Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXVIII (1966)
- Issue
- 10 (Octubre, 1966)
- Date
- 1966-10-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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BOLETIN INFORMATIVO OCTUBRE 196« 6 Ben Gurion, der zuerruende Jubilar Dr. ñbner Nedtuschian, Tel-Aviv Abseits von der Fuehrung des Staates Israel, der ihm den entscheidenden Teil seiner Entstehung verdankte, tritt David Ben Gurion dieser Tage in sein “biblisches Alter” ein, am 16. Oktober nach dem Geburtsdatum des allgemein-buergerlichen Kalenders, wenn auch ungefaehr zwei Wochen frueher nach der juedisch - religioesen Zeitrechnung. Die Regierung, deren Ministerpraesidenten Levi Eschkoi er heute erbittert bekaempft, machte den Wortlaut ihres amtlichen Glueckwunsche s bekannt, eine kurz, aber wuerdig gefasste Adresse, die sich in sorgsamer Wortwahl auf das Gestern bezieht, indem sie dem Achtzigjaehrigen fuer seine “geschichtlichen Verdienste” dankt. Aus dem In- und Ausland werden selbstverstaendlich auch sonst in Huelle und Fuelle Gratulationen und Gratulanten, mit dem Staatspraesidenten Shazar an der Spitze in die Siedlung Sde Böker, den “Alterssitz” des Jubilars in der suedlichen Steppe des Negew, stroemen. Und doch lebt er in einer Vereinsamung, die schwerlich selbst dann als “splendid isolation”, als glanzvoll geruehmt werden koennte, wenn sie nicht als Sinnbild seiner persoenlichen Tragoedie bezeichnet werden muesste. Seit er sich aus eigenem Entschluss vor mehreren Jahren in den Ruhestand begeben hatte, befindet sich “Mister Israel” vielmehr in einem so permanenten Unruhestand, dass sich Shakespeares bekanntes Wort auf ihn in folgender Abwandlung anwenden 1 i e s s e: “Wenn dieser Alte, mit der silbernen Loewenma e h n e, donnern koennte wie Jupiter, taete er nichts als donnern, nichts als donnern”. Sein an und fuer sich wie je unerschuettertes Vertrauten in die Leistungskraft des juedischen Volkes und somit in die Zukunft des juedischen Staates geht mit seinem Sendungsbewusstsein zwar auch jetzt Hand in Hand. Aber resümiert er die letzte Vergangenheit dieses Staates —und vielleicht auch dieses Volkes, seines eigenen—, blickt er zurueck im Zorn. ZEITLEBENS IM KAMPF Blickt er auf die acht Jahrzehnte seines Lebens zurueck; unablaessig war es von Spannungen, Krisen, Konflikten durchzogen. Schon in seinem polnis chen Heimatstaedtchen Plonsk trat der kaum den Kinderschuhen entwachsene David Gruen, wie er damals noch hiess, das sechste Kind eines gutbuergerlichen Rechtskonsulenten, oeffentlich gegen die juedischen Zionsschwaermer jener Zeit auf, die es wie sein Vater vorzogen, im zaristischen Russland zu bleiben, statt “Palaestina” in ihr persoenli- ■yyyyy.-yy y.-yyy DAVID BEN GURIDN ches Lebensprogramm aufzunehmen”. Nachdem er fuer seine Person, gegen den vaeterlichen Einspruch, diese Konsequenz 1904 gezogen hatte, wurde er zunaechst als landwirtschaftlicher Arbeiter in der alten Orangenzone suedlich Jaffas und im Oberen Galil unct bald als hebraeischer Jour nalist zu einem der ersten Wortfuehrer gegen die Pflanzer, die billigen arabischen Tageloehnern den Vorzug vor den bei aller Bescheidenheit etwas anspruchsvolleren juedischen Einwanderern gaben. In den Kriegsjahren 1914 — 18 agitierte er in den Vereinigten Staaten fuer eine “Juedische Legion” und tat dann als Freiwilliger Dienst bei den 39th Royal Füsiliers des General Allenby, gegen die Armee des tuerkischen Landesgou v e rneurs Jamal Pascha, der ihn 1914 als “gefaehrliches Subjekt” landesverwiesen hatte In den zwanziger und dreissiger Jahren, nun schon als rasch zu Einfluss und Ansehen gelangter palaestinensischer Gewerkschafts— und Parteipolitiker, und spaeter in der Fuehrung der weltzionistischen “Jewish Agency”, stritt er wider den Jerusalemer Mufti Hadsch Emin Huseini als den Drahtzieher so und sovieler Araberunruhen mit dem gleichen Elan an, mit dem er die mehr araberfreundlichen englischen Palaestinabehoerden aufs Korn nahm, ihren ersten Hochkommissar Herbert Samuel, uebrigens einen englisch-juedischen Prozionisten, und der britischen Regierung das Recht absprach, das von Lord Balfour gegebene und vom Genfer Voelkerbund bestaetigte Versprechen eines” Jewish National Home” zu verwaessem. Als der Fuehrer des Dritten Reiches den zweiten Weltkrieg 1939 entfesselte, gab Ben Gurion der Jugend seines Landes das Stichwort zum Waffendienst in den Heeren der Alliierten, gegen den Judenmoerder Hitler; aber das tat der Leidenschaft keinen Abbruch, mit der er sich den rigorosen Verlegungen der Mandatsmacht gegen freie Einwanderung juedischer Naziverfolgter und gegen unbehinderte Bodenkaeufe durch Juden ,in Palaestina gleichzeitig sowohl mit politischen wie mit paramilitaerischen Mitteln widersetzte. Als er in den letzten Jahren vor der Gruendung seines Staates, auf dem Hoehepunkt di e s e s Existenzkampfes, zum entscheidenden rednerisc h e n Zweikampf mit dem Labour- Aussenminister Ernest Bevin antrat, der das juedische Aufbauwerk vollends strangulieren wollte, war es, als sei sein Namensvetter aus der Heiligen Schrift wieder erstanden, der Hirtenknabe David, der mit nichts als seiner Schleuder den schwergewappneten Riesen Goliath erlegte. David der Zweite, wie ihn sein Volk in Zion jetzt nannte, Ben Gurion fand keine Entspannung, auch nachdem er diesen “Goliath an der Themse” ueberwaeltigt, den Vereinten Nationen ihren Staatsgruendungsbesch 1 ms s im Herbst 1947 abgetrotzt und sein Israel nach dem wohlorganisierten Chaos, das die Englaender ein halbes Jahr danach bei ihrem Auszug heraufbeschworen hatten buchstaeblich aus dem Nichts ins Lebens gerufen hatte. Vor allem seiner Dynamik war nach einem zwoelf Monate langen Hin und Her geglueckter und auch missglueckter, stets blutiger Gefechte der erfolgreiche Abschluss des Krieges zu danken, den die Araber unverzueglich mit der numerischen Uebermacht von vier, fuenf Invasionsarmeen eroeff neten. Nach dem Waffenstillstand, im Fruehsommer 1949, unternahm er es mit gleicher Energie, die einzige wirkliche Demokratie im Nahen Osten mit der Knesseth, einer auf echten Wahlen beruhenden Volksvertretung, aufzubauen, mit unabhaengiger Justiz, ein e r unpolitischen “Verteidigungs armee” und mehr oder minder reibungslos funktionierenden Verwaltung. Allerdings aber entzuendete sich sein ungestuemes Temperament dennoch — oder gerade deshalb — auch jetzt immer wieder an inneren Widersachern wie von aussen, an der agressiven Gegnerschaft der Araber. Wenige Wochen nur, nachdem er den Staat ausgerufen hatte, waere es inmitten jenes israelisch - arabischen Krieges unter Umstaenden z u buergerkriegsaehnlichen Zustaenden gekommen, haette er ein Munitionsschiff der rechtsradikalen Fanatiker vor der Tel-Aviver Kueste nicht kurzerhand in die Luft gesprengt. Vier Jahre spaeter setzte er sich fast ebenso gewaltsam gegen sie durch, als sie die Knesseth in Jerusalem unter unbeschreiblichen Strassentumulten terrorisieren wollten, um die parlamentarische Gutheissung des Vertrags ueber die westdeutschen Wiedergutmachungszahlungen zu verhindern. Und vor jetzt gerad|e einem Jahrzehnt war es, dass er nach vielen Monaten staendiger Ueberfaelle durch arabische Grenzgaenger den Angriffsplaenen Abdel Nassers durch die Besetzung der Sinai-Halbinsel zuvorkam, die von den aegyptischen Militaers in ein akut drohendes Aufmarschglacis verwandelt worden war. Zwar liess er es sich in den gezaehlten Stunden der Müsse nicht nehmen, seinen Bildungshorizont staunenswert zu bereichern. Als beinahe Sechzigjaehriger lernte er - autodidaktisch! - Altgriechisch, um die Vorsokratiker und den von ihm bewunderten Plato im Original lesen zu koennen. Ein anderes Beispiel — seitdem ihn der ehemalige burmesische Ministerpraesident U-Nu in Sde Boker besucht hatte, kennt er sich im Buddhismus fast so gut aus wie in der Bibel, die ihm seit frueher Kindheit von ihrer ersten bis zur letzten Zeile vertraut ist. Doch dem kontemplativen Ben Gurion blieb, wie gesagt nur die knappe Freizeit des Kaempfers Vorbehalten. Auch nachdem er zur amtlichen Wuerde eines Regierungschefs aufgerueckt war, mangelte es ihm genau so wenig wie vorher an Konflikten, und er wich ihnen auch dann nicht aus, wenn ihn manche seiner engsten Mitarbeiter, so der besonnenere Aussenminister M. Scharet, davor warnten. Die Kraft, diese Konflikte durchzustehen, schoepfte er nicht zuletzt aus seiner Ueberzeugung, der Loyalitaet seiner Gesinnungsfreunde im Regierungsapparat, in der sozialdemokratischen Map a i, die er vor Jahrzehnten mitgegruendet hatte, und in seinem Offizierscorps sicher zu sein. EINER GEGEN , ALLE Was dann eine unheilvolle Bresche in diesen Glauben schlug, ist im letzten bis zur Stunde ungeklaert. Am Anfang stand vor etwa zehn Jahren eine folgenschwere, der Oeffentlichkeit in ihren Einzelheiten nie m a 1 s bekannt . gegebene Fehlentscheidung des staatlichen Sicherheitsdienstes. Dem verantwortlichen Minister, P Lavon, warf er den Fehdehandschuh hin und liess ihn massregeln. Doch den Argwohn, die die mysterioese Affaire in ihm ausgeloest hatte, uebertrug er in der Folge auf beinahe die gesamte “Alte Garde” seiner eigenen Partei, der Mapai. Sie beschuldigte er ploetzlich, unter der Hand an nicht weniger als seiner Kaltstellung gearbeitet zu haben, um ihn “bei lebendigem Leibe zu beerben”. Immer besinnungsloser steigerte er sich in manische Affekte hinein Hatte sich die Ueberzeugungtreue, das Elixier seines grossartigen Aufstiegs zum Charisma des Volksfuehrers, mit zunehmendem Alter zum Unfehlbarkeitswahn verhaertet; entartete die Bereitschaft des unentwegt streitbaren Ben Gurion, sich mit dem jeweiligen “Feind 1” auf Hieb und Stich zu messen, ebenso altersbedingt zu hasserfuellter Ablehnung sogar der naechststehenden Schiksals — und Weggefaehrten all der frueberen Jahre, ja Jahrzehnte? Wer sich zu seelenforscherischen Deutungsversuchen nicht bef ugt sieht, hat nur das Resultat zu verzeichnen: diesen seinen Mitarbeitern warf er nun fast in Bausch und Bogen vor, sie haetten sich nach dem Erfahrungssatz, dass die Macht boese macht, zu Opportunisten verwandelt, die es mit der Wahrheit und Gerechtigkeit nicht so genau nehmen, wie es die Ehre und Wuerde der Nation verlangen. Eine Ausnahme laest er seitdem nur fuer das kleine “Faehnlein der Aufrechten” gelten, die zusammen mit ihm der Mapai den Ruecken kehrten. Ihnen ver- (Fortsetzung Seite 25)