Jahrhunderte in Deutschland. Das Ende aber ist nicht nur die bleibende Wirkung dieser grossen Er - scheinungen auf das Abendland, sondern auch die Verwandlungen durch die schrecklichen Erfahrungen, die mit dem Scheitern verbunden waren. Nichts wiederholt sich in der Geschichte. Aber sie kann auch ermutigen: Nicht alles war ganz vergeblich. Das Neue, das jedesmal dem Untergang folgte, kann niemand voraus wissen. Es kommt aus der Entfaltung des Ethos der Voelker, die zur reinen Politik der Staatsfuehrung durch Gerechtigkeit und Freiheit fuer den Menschen als solchen draengen; sie werden in unvorhersehbaren Situationen und von unvorhersehbaren ihre Voelker zugleich erziehenden Staatsmaennern zur Verwirklichung gelangen. Das Neue kommt weiter in Spruengen zu Schoepfungen des Glaubens, der Dichtung, des Denkens, die wie Inspirationen zu den Menschen gelangen. Daher darf unsere unbegruendbare Grundstimmung die Hoffnung haben auf Wirklichkeiten, die in dieser Welt selber auftreten werden. Kein Wissen und kein direktes Machenwollen bringt dahin. Die Hoffnung ist berechtigt^ wenn wir an hoechslen Massstaeben hier und jetzt, jeder an seiner Stelle, tun was wir koennen. Ich gehoe re zu denen, die hoffen, dass zwischen Juden und Deutschen, die eben erst in den juedischen Deutschen fast verschmolzen waren, eine neue noch nicht vorstellbare tiefe Verbundenheit wieder erstehen wird. 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