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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1966-10-01 · 10 (Octubre, 1966) · p. Seite 9

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXVIII (1966)
Issue
10 (Octubre, 1966)
Date
1966-10-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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OCTUBRE 1966 BOLETIN INFORMATIVO 9 Am 9. November 1933 brannten im. grossdeutschen Reich die Synagogen. Die ersten Takte der grausigen Vernichtungssymphonie, in deren Verlauf Millionen unserer Brueder vernicht e t wurden, erklangen. Heute, 28 Jahre spaeter, ziehen wir Bilanz, stehen wir vor der Frage der Klaerung des Verhaeltnisses zwischen Deutschen und Juden. Der Philosoph Karls Jaspers, nahm, in einer Botschaft, die er der Bruesseler Tagung des Juedischen Weltkongress uebermittelte und deren Text uns vom Juedischen Presse Dienst zur Verfuegung gestellt wurde, zu eben dieser Frage Stellung. Wir drukken sie nachstehend ab, als ein Beitrag zur Diskussion und als ein Manifest aufrichtiger Gesinnung, reinen Herzens und moralischer Verantwortung: UNFRUCHTBARE KOLLEKTIVE Der Massenmord an sechs Millionen Juden, vollzogen im Namen des deutschen Reiches, wird zwar von fast allen Menschen mit Abscheu verurteilt, aber die Fragen, was aus ihm folgt, wie Juden und Deutsche nach ihm miteinander leben koennen, sind nicht eindeutig beantwortet. Das Faktum hat durch den Sinn seiner Ungeheuerlichkeit die Kontinuitaet der Geschichte unterbrochen. Eine Loesung der entstandenen Probleme vermag ich nicht zu sehen. Nut als einer unter den Deutschen kann ich versuchen, ohne Anspruch auf Allgemeingueltigkeit h/orzu tragen, was ich denke. Das Verbrechen wird am Namen des Deutschen haften bleiben, wie die harmloseren Schaedelpyramiden am Namen der Mongolen. Mit dem Namen des Deutschen sind Schoepfungen des Geistes, grosse weltgesehicht liehe Persoenlichkeiten verbunden. Auch dies bleibt. Aber es kann das eine, Neue, Entsetzliche nicht ausloeschen. Es gibt Deutsche, die sich gegen die Beschuldigung des Massenmordes wehren. Sie sagen: “Wir haben nichts davon gewusst”. In der Tat wurde der Mordapparat so geheim wie moeglich gehalten. Die Breite der Bevoelkerung hatte keine Kenntnis. Auch ich, der ich in Heidelberg lebte, habe erst 1S45 die Tatsachen erfahren. Aber man wusste doch sehr viel. Alle sahen, wie die Juden abtransportiert wurden. Sie kamen nicht wieder. Man hoerte nichts mehr von ihnen. Von einzelnen kamen nichtssagende Karten, von andern erfuhr man, dass sie tot seien. Man wusste: Abtransport bedeutet Lebensgefahr. Die Abtransportierten selber waren keineswegs insgesamt hoffnungslos. Geruechte, die Juden wuerden im Osten angesiedelt, sie wuerden in juedischen Gebieten einen eigenen Staat aufbauen, wurden zeitweise fuer moeglich gehalten oder gai geglaubt, weil die Errichtung von Massenghettos nicht verstanden wurde als Vorbereitung fuer die Ausrottung. Sehr viele, die meisten Deutschen wenden sich da- DA gegen, Moerder gewesen zu sein. Sie sagen: “Ich habe doch niemanden gemordet, ich habe keine Beihilfe geleistet, ich habe es nicht gewollt. Wenn ich gelegentlich von einzelnen Ermordungen hoerte, habe ich sie nie gebilligt. “Dies alles ist richtig. Aber es ist doch auf zwei wesentliche Punkte hinzuweisen. Halb wissend sind wir dabeigestanden, ohne etwas Wirksames zu tun. Daher sagte ich 1945 in meiner ersten oeffentliehen Rede: “Wir Ueber lebende haben nicht den Tod gesucht. Wir sind nicht, als unsere juedischen Freunde abgefuehrt wurden, auf die Strasse gegangen, haben nicht geschrien, bis man auch uns vernichtete. Wir haben es vorgezogen am Leben zu bleiben mit dem schwachen, wenn auch richtigen Grund, unser Tod haette doch nicht helfen koennen. Dass wir leben, ist unsere Schuld”. Hochhuth hat nicht nur den Deutschen, sondern auch der abiendlaen dischen Menschheit zum Bewusstsein gebracht, indem er den Papst als bedeutendstes Beispiel waehlte, dass sie alle dabeigestanden. Unser Dabeistehen hat aber einen anderen Sinn als das der uebrigen Voelker und Staaten. Wir waren nicht nur unmittelbar raeumlich anwesend, sondern hafteten als Staatsbürger fuer die Handlungen des Staates, unter dem wir als Staatsangehoerige lebten. Daher unterschied ich 1945 von der kriminellen und moralischen Schuld die politische Haftung. Der letzten kann sich kein Deutscher entziehen. Schuld des passiven Dabeistehens und der politischen Haftung gilt fuer uns Deutsche ohne Ausnahme Wie weit aber die im nationalsozialistischen Deutschland fuehrenden Gruppen und Personen Bescheid wussten und vor allem die Generale, die die hoechste Verantwortung trugen, weil sie die Gewalt der Waffen in der Hand hatten, und die geduldet, zum Teil individuell mitgewirkt und zugestimmt haben, das ist im Laufe der Jahre immer deutlicher geworden. Nur ein Beispiel: Kunrat von Hlammerstein berichtet (Spaehtrupp S. 193): “Am 25. Januar 1944 wurden 250 W e h r m achtsgenerale von allen Fronten im Posener Theater versammelt, um Reden von Himmler und Goebbels zu hoeren. Himmler teilte die Endloesung mit: alle Juden, auch Frauen und Kinder, werden ausgerottet. General Reinicke trat nach Himmlers Rede ans Podium und dankte unterwuerf ig. Hinten im Theater versucnte ein General zu zaehlen: fuenf, die nicht klatschten”. Aber auch das Andere: Wir denken aus eigener Erfahrung an die vielen deutschen Menschen, die Juden halfen, unaufgefordert, immer mit Gefahr, einige unter Lebensgefahr. Doch es hilft nichts: Abgesehen von der politischen Haftung und der Passivitaet des Dabeistehens ist die faktische Informiertheit so breiter fuehrender Schichten Grund genug um die Verbrechen fuer S FA alle Zeit mit dem Namen des Deutschen zu verbinden. Was ist nun seither geschehen? Juden und Deutsche leben auf derselben Erde. Nach dem Aeussersten, was getan wurde, kann man denken, muessen Juden und Deutsche sich auf eine ungewoehnliche, geschieh 11 i c h einmalige Weise wieder zusammenfinden. Beide haben, wenn man die Beziehungen zu andern Voelkern vergleicht, zueinander eine Ausnahmestellung. Zunaechst ein Wort ueber das, was unmoeglich ist. Verzeihen ist der menschliche Akt, der zwar nicht imstande ist, eine Tat ungeschehen zu machen, wohl aber, eine gemeinsame Zukunft zu begruenden, als ob sie nicht geschehen sei. Verzeihung ist mehr als das blosse Vergessen, das die Zeit zu bringen pflegt. Sie ist ein Akt, durch den die Erinnerung nicht aufgehoben, aber der praktischen Fortwirkung beraubt ist. Es soll keine ewige Feindschaft geben. Aber nun die Unmoeglichkeit: Ein Jude, der ueberlebt hat, kann fuer seine Person vielleicht verzeihen, was ihm angetan ist. Wer aber kann den Massenmord der sechs Millionen verzeihen? Ein Recht dazu haetten nur die Ermordeten selber. In ihrem Namen kann niemand sprechen, kein Mensch und kein Staat und keine religioese Organisation. Wem waere zu verzeihen? Den faktischen Taetern? Den Beihelfem? Den Dabeistehenden? Sie werden bald ausgestorben sein. Bleibt ein Volk schuldig auch dann, wenn keiner von diesen mehr am Leben ist? Setzt sich die Schuld fort, von Generation zu Generation? Wohl ist ein gewaltiger Unterschied zwischen den unmittelbar Beteiligten und den spaeteren Generationen. Aber es gilt doch der Satz: Die Voelker leben nicht nur von dem, was ihre Vorfahren an Gutem geschaffen haben. Sic muessen auch uebernehmen, was sie an Boesem taten. Man kann hin und her erwaegen. Ich sehe keine Loesung, die die richtige waere. Politisch aber ist ein maechtiger Schritt getan, zwar ohne Verzeihung, doch als eine Weise der Versoehnung im Praktischen: die sogenannte Wiedergutmachung Adenauer hat den Weg beschriften, der von deutscher Seite her der einzig moegliche ist. Wir sind ihm dankbar, dass er ihn, unbeirrt durch andere deutsche Stimmungen gegangen ist. Er hatte Verstaendnis fuer die Unversoehnlichkeit der Juden. Er ertrug ihre laermenden Abwehrakte. Er begegnete ihren Aeusserungen mit Geduld. Er erkannte aus politischer Vernunft, dass die Hilfe in materiellen Dingen die minimale Erfuellung einer Pflicht ist. Hier aber sprach mehr als nur Politik. Die Deutschen setzten wenigstens ein Zeichen ihrer Gesinnung. Unter dem Druck des Faktums des Massenmordes koennen wir handgreiflich nichts anderes tun, als den Juden zu helfen. Dadurch, dass wir ihnen hei- N AL fen, helfen wir ein wenig auch uns gegen den Druck, der auf uns lastet. Es sind heute nicht nur die Juden da, sondern auch der Staat Israel. Israel und d i e Budesrepublik haben miteinander zu tun: Durch die Wiedergutmachung sind nicht nur viele einzelne Juden, die dem Tode entron nen, aber aller Mittel beraubt waren, frei von Not geworden, sondern auch der Staat Israel hat eine betraechtliche Hilfe erfahren. Damit ist aber das Grundproblem keineswegs geloest. Die von Deutschland geschaedigten einzelnen noch lebenden Juden und Israelis haben Anspruch, dass wir ihnen helfen. Aber sie koennen trotz aller Hilfe die elementare Abneigung gegen den Namen des Volkes, dessen Staat ein Drittel ihres Volkes ausgetilgt hat, nicht beseitigen. In breiten Kreisen der israelitischen Bevoelkerung bleibt etwas Unversoehnliches. Die Bundesrepublik begehrt Versoehnung. Aber unter den Deutschen gibt es manche - man weiss nicht wieviele — denen diese Versoehnung gleichgueltig ist und die die Leistungen an Israel nur als Belastung empfinden. Und dann: Welche Schwierigkeiten bei den Verhandlungen zwischen Israel und der Bundesrepublik Wenn man politisch und juristisch verhandelt, spielen sittliche Ansprueche weder als Verhandlungsgegenstand noch als Argument eine Rolle. Der sittliche Anspruch, den die Deutschen an sich stellen, ist bei den Verhandlungen stillschweig ende Voraussetzung. Wird er von israelischer Seite ausdruecklich erhoben, so wird der sittliche Anspruch in einen Rechtsanspruch verwandelt. Das erzeugt eine unreine Atmosphaere. Alles Moralische aber hat seine Kraft allein aus der Freiheit durch den Anspruch an sich selbst. Es wird falsch und ohmaechtig im Erheben von moralischen Ansprachen an den Anderen. Die Klarheit der Sache und die Reinheit der Stimmung werden verdorben, wenn Moral und Recht ineinander verfliessen. Das Moralische, ungueltig als Anspruch an den Anderen, entscheidet zwar als Motiv den Gang der Rechtsverhandlungen. Aber der ausdruecklich erhobene moralische Anspruch Israels an die Bundesrepublik naehrt die abscheulichen Reaktionen deutscher Nationalisten. Deutsche Juden und Deutsche, in dem Willen, den Sinn des Verbrechens dieses Massenmordes zur Deutlichkeit zu bringen, nicht um irgendetwas zu entschuldigen, sondern um seinen geschichtlichen Ort und seine Folgen zu erfassen, haben den Unterschied aufgebracht: Dies Verbrechen gegen die Juden ist nicht nur ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sondern zugleich ein Verbrechen gegen die Menschheit. Verbrechen gegen die M e n s c hlichkeit sind alle Grausamkeiten, die seit je Menschen gegen Menschen vollzogen haben. Verbrechen aber gegen die Menschheit ist die Verwirklichung des Anspruchs, ueber das Recht zum Dasein von Menschengruppen, die nach ihrer Art und Herkunft definierbar sind, zu entscheiden. Die Ausfuehnmg dieses Verbrechens koennte theoretisch ohne Grausamkeit durch ein mildes, unfuehlbares Sterben stattfinden, wenn auch faktisch das Gegenteil unvorstellbar entsetzlich geschah. Der einzelne Staat zieht den Moerder vor sein Gericht, auch wenn niemand. Anklage erhebt. Es ist Staatsinteresse, dass ein Mord nicht sein darf. Io der Menschheit gibt es fuer die Moerder von Voelkergruppen bisher keine Institution, die im Namen der Menschheit als Menschheit wirksam zur Rechenschaft ziehen koennte. Die Motive des Mordes, die in den Strafgesetzbuechern Vorkommen, spielen keine Rolle bei diesen ganz anderen Morden von Voelkern Nachdem ein solches Verbrechen zum erstenmal in der Geschichte stattgefunden hatte, forderte die Situation, es als solches zu erfassen, das richterliche Urteil durch eine menschheitliche Instanz oder doch in Bezug auf ihre Moeglichkeit zu finden. Aber der Begriff des Verbrechens gegen die Menschheit hatte den Juden vorher nicht im geringsten geholfen. Sie waren jederzeit auf sich angewiesen. Ich berichte eine Szene, in der der vorlaeufig utopische Charakter des Begriffs “V e r b r e c hen gegen die Menschheit” offenbar wurde. Als 1949 in einer Berliner Massenversammlung i n der Diskussion nach dem Vortrag einer deutsch - amerikanischen Juedin diese auf die Zerstoerung Dresdens durch englische Bomber als Parallele zum Judenmord hingewiesen wurde, antwortete sie leidenschaftlich: “Was denken Sie denn! Als taeglich die endlosen Zuege rollten, die Juden zu den Gaskammern zu bringen, und niemand den Transporten und Morden Einhalt gebot, da waren Zerstoerungen wie die Dresdens die Antwort und die Forderung, nun endlich einzugreifen. “Die von Entsetzen betroffenen H o e r e r schwiegen. Aber die Rednerin hatte sich ganz und gar geirrt. Nichts war von den Alliierten getan worden, um die Juden zu retten. Protestversammlungen in Amerika gegen die Greüel war wirkungslos. Keineswegs flogen etwa Flugblaetter in Massen ueber Staedte und Laender, in denen die Deutschen hingewiesen worden waeren auf den Judenmassenmord: “Solange ihr diesen Transporten untaetig zuseht, fallen die Bomben auf eure Staedte, Ihr lasst ein Verbrecnen gegen die Juden zu, das zugleich ein Verbrechen gegen die Menschheit ist. Wir, die Menschheit, wollen die Juden nach unseren Kraeften gegen die Moerder schuetzen und wir sind verpflichtet dazu. Jeder ist ein Verbrecher, der den Mord befiehlt, der an seiner Ausfuehrung beteiligt ist. Jeder ist mitver- (Fortsetzung Seite 10)

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